Tennis

Boris Becker - „Sabine Lisicki gewinnt Wimbledon 2013“

Tennis-Idol Boris Becker gewann dreimal das Turnier in England. Im Interview mit der Morgenpost lobt er die Nervenstärke und den Rhythmus der Berlinerin und traut Sabine Lisicki den Sieg zu.

Foto: CJ/agz / AFP/Getty Images

Boris Becker (45) war während seiner Zeit als Tennis-Profi einer der prägendsten Spieler in Wimbledon. Der gebürtige Leimener ist bis heute der jüngste Champion der Turniergeschichte, 1985 gewann er mit 17 Jahren. Er siegte auch in den Jahren 1986 und 1989 und stand weitere vier Mal im Endspiel. Becker holte sich in seiner 15 Jahre dauernden Karriere insgesamt 49 Titel, darunter waren sechs Grand-Slam-Erfolge.

Berliner Morgenpost: Herr Becker, 14 Jahre nach Steffi Grafs letztem Finale steht wieder eine deutsche Spielerin im Wimbledon-Endspiel: Sabine Lisicki.

Boris Becker: Es ist ein großartiger Erfolg für Sabine. Sie hat sich diese Chance auf den Titel auch mehr als verdient. Sie war die Spielerin, die dieses Turnier geprägt hat – mit ihrem Tennis, aber auch mit ihrem charmanten, gewinnenden Auftreten. Sie hat sich in die Herzen der Fans gespielt.

Was geben Sie ihr mit auf den Weg – in dieses Grand-Slam-Finaldebüt?

Einen einfachen Rat. Die Nerven behalten. Nichts verändern, den Rhythmus beibehalten. Eigentlich die Dinge tun, die man getan hat, um auch ins Finale zu kommen.

Hört sich tatsächlich einfach an, ist aber nicht jedem gelungen.

Aber Sabine ist der Typ dafür. Ich habe schon den Eindruck, dass sie in all dem Trubel extrem ruhig und gelassen bleibt. Und diese Aufmerksamkeit auch genießt, positiv für sich nutzt. So musst du auch ticken, wenn du etwas Großes schaffen willst: Du darfst keine Angst haben vor einem Auftritt auf so einer Bühne, vor so einem Finale. Du musst es genießen können. Diese Qualität und diese Charakterzüge hat Lisicki, sie hat es schon oft genug bewiesen.

Als Spielerin ist sie enorm gewachsen in diesem Wimbledon 2013, gerade mit den Siegen in der zweiten Woche?

Absolut. Sie ist gereift, wirkt sehr souverän, setzt ihr Spiel am Ende immer durch. Besonders stark war ihr Auftritt im Match gegen Kanepi: Wie sie sich da wieder selbst aufgefangen hat nach dem Supererfolg gegen Williams – Hut ab, das war klasse. Da habe ich für mich zum ersten Mal den Gedanken zugelassen: Sabine Lisicki gewinnt Wimbledon 2013.

Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie zu Ihrem ersten Finale herausmarschierten, 1985 gegen Kevin Curren?

Es gab ein gesundes Lampenfieber. Es gab Respekt vor dem Gegner. Aber ich hatte einfach das überwältigende Gefühl: Diese Mission ist noch nicht zu Ende, du musst dir jetzt holen, was dir gehört. Im Nachhinein kann ich sagen: Mit dem Halbfinale und dem Endspiel begann erst so richtig der Turnierspaß, da war dieses Prickeln da.

Was bedeutet dieser Erfolg des Finaleinzugs für die Karriere Lisickis?

Erst mal gilt es jetzt, diese Reise hier zu beenden. Mit einem Sieg, den ich ihr zutraue, auch wenn Bartoli eine sehr gefährliche Gegnerin ist. Sabine ist noch jung, wird über viele Jahre in Wimbledon zu den bestimmenden Spielerinnen gehören. Sie muss künftig aber über die ganze Tennis-Saison mehr Konstanz zeigen, auf durchweg höherem Niveau spielen. Sie sollte sich nicht automatisch darauf verlassen, immer in Wimbledon etwas Tolles zu schaffen – auch wenn sie dieses Turnier so liebt. Das wäre einfach nicht ausreichend für eine Spielerin ihres Niveaus. Ich glaube, die Verpflichtung eines neuen Trainers neben Vater Lisicki ist ein guter Schritt in die richtige Richtung.

„Wimbledon 2013 spielt verrückt“ – So könnte man diesen Grand Slam überschreiben. Was sagen Sie denn zum Verlauf des diesjährigen Turniers?

Es war und ist ein außergewöhnliches Wimbledon, um es mal milde auszudrücken. Aber ich gebe zu: Mich freut dieses Spektakel, diese Turbulenzen, diese Aufregung. Endlich ist die Hackordnung mal richtig durcheinandergerüttelt worden. Wenn bei den Grand Slams immer nur die Favoriten siegen, bei Herren und Damen, wird’s doch langweilig. Dieser frische Wind tut dem Sport nur gut. Also auch eine wie Sabine Lisicki.

Ein denkwürdiger Moment dieses Turniers von Wimbledon war der Abgang von Roger Federer in der zweiten Runde, so früh wie nie zuvor seit neun Jahren bei einem Grand Slam.

Das hat mich nun wirklich umgehauen und überrascht. Denn Stachowski, sein Gegner, ist alles andere als ein Rasenspezialist, hat noch nie ein großes Turnier gewonnen. Und deshalb war das für mich auch ein Anzeichen, dass die Ära Federer sich nun vielleicht dem Ende zuneigt.

Was bedeutet eigentlich nach all den Jahren noch Wimbledon für Sie, diese beiden Wochen im All England Club?

Als Nachbar habe ich vor allem mit Parkplatzproblemen zu kämpfen, da ist selten was frei für mich selbst (lacht). Aber nein, es ist immer noch die schönste Zeit des Jahres, ein Turnier wie kein anderes auf der Welt. Ein Turnier, bei dem ich als Spieler geboren wurde, das meine Karriere definiert hat. Und ein Turnier, das immer wieder wunderbare Erinnerungen weckt. Allein schon deshalb, weil ich fast allen wieder begegne, mit denen ich früher meine Kämpfchen ausgetragen habe auf dem Rasen.

Welcher Moment war der, der Ihnen bisher am meisten im Gedächtnis geblieben ist von diesem Turnier?

Es gab zwei. Der traurige Abgang von Roger Federer vom Centre Court nach seinem Aus, eine Szene, die über den Tag hinaus sowieso Wirkung haben könnte. Und dann der Augenblick, wie Sabine Lisicki nach dem Matchball gegen die haushohe Turnierfavoritin Serena Williams auf den Boden fällt – und auf dem Rasen des Centre-Court liegt.

>>>Verfolgen Sie hier Sabine Lisickis Weg ins Wimbledon-Finale<<<