Wimbledon 2013

Sabine Lisicki im Finale - Es kann nur eine Siegerin geben

Die Berlinerin kämpft im Finale gegen Marion Bartoli um die Tennis-Krone von Wimbledon. Auf sympathische Art nimmt sie die Menschen dabei mit wie einst Boris Becker und Steffi Graf.

Foto: Gerry Penny / dpa

Als Sabine Lisicki, 23, am Montag das Achtelfinale gegen die Favoritin Serena Williams gewonnen hatte, entspann sich auf der Terrasse des Spielerzentrums von Wimbledon ein denkwürdiger Dialog.

Zwischen Lisicki und Barbara Rittner, der Bundestrainerin. Aufgepumpt mit Selbstbewusstsein, sagte Lisicki also: „Der Centre-Court ist jetzt wirklich mein Wohnzimmer, mein Zuhause.“ Rittner schaute Lisicki mit einem milden Lächeln an, das auch gewisse Zweifel an dieser forschen Einlassung verriet. Woraufhin Lisicki zurücklächelte und sagte: „Na ja, ich würde mir das Wohnzimmer auch mit Roger Federer, Novak Djokovic oder Andy Murray teilen.“ Rumms, das saß.

Und zwar genau so wie die Asse und Siegtreffer, die Lisicki schon seit zwei Wochen von ihrem Schläger zaubert. Zwei Jahre nach ihrem Durchmarsch bis ins Halbfinale beim wichtigsten Tennisturnier der Welt ist sie nun wieder das große Gesprächsthema in Wimbledon, in Deutschland und in der ganzen Welt.

1,87 Millionen Euro Siegprämie warten auf Lisicki

Dort, wo große Tenniskarrieren beginnen und ihre Höhepunkte erreichen, kann Lisicki an diesem Sonnabend (15 Uhr. Liveticker auf Morgenpost.de) in ihrem ersten Grand-Slam-Finale zum großen Schlag ins Glück ausholen.

Nur noch einen Sieg ist die 23-jährige Berlinerin von 1,87 Millionen Euro Prämie entfernt, dann, wenn sie gegen Frankreichs kapriziöse Marion Bartoli auf den geliebten Centre Court marschiert. „Ich lebe hier meinen Traum. Den Traum, den ich schon als Kind hatte. Den Traum, Wimbledon zu gewinnen“, sagt Lisicki.

Angst und Zweifel kennt sie nicht. „Es war bislang eine großartige Reise. Sie ist noch nicht zu Ende“, sagte sie am Freitag. Und Trainervater Richard Lisicki bestätigte: „Sie ist keine, die in so einer Situation ins Flattern gerät. Sie ist in all dem Trubel so ruhig wie das Auge im Zentrum des Hurrikans.“

Lisicki entfacht Begeisterungswelle in Deutschland und der Welt

Wimbledon und die Deutschen – das ist ja seit den Zeiten des „17-jährigen Leimeners“, des immer noch jüngsten Turnierchampions Boris Becker, und seiner ewigen Weggefährtin Steffi Graf eine ganz besondere Beziehung. Wimbledon ist auch und besonders ein magisches Markenzeichen im Sport, ein ikonenhafter Wettbewerb, der eine ganz außergewöhnliche Emotionalität und Bedeutung entfaltet.

Selbst wer sich nicht für Tennis interessiert, kennt Wimbledon. Und das erklärt vielleicht auch die Begeisterungswelle, die nun wieder über die Republik hereingebrochen ist. Und die sentimentalen Gefühle, die sich ausbreiten mit Lisickis Siegesserie. „Es ist wie eine Zeitreise zurück in die große deutsche Ära“, sagte Becker, in diesen Tagen als BBC-Kommentator in Wimbledon beschäftigt.

Er hatte den Centre Court von Wimbledon immer „sein Wohnzimmer“ genannt. Und so führte Becker für die BBC am Freitag ein Interview mit Lisicki. Doch die Berlinerin tauschte kurzerhand die Rollen mit ihm. „Ich hab ihm ganz viele Fragen gestellt“, sagte sie. „Ich finde es toll, dass er es gleich in seinem ersten Finale geschafft hat.“

Karriere der Berlinerin begann vor 15 Jahren

Lisicki kann eine Karriere krönen, die wie so viele ihrer Spiele auf dem Centre Court eine einzige Achterbahnfahrt ist. Ob es überhaupt einmal zum Einstieg ins professionelle Tourgeschäft reicht, war keineswegs ausgemacht, als das Abenteuer vor knapp 15 Jahren begann. Vater Lisicki, ein promovierter Sportwissenschaftler, der eigentlich wegen besserer Karrierechancen nach Deutschland gekommen war, gab seine akademische Karriere jedenfalls zu diesem Zeitpunkt auf und widmete sich ganz dem Training der Tochter.

Aber das Geld war knapp im Hause Lisicki, es musste gespart werden. Kreuz und quer reisten Vater Richard, Mutter Elisabeth und Tochter Sabine mit ihrem Wagen durch Europa, zu immer neuen Jugendturnieren. „Ich weiß noch genau, dass wir dieses Auto mit Kilometerstand 268.000 verkauft haben“, sagte Sabine Lisicki, „aber diese Zeit hat uns auch richtig zusammengeschweißt. Es gab große Entbehrungen, aber das hat den Hunger auf Siege nur größer gemacht.“

Der Durchbruch für die hoffnungsvolle Tennisfamilie kam dann, als Vater Lisicki den Kontakt zum Vermarktungsgiganten IMG fand, dem größten Player der Szene. Die IMG-Leute suchten ständig das nächste neue Gesicht, die Champions der Zukunft. Der Deal brachte kein Geld, aber er sparte Ausbildungskosten.

Lisickis Markenzeichen: Selbstbewusstsein und Lächeln

Sabine marschierte in die Akademie von Nick Bollettieri in Bradenton (Florida), bei dem Tennisgiganten wie Andre Agassi, Jim Courier, Monica Seles oder Maria Scharapowa die wichtigsten Lektionen erhalten und dann ihre Ausnahmekarrieren in Angriff genommen hatten. Bollettieri spürte rasch, dass er hier ein Talent unter seinen Fittichen hatte: „Sie hat die Gene eines Champions. Sie kann einmal die Nummer eins werden.“

Es ist eine Attitüde, die abfärbte auf Lisicki, dieses amerikanische Prinzip „Think big“. Dieses konsequente Selbstbewusstsein, das die junge Deutsche später auch auf den Courts spazieren trägt. Und dieses strahlende Lächeln, das fast nie aus ihrem Gesicht weicht und das Bollettieri ihr eingeimpft hat: „Wenn du lächelst, bist du stark. Und denkst nicht ans Scheitern.“ Ihr Spiel ist Ausdruck dieses Gefühls. Zupackend, dynamisch, forsch.

Und als sie schon in jungen Jahren die Siegschläge in Hochgeschwindigkeit ins Feld ihrer Gegnerinnen trommelt, ist da eine Ahnung von etwas Großem im Werden. Mit 19 Jahren wird Lisicki in Wimbledon als „Erbin von Steffi Graf“ gefeiert, da hat sie 2009 erstmals das Viertelfinale erreicht. Frau Graf und Fräulein Lisicki finden das nicht so originell: „Lasst Sabine doch Sabine sein“, verkündet Graf aus Las Vegas.

Schon als Kind in London verliebt

Lisickis Laufbahn erlebte auch Rückschläge, Verletzungsprobleme kamen, sie wurde bei den US Open in New York mit Knöchelverletzung im Rollstuhl vom Platz gefahren – und in Paris bei den French Open mit einer Trage aus der Arena gebracht, ein Zusammenbruch, angeblich wegen einer Glutenallergie.

Doch Wimbledon, das Turnier der Turniere, ist irgendwie immer gut zu ihr. Zu der Spielerin, die sich sofort in die grünen Felder der Träume verliebt hat, schon als sie mit Vater und Mutter in Kinderzeiten zu Besuch war. „Ich habe schon damals die besondere Atmosphäre gespürt. Ich sagte mir: Hier will ich einmal auf dem Centre Court stehen und gewinnen.“

Lisicki-Tennis ist wie Becker-Tennis früher, eine große Show, ein Nervenspiel, permanentes Drama. Und genau deshalb so mitreißend. „Bei mir weiß man nie“, hat Becker einmal gesagt, als er eines seiner irren Matches gewonnen hatte – und das gilt ohne Einschränkung auch für die junge Frau aus Berlin, deren Auftritte nichts für Herzschwache sind. Sie verliert manchmal Spiele, die sie schon klar gewonnen zu haben schien.

„Eins ist sicher: Kalt lässt Sabine keinen“

Aber sie gewinnt noch lieber und zum Glück auch häufiger Spiele, bei denen schon alles verloren schien – so wie in Wimbledon gegen Serena Williams oder Agnieszka Radwanska. „Sie nimmt einen schon auf eine strapaziöse Reise mit“, sagt Bundestrainerin Rittner, „aber es ist eben auch großer Spaß, es ist Tennis, das man lieben muss.“ Martina Navratilova, die neunmalige Wimbledon-Siegerin, findet das auch: „Eins ist sicher: Kalt lässt Sabine keinen.“

Schon gar nicht im All England Club. Dort ist die strahlende Deutsche, die von sich sagt: „Wimbledon macht einen anderen Menschen aus mir“, inzwischen längst der große Liebling. „Keine Spielerin liebt Wimbledon seit Boris Becker so wie Sabine“, sagte der Tenniskorrespondent der „Times“, Neil Harman, „und deshalb lieben die Fans sie auch, diese lächelnde Siegerin.“

Schon vor den ersten Ballwechseln hatte Lisicki das Gefühl, „dass hier etwas Tolles möglich ist für mich“. Sie war gekommen, um lange zu bleiben, spielte dann tatsächlich das beste Tennis ihres Lebens und steht nun vor dem ersten Höhepunkt ihres Sportlerlebens. „Ich habe nie den Glauben an mich verloren, nicht in all den Jahren seit der Kindheit“, sagte Lisicki, „und auch nicht in diesem Turnier.“

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