Basketball

Alba-Talent Ismet Akpinar steht vor seiner Reifeprüfung

Nachwuchshoffnung Ismet Akpinar will endlich beweisen, dass er Alba Berlin auf Top-Niveau helfen kann. Warum die Partie gegen Galatasaray für den 19 Jahre alten Deutsch-Türken eine ganz besondere ist.

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Und plötzlich steht er doch im Fokus. Beim Medientraining von Alba Berlin war Ismet Akpinar am Dienstag der gefragteste Gesprächspartner im Team des Basketball-Bundesligisten. Das ist verwunderlich, schließlich hat der 19 Jahre alte Aufbauspieler seinen Stammplatz zumeist auf der Bank.

Betrachtet man die aktuellen Umstände, kommt man an Akpinar jedoch nicht vorbei. Weil Alba zwei Spielgestalter fehlen und Akpinar als Deutsch-Türke vor dem Euroleaguespiel gegen Galatasaray Istanbul am Donnerstag (21 Uhr, O2 World) schon aufgrund seiner Vita ein interessanter Gesprächspartner ist. „Dieses Spiel“, sagt Akpinar, „wird ein Highlight für mich.“

Auf solche Höhepunkte hat der gebürtige Hamburger lange warten müssen. Als Jugendspieler war Akpinar in Deutschland zwar das Maß aller Dinge, sowohl in der Jugend- als auch in der Nachwuchs-Bundesliga wurde er wertvollster Spieler, Albas U19 führte er im vergangenen Jahr zur Deutschen Meisterschaft. Die Chance, sich bei den Profis zu beweisen, bekam er aber trotzdem nicht. Wenn überhaupt, durfte er nur in der „Garbage Time“ ran, dann, wenn die Partie längst entschieden war.

Vom Überflieger zum Reservisten

Das änderte sich erst mit der Verletzung von Cliff Hammonds Ende Februar. Als dann auch noch dessen Ersatzmann Jonathan Tabu ausfiel, kam Alba-Coach Sasa Obradovic nicht mehr am Youngster vorbei. „Das Pech der anderen ist mein Glück“, sagt Akpinar. In den vergangenen vier Bundesligaspielen kam er auf knapp zehn Einsatzminuten pro Partie. Bei Real Madrid stand er gar 18 Minuten auf dem Parkett. „Richtige Minuten“, wie er sagt, solche, in denen es drauf ankommt. Zumeist machte er seinen Job ordentlich.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass Izzy der Spielmacher der A-Nationalmannschaft werden kann“, sagt Ex-Profi Marvin Willoughby, der Akpinar als 14-Jährigen unter seine Fittiche nahm, „aber es ist wichtig, dass er Spielpraxis sammelt.“ Bei Alba sehen sie das etwas anders. Obradovic attestiert Akpinar zwar eine „tolle Entwicklung“, betont aber auch, dass man sich auf einen so jungen Spieler noch nicht verlassen könne. „Wir dürfen Ismet nicht verheizen“, meint Albas Sportdirektor Mithat Demirel. Erst in „ein bis zwei Jahren“, so der Plan, soll Akpinar zur Stammrotation zählen.

Wer sich mit Akpinars Werdegang auseinandersetzt, bekommt eine Ahnung davon, wie schwer es ihm fallen muss, nur Reservist zu sein. Akpinar ist von seiner Sportart besessen. Auffällig sei nicht das basketballerische Talent gewesen, erzählt Willoughby, sondern Akpinars unbändiger Ehrgeiz. „Izzy war wissbegierig, stand immer weit vor Trainingsbeginn in der Halle und wollte ständig Individualtraining. Niemand hat so viel Ehrgeiz gezeigt wie er.“ Das Ergebnis: Schon als 16-Jähriger lief Akpinar für die Männer von Rist Wedel in der ProB auf. Stets war er der Überflieger. Bis er nach Berlin wechselte.

Bewusste Entscheidung für den Alba-Weg

„Am Anfang“, erzählt Demirel, „konnte er den Ball im Training nicht mal über die Mittellinie bringen.“ Das deutlich höhere Tempo, die Tatsache, dass jeder noch so kleine Fehler sofort bestraft wird – das alles war neu für Akpinar. Bei Alba traf er zudem auf Cliff Hammonds, den besten Verteidiger der Bundesliga.

Entmutigen ließ er sich dadurch nicht. Er arbeitete verbissen an seiner Verteidigung, ließ sich einen Ernährungsplan erstellen und ergänzte seine 1,90 Meter Körpergröße um ein paar Kilo Muskelmasse. Trotzdem: Sieht man ihn neben Center Marko Banic, einen 2,04-Meter-Hünen von gut 110 Kilo, könnte das Duo immer noch als Vater-Sohn-Combo durchgehen.

„Inzwischen kann Ismet uns helfen“, sagt Coach Obradovic, wäre aber nicht Coach Obradovic, wenn er seinen Schützling nicht bei der erstbesten Gelegenheit zusammenstauchen würde. So geschehen bei Akpinars Auswechslung während des jüngsten Heimsieges gegen Trier, als er eine, nun ja, unglückliche Vorstellung ablieferte. Wie der Gescholtene danach mit gesenktem Haupt zur Bank schlich, konnte selbst Co-Trainer Milenko Bogicevic schwer ertragen. Schnell gab’s einen aufmunternden Klaps.

Bei Teams wie Trier wäre Akpinar sicherlich ein Kandidat für die erste Fünf. Über zu wenig Spielzeit beschweren würde er sich trotzdem nie, er hat sich bewusst für den Alba-Weg entschieden. Heißt: Weniger spielen, dafür aber auf höchstem Level trainieren. Der Abiturient wirkt fokussiert, reflektiert, geerdet. Er will sich durchbeißen, beweisen, dass er bei den Großen mithalten kann. „Dafür habe ich die ganze Zeit gearbeitet“, sagt er, „dafür lebe ich. Das ist jetzt meine Reifeprüfung.“

Halb Deutscher, halb Türke

Dass er besser spielen kann als zuletzt gegen Trier, würde er am liebsten gegen Galatasaray beweisen, seinen Lieblingsklub seit Kindertagen. Ob er sich mehr als Deutscher oder als Türke fühle? „Ich bin ein Mix“, sagt Akpinar, „ich fühle mich in beiden Ländern wohl.“ Sein 13 Jahre älterer Bruder Mutlu, ebenfalls Basketballprofi, spielt in der ersten türkischen Liga für Türk Telekom. Ismet sagt, Mutlu sei schon immer sein Vorbild gewesen – er ist ein Grund dafür, warum er nach wie vor viel Kontakt in die Türkei hat.

Donnerstag treffen seine beiden Heimatländer nun aufeinander. Alba erwartet mindestens 1000 türkische Fans. Schon das Hinspiel in Istanbul sei für ihn ein tolles Erlebnis gewesen, sagt Akpinar. Damals spielte er nur sieben Sekunden mit. Nun dürften es deutlich mehr werden – selbst dann, wenn Jonathan Tabu nach seiner Zehenverletzung wieder einsatzfähig sein sollte.

Sentimentalitäten können sich jedoch weder Akpinar noch Alba leisten. Die Berliner haben eine Chance. Als erstes deutsches Team überhaupt könnten sie das Viertelfinale der Euroleague erreichen. Nur ein Sieg fehlt Alba auf Tabellenplatz vier, der zum Weiterkommen berechtigt. „Das kommt uns wie ein Traum vor“, sagt Obradovic, „aber um ihn am Leben zu erhalten, müssen wir gewinnen.“ Wenn Ismet Akpinar dabei so im Mittelpunkt stünde wie zuletzt beim Medientraining – er hätte sicher nichts dagegen.