Zumindest in einem Punkt war sich Mithat Demirel sicher. „Das wird ein langer Sommer“, sagte der Sportdirektor von Alba Berlin und schnaufte tief durch. Abgesehen davon herrscht beim Basketball-Bundesligisten allerdings wenig Gewissheit.

Was passiert mit den ausländischen Leistungsträgern, deren Verträge im Sommer auslaufen? Bleibt Trainer Sasa Obradovic? Die Chance, dass das Team nach dem dramatischen Halbfinal-Aus gegen Titelverteidiger FC Bayern zerfällt, ist höher als Albas Freiwurfquote im letzten Spiel der Saison. Zur Orientierung: Sie lag bei 84 Prozent.

Wer wollte, konnte Obradovics Worte schon als Abschiedsrede deuten. „Ich möchte dem Klub danken, dass er mir die Chance gegeben hat, hier zu arbeiten“, sagte der Serbe. „Ich bin sehr erschöpft, ich brauche jetzt erst mal eine Pause.“ Wie seine Zukunft aussehe, könne er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.

Leistungsträger nicht zu halten

Geschäftsführer Marco Baldi warnte allerdings davor, die Worte der Trainers „auf die Goldwaage zu legen“. Nicht nach einem Spiel, dass „nur durch ein My“ entschieden wurde; dessen Resultat schmerze „ohne Ende“. Gedankenspiele über die Wahrscheinlichkeit eines Abschieds seien reine Spekulation zum völlig falschen Zeitpunkt.

Stattdessen warf Baldi lieber einen Blick zurück – enttäuscht, niedergeschlagen, aber nicht weniger stolz. „Das war ein außergewöhnliches Team“, sagte er. „Die Mannschaft hat Willen, Leidenschaft und eine Gemeinschaft entwickelt, wie ich es in 25 Jahren extrem selten erlebt habe.“

Dass er dabei in die Vergangenheitsform rutschte, war kein Zufall. Auch Baldi weiß: Das Alba Berlin der Saison 2014/15, an das sich die Fans noch lange erinnern werden, ist bereits Vergangenheit.

Das Optimum herausgeholt

Reggie Redding verabschiedete sich am Donnerstagabend per Handschlag von den Berliner Journalisten, bevor er in die Kabine entschwand. Ein Indiz mehr, dass die Berliner ihren zweitbesten Werfer nicht werden halten können. Kein Einzelfall. Redding, Alex Renfroe, Clifford Hammonds und Top-Scorer Jamel McLean haben durch ihre eindrucksvollen Auftritte in der Europa League genauso viele Begehrlichkeiten geweckt wie die Center Marko Banic und Leon Radosevic.

„Es gibt Gegebenheiten, die muss man akzeptieren“, sagte Baldi. Albas Ressourcen sind begrenzt. In puncto Gehalt eine Schippe draufzulegen, sei nicht möglich, „das wird nicht gehen“, machte Baldi deutlich. Von einem Spieler wie NBA-Profi Dennis Schröder, mit dem sich Obradovic nach der Partie angeregt unterhielt, braucht der Trainer nicht zu träumen. So er denn überhaupt in Berlin bleibt. Nach dem, was der Coach mit seinem Team erreicht hat, gilt er als ähnlich begehrt wie seine Top-Spieler.

Auf der Suche nach neuen Gesichtern will – und muss – Alba seiner Philosophie treu bleiben: Die sportliche Führung wird erneut versuchen, Spieler zu verpflichten, die unter dem Radar der internationalen und nationalen Konkurrenz fliegen, und sie mit größtmöglichem Vertrauen ausstatten. Dass dieses Konzept genauso hervorragend aufgeht wie in der jüngsten Vergangenheit, ist jedoch alles andere als selbstverständlich. „Wir haben aus unseren Möglichkeiten wirklich das Optimum herausgeholt“, ist sich auch Baldi bewusst.

Finanzstarke Konkurrenz

Immerhin: Das Gerüst aus deutschen Spielern bleibt Alba erhalten. Wie wichtig die einheimischen Akteure für das Team sind, unterstrich McLean. Nachdem er zum wertvollsten Spieler der Bundesliga gekürt wurde, hatte der Center explizit seinen hiesigen Kollegen gedankt. „Es ist doch schön, wenn die deutschen Charaktere die US-Jungs extra pushen“, sagte Akeem Vargas.

Während sich der Nationalspieler nach kurzem Urlaub auf die Europameisterschaft vorbereiten wird, kommt auf Mithat Demirel eine Menge Arbeit zu. „Es wird ein neuer Zyklus beginnen“, sagte der frühere Profi. Die Herausforderung ist gewaltig – auch, weil sich die Bedingungen auf dem Transfermarkt noch verschärft haben.

In der Türkei, erzählt Demirel, lockten inzwischen selbst mittelmäßige Klubs mit Gehältern, bei den Alba passen muss. Seine Prognose wird sich wohl bewahrheiten. Es wird ein langer Sommer.