Basketball

Niels Giffey ist bei Alba der Mann für die Zukunft

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Dietmar Wenck

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Niels Giffey erlebt bei Alba Berlin seine erste Profisaison mit Höhen und Tiefen. Dennoch ist er bereits sehr wichtig für den Verein. Und das will er bald auch noch mehr auf dem Spielfeld zeigen.

Niels Giffey kommt ganz leger daher: olivfarbene Hose, graues Sweatshirt, neonorangene Turnschuhe. Das Outfit passt zum Ortstermin. Wieder mal steht so einer an für den Basketballspieler von Alba Berlin, heute im Heinrich-Schliemann-Gymnasium in Prenzlauer Berg. Autogrammstunden, unzählige Interviews, sogar eine Einladung vom ZDF ins Aktuelle Sportstudio gab es – der 24-Jährige hatte viele PR-Auftritte in seiner ersten Profisaison, mehr als die Teamkollegen. Aber dieser hier ist anders: „Ich hab ja selbst in den Schuhen dieser Kids gesteckt.“ Er besucht den neuen Kurs „American Basketball“ aus dem Programm „Alba macht Schule“. Eine ehemalige Lehrerin fragt ihn, ob sie ihn jetzt siezen muss. Giffey lächelt. Natürlich nicht!

Abitur mit Note 2,2 bestanden

Vor fast fünf Jahren hat er im Schliemann-Gymnasium Abitur gemacht, Durchschnittsnote 2,2. Seitdem ist die Zeit gerannt. Giffey steckt längst mitten in seiner nächsten Reifeprüfung. Mögen andere im Alba-Spiel noch eine wichtigere Rolle einnehmen, der gebürtige Berliner ist trotzdem so etwas wie der Königstransfer des Vereins. Der besondere Stolz, einer, der aus dem eigenen Nachwuchsprogramm hervorgegangen ist. Der Beweis, dass es funktioniert.

Andere wollten den Zwei-Meter-Mann, der mit der Alba-Jugend Deutscher Meister geworden, aber nach dem Abitur ans College gezogen war, auch verpflichten. In den USA hat er mit den Huskies der University of Connecticut Furore gemacht, zweimal die Meisterschaft gewonnen. Beide Male wurde er deshalb mit seiner Mannschaft von US-Präsident Barack Obama eingeladen. Er gehört zum Nationalteam. In Bamberg haben sie ihm mehr Geld geboten.

Schritt vom College nach Europa war größer als erwartet

Doch Giffey entschied sich für Berlin, weil ihn das Paket in seiner Heimatstadt überzeugte: ein ambitionierter Klub, der auf deutsche Spieler setzt, Trainer Sasa Obradovic, die Euroleague. Gute Argumente. Und hier sind seine Wurzeln, seine Familie. Am Sonntag (17 Uhr, O2 World) trifft Alba im ersten Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft auf Bayern München. „Das wird ein ziemlicher Showdown“, glaubt Giffey, der nach drei Siegen in vier Saisonvergleichen beider Teams sehr zuversichtlich klingt: „Irgendwie haben wir es geschafft, in jedem Spiel gegen sie einen Weg zum Sieg zu finden.“

Seinen eigenen Weg sucht Giffey noch. Der Schritt vom College in den Profi-Basketball war größer, als er sich das vielleicht vorgestellt hat. „Es ist eine komplett andere Belastung, ein komplett anderes Leben, es sind komplett andere Erwartungen“, zählt Alba-Geschäftsführer Marco Baldi auf, „es ist nicht zu vergleichen.“ Die Zahl der Spiele, die Qualität der Gegner, die ausgeklügelten Spielsysteme, wo jeder Fehler sofort bestraft wird, besonders in der Europaliga. Und wo jeder Fehler auch schonungslos angesprochen wird vom nie zufriedenen Trainer Obradovic.

Erst Kritik, dann viel Lob von Trainer Obradovic

Normal, dass auch Giffey Fehler machte. Und weiter macht, aber es sind weniger geworden. „Wir wussten, es wird Höhen und Tiefen geben“, sagt Mithat Demirel. Albas Sportdirektor war selbst in die USA gereist, um sich das Ja-Wort des begehrten Spielers zu holen. „Wir sind glücklich, dass er bei uns ist. Niels passt aus sehr vielen Gründen sehr gut zu Alba.“

Was sie besonders schätzen an ihm, ist seine Einstellung. Giffey kann sich selbst gut einschätzen. Hat er schlecht gespielt, erkennt er das. Wird er ausgewechselt, hadert er zwar auch. Aber mit sich, er sucht nicht die Schuld bei anderen, beim Trainer etwa. Obradovic lobt ihn geradezu überschwänglich: „Niels zeigt nie Frustration, er bleibt immer positiv. Er kreiert eine gute Atmosphäre im Team. Er will dazulernen und ist sehr fleißig.“ Zusammengefasst: „Er ist eine großartige Persönlichkeit für unser Programm. Für jedes Programm.“

Statt 30 Saisonspielen sind es jetzt plötzlich 70

Giffey genießt das Vertrauen des Trainers, stand in rund zwei Drittel aller Spiele in der Startformation, bekommt im Schnitt knapp 18 Minuten Einsatzzeit – nicht schlecht in der ersten Profisaison. Seine Statistiken sind mit sieben Punkten und zwischen zwei und drei Rebounds pro Spiel ordentlich. Aber natürlich ausbaufähig. „Ich glaube, ich habe mich ganz gut gemacht“, sagt der Flügelspieler, „ich bin zufrieden mit meiner Rolle, wie ich im Team funktioniere. Gerade in der Defense hat Sasa mir viel beigebracht.“ Wobei: „Ganz zufrieden bin ich nie.“ In der Offensive schlummert noch großes Potenzial, besonders der Zug zum Korb fehlte, den er aber zuletzt häufiger probierte. In der Verteidigung das schnellere Antizipieren, das Bällestehlen, das Blocken beim Wurf eines Gegners. Auch das klappte im Viertelfinale gegen Oldenburg schon besser als zuvor.

Vieles hängt mit der körperlichen Herausforderung zusammen. Am College hatte er 30 Spiele, in dieser Saison sind es schon über 60. Es könnten über 70 werden. Im Sommer folgt noch die EM mit der Nationalmannschaft. „Die Saison ist extrem lang und belastend“, gibt er zu, „das war die größte Umstellung für mich.“ Hätte man ihn im Januar gefragt, ob er müde sei, hätte er geantwortet: „Ich bin total platt.“ Fast überrascht es ihn jetzt, vier Monate später, „wie man es doch immer wieder hinkriegt, den schlappen Körper in harten Phasen auf Vordermann zu bringen“.

Auf dem Plakat schon in einer Reihe mit Alba-Legenden

Aber man erwartet offenbar noch mehr von ihm. Etwas irritierend wirkte, dass Alba zu Beginn seiner 25. Saison ein Plakat veröffentlichte, auf dem neben Legenden wie Wendell Alexis und Henrik Rödl auch Giffey abgebildet war. Er selbst nannte das zurückhaltend „eine große Ehre“. Aber so etwas kann auch erdrückend sein. „Das war nicht als Vergleich gemeint, sondern in die Zukunft gesehen“, beruhigt Demirel, „Niels will aber auch kein Mitläufer sein. Er wird in seine Rolle reinwachsen.“ Er soll mehr als ein guter Schütze und bissiger Verteidiger sein, mehr Verantwortung übernehmen. Obradovic sagt: „Es wird interessant sein zu sehen, wo er noch hinkommen kann. Er kann noch viel erreichen.“

Dem 24-Jährigen selbst gefällt das zumindest besser, als in seiner ersten Alba-Saison als Rookie bezeichnet zu werden, als Anfänger also. „Das hat so was von: Spiel deine sechs Minuten, mach deine Fehler. Das würde ich ganz klar zurückweisen.“ An solchen Maßstäben werde er von den Verantwortlichen im Verein zum Glück nicht gemessen.

An solchen Maßstäben misst sich Niels Giffey vor allem selbst nicht.