Wimbledon

Sabine Lisicki auf dem Weg zum Super-Tennisstar

Nur noch ein Sieg in Wimbledon, dann wäre Sabine Lisicki ein Weltstar. Doch bei allem Erfolg ist sie bescheiden und bodenständig geblieben. In Berlin sammelt sie die Kraft für ihre Karriere.

Rund zwei Kilometer von Wimbledons Centre-Court entfernt hat die Tennisfamilie Lisicki in diesen aufregenden Tagen ihr eigenes Domizil. Und dort, im angemieteten Heim in Londons Südwesten, herrscht zwischen den Spielen Ruhe.

Momente der Besinnung

Solche Momente der Besinnung sind immens wichtig. „Bei einem Grand-Slam-Turnier steht man so unter Strom, dass man kaum richtig entspannen kann. Tausend Gedanken schießen einem dauernd durch den Kopf“, sagt Sabine Lisicki, auch „Boom-Boom-Bine“ genannt und inzwischen Turnierfavoritin der Offenen Englischen Meisterschaften - vor allem nach ihrem spektakulären Einzug ins Finale., „ich bin froh, dass wir so einen abgeschiedenen Platz haben. Da kann mal richtig durchatmen.“

Das gute Essen von Mama Elisabeth jedenfalls genoss die Sensationsdarstellerin besonders: „Mutti kocht einfach am besten“, sagte die Spielerin, die am Donnerstag so dramatisch gegen die Polin Agnieszka Radwanska gewann und nun zum ersten Mal ins Wimbledon-Endspiel einzieht – als erste Deutsche seit Steffi Graf 1999.

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Rund um das familiäre Idyll ist längst neue Hysterie ausgebrochen. Wie schon vor zwei Jahren ernannte der „Daily Mirror“ die Berlinerin zur „Britin ehrenhalber“ und befand: „Ihr Lächeln macht dieses Turnier so viel schöner“. Lisicki ist derzeit tatsächlich die fröhlichste Spielerin auf der Tour, das amerikanische Tennismagazin vermutete gar, dass der müdeste Muskel in ihrem Körper sich irgendwo in ihrem Gesicht befinden muss. Aus dem fernen Las Vegas rühmte gar Steffi Graf das Auftreten ihrer potenziellen Nachfolgerin. „Ich denke, dass sie eine gute Chance hat aufs Finale“, schrieb die 44-Jährige bei Facebook.

„Ich war noch zu klein, um sie wirklich bewusst als Spielerin erleben zu können“, lehnt Lisicki Vergleiche mit der Ikone stets bescheiden ab. „Supernett“ sei Steffi, man habe ja auch schon mal gemeinsam in Las Vegas gegessen, „Andre, Steffi und ich. Sie sind unheimlich nette Menschen, sehr bodenständig und unkompliziert“. Und nein, „über Tennis haben wir da gar nicht geredet“.

Dabei ähneln sich ihre Karrieren doch sehr. Wie einst bei Graf ist Lisickis Aufstieg stark vom Vater geprägt. Wie Mutter Elisatbeth war Sportwissenschaftler Richard Lisicki (Promotion zum Thema „Trainingsmethoden für die Entwicklung der Schlaggeschwindigkeit unter Beibehaltung der Schlagpräzision“) aus Polen ausgesiedelt und förderte, wo es nur ging, als die in Troisdorf/Rheinland geborene Sabine mit sieben Jahren mit dem Tennis anfing. Im Jahr 2000 zog die Familie des Sports wegen nach Berlin. Richard hatte beim noblen Tennisklub Rot-Weiß eine Trainerstelle erhalten und konnte seine Tochter im Grunewald nun noch besser fördern.

Eine Wohnung bezogen die Lisickis aber im Plattenbau-Bezirk Hohenschönhausen. Und dort leben sie noch heute, obwohl Sabine inzwischen über zwei Millionen Euro Preisgeld gewonnen hat und dank Vermarkter IMG ansehnliche Sponsorenverträge mit Nike und Longines besitzt. „Berlin ist ganz klar meine Heimat. Ich bin hier auf die Sportschule gegangen, habe die Vorzüge des Olympiastützpunktes genutzt. Hier leben meine Freunde“, sagt Lisicki. Hier kann sie das Mädchen von nebenan sein, auch wenn sie öffentliche Auftritte bei Galas inzwischen auch gern mal in selbst entworfener Mode zelebriert.

Mit 14 hatte sie der Vater dann nebenher noch im Camp des legendären Tennisgurus Nick Bollettieri in Bradenton/Florida untergebracht, noch heute hält sie sich dort einen Zweitwohnsitz. Heimat und Erdung sind ihr nämlich wichtig, schließlich ist sie in jeder Saison 35 Wochen und mehr unterwegs. Und immer sind ihre Eltern dabei: „So fehlt mir nichts, wenn ich unterwegs bin.“ Die Beziehung zu Olympiaschwimmer Benjamin Starke sei längst abgekühlt, heißt es in Sportlerkreisen.

Und dennoch reißen die Verbindungen ins Sportforum nicht ab. Hier wurde Lisicki nicht nur medizinisch wieder aufgebaut nach den Verletzungen, die sie 2009, 2011 und 2012 zurückwarfen. Lisicki erinnert sich nur zu gut an die Stunden in der Physiotherapie: „Da liegst du neben Robert Harting oder Britta Steffen auf der Behandlungsbank, und man motiviert sich gegenseitig, wieder fit zu werden.“ Ähnlich wie Schwimmstar Steffen hält auch Eishockey-Profi Constantin Braun steten Kontakt mit Lisicki. „Wir waren in einer Schulklasse und haben uns dort genauso selten gesehen wie heute, weil wir viel unterwegs waren. Die Englischprüfung mussten wir zusammen nachholen - und haben mit Bravour bestanden“, erzählt der Hüne.

Beliebt bei anderen Athleten

„Und wenn wir uns heute treffen, berichten wir immer die jüngsten Erlebnisse. Sabine hat sich trotz ihrer Erfolge kein bisschen verändert.“ Verteidiger-Hüne Braun, nach dem letzten Meistertitel des EHC Eisbären sogar zum wertvollsten Spieler der Liga gewählt, schaut dieser Tage jedes Match in Wimbledon auf Sky und sagt: „Heute gebe ich überall an, dass ich Sabine gut kenne und sie mir sogar mal eines ihrer Shirts geschenkt hat. Und obwohl ich selbst bis 14 Tennis gespielt habe, würde ich Sabines Aufschlag nicht annehmen wollen. Bei 210 Stundenkilometern bricht mir womöglich der Arm.“

Brauchen wird Lisicki diese besondere Qualität auch am Sonnabend, wenn sie gegen Marion Bartoli spielt - in einem Match, in dm es um nicht weniger als die Krone des Tennis geht, das 14 Uhr beginnt und dass Sie live bei der Berliner Morgenpost verfolgen können. Aber ausgeruht genug ist sie nun ja.