Svetislav Pesic war rundum zufrieden. „Das war heute Männer-Basketball“, sagte der Trainer von Bayern München nach dem 85:73 seiner Mannschaft im zweiten Play-off-Halbfinalspiel gegen Alba Berlin. Der Münchner Trainer hatte am Donnerstagabend besonders sein Team im Auge, das mit knallharter Verteidigungsarbeit die Berliner zermürbt hatte. So will es der Meistertrainer sehen, der – wie auch sein Berliner Kollege Sasa Obradovic – die Defensive als die entscheidende Grundlage im Titelkampf sieht. Da gehören Schubsen, Schieben und Drücken noch zu den harmlosesten Handlungen auf dem Feld.
In der ersten Partie hatte es anders ausgesehen. Da war Alba das aggressivere, physisch stärkere Team, das seinerseits den Bayern den Zahn gezogen hatte. Für Pesic hatte seine Mannschaft bei Albas 81:55 am vergangenen Sonntag in Berlin „wie eine Junioren-Mannschaft“ agiert. Einmal so, einmal so – entsprechend steht es nun 1:1 nach Siegen, wenn die beiden defensivstärksten Mannschaften der Liga sich am Sonntag in Berlin (O2 World, 16 Uhr) im dritten Aufeinandertreffen in der Best-of-Five-Serie gegenüberstehen.
Beide Teams sind besonders defensivstark
Ewig lange her sind die Zeiten, als Basketball noch als körperloses Spiel galt, längst ist es ein Sport für Hartgesottene. So wie sich das Handballspiel zu einer Auseinandersetzung entwickelt hat, die sich manchmal nahe am Tatbestand der Körperverletzung befindet, ist auch das Spiel auf die Körbe peu à peu härter, körperlicher geworden. Die Attraktivität hat allerdings dadurch stark zugenommen.
Im Play-off, wenn die Saison in die entscheidende Phase geht, wenn jedes Spiel noch wichtiger ist, wenn die Emotionen auf und neben dem Spielfeld noch höher schlagen, geht es noch einen Zacken schärfer zur Sache. Entsprechend wichtiger ist dabei nun die Rolle der Schiedsrichter.
In der Wertung, wer mit den Referees nicht zufrieden war, steht es übrigens ebenfalls 1:1. In Berlin haderten die Münchner. Nach dem Spiel diskutierte Pesic noch lange erregt mit Robert Lottermoser, Deutschlands anerkanntestem Schiedsrichter. In München, als die fraglos hohe Zahl von 56 Fouls gepfiffen und 63 Freiwürfe zuerkannt wurden, waren die Berliner sauer. Eine „ganz andere Regelauslegung“ des Unparteiischen-Trios um Boris Schmidt als in Spiel eins beklagte Albas Sportdirektor Mithat Demirel.
Zuletzt gab es in einem Spiel 63 Freiwürfe
Ließen Lottermoser und Co. viel mehr durchgehen als Schmidt und seine beiden Mitstreiter vier Tage später? Waren die Letztgenannten zu pingelig? Die einen sagen so, die anderen so. „Die Linie der Schiedsrichter richtet sich auch nach dem Fortgang der Serie, man stellt sich darauf ein“, sagt Jens Staudenmayer. Das heißt wohl, dass mit zunehmender Dramatik und Emotionalität etwas mehr durchgegriffen wird.
Staudenmayer ist Leiter Sport bei der Basketball-Bundesliga, er ist dabei unter anderem für den gesamten Bereich Schiedsrichter inklusive deren Fortbildung und Beobachtung zuständig. Der 47-Jährige war einst selbst ein sehr renommierter Referee, der 850 Ligaspiele und 105 Partien auf internationaler Ebene leitete.
Staudenmayer gilt als Mann des offenen Wortes, der, wenn es nötig ist, intern schon mal harsche Kritik übt. Aus seiner Sicht wurden bisher beide Halbfinals zwischen Berlin und München „gut kontrolliert“. Nur in Bezug auf das Geschehen an der Seitenlinie, hätte er sich gewünscht, dass von den Herren in schwarz-grau „nachhaltiger“ eingegriffen worden wäre. Sprich: Pesic und Obradovic, die es bekanntermaßen nie in der für sie vorgesehenen Coaching- Zone hält, hätten ein bisschen besser zur Räson gebracht werden sollen.
Immer mehr taktische Fouls
Was Staudenmayer überhaupt nicht gefällt, ist die „deutliche Tendenz, dass gerade im Play-off der Spielfluss durch taktische Fouls dauernd unterbrochen wird“. Diese Manöver ließen sich, wenn sie im Rahmen eines normalen Fouls blieben, eben nur durch klassische Foul-Pfiffe ahnden. Unsportliche oder technische Fouls sieht das Regelwerk dafür nicht vor. Für die Zuschauer sei ein zerhacktes Spiel allerdings „alles andere als schön“. Für Staudenmayer steht fest: „Das ist eine Seuche.“
Am Sonntag ist nun wieder „Männer-Basketball“ zu erwarten, von beiden Seiten. Über die Schiedsrichter können sich die Mannschaften im Vorhinein keine großen Gedanken machen. Wer pfeift, bleibt geheim. Die Unparteiischen kommen zwei Stunden vor Spielbeginn in die Halle. Als nicht von allen gern gesehene Überraschungsgäste.




