Basketball

„Es war das Schlüsselerlebnis schlechthin“

Henrik Rödl gewann mit Alba vor 20 Jahren in der Deutschlandhalle den Korac-Cup. Der Triumph des Berliner Basketballteams hat bis heute eine besondere Bedeutung für den Klub.

Foto: imago / Camera4

Am Sonntag jährt sich zum 20. Mal der Gewinn des Korac-Cups durch das Basketballteam von Alba Berlin. 85:79 gewannen die Berliner das Finalspiel gegen Stefanel Mailand in der Deutschlandhalle. Henrik Rödl, damals einer der Protagonisten, erinnert sich und spricht über die Auswirkungen, die dieser Sieg für den Klub und den deutschen Basketball hatte. Rödl, heute 46, bestritt 534 Spiele für den Klub und erzielte dabei 5228 Punkte. Nach Ende seiner aktiven Karriere 2004 arbeitete er unter anderem als Jugend- und Cheftrainer beim Berliner Klub und war Leiter des Jugendprogrammes. Seit 2010 ist er Chefcoach des Bundesligisten TBB Trier.

Berliner Morgenpost: Herr Rödl, 20 Jahre sind eine lange Zeit, wie gut sind denn Ihre Erinnerungen noch an das Korac-Cup-Finale gegen Stefanel Mailand?

Henrik Rödl: Sehr, sehr gut. Ich muss zugeben, dass ich das Spiel auf Video sehr oft angeschaut habe. Bestimmt 20 Mal im Laufe der Zeit. Zuletzt nicht so oft, aber schon mal, auch um es meinen Kindern zu zeigen. Es war einfach ein unheimlich großer Meilenstein. Sicher war Teo (Teoman Alibegovic erzielte 34 Punkte, d. Red.) der große Star, aber auch ich hatte einen großen Anteil.

Hat sich eine Szene besonders eingeprägt?

Am meisten in Erinnerung geblieben ist mir dieses Gefühl 30, 40 Sekunden vor Schluss, als mir durch den Kopf ging: Hey, wir gewinnen das Ding ja wirklich. Und du siehst, wie die Zuschauer schon tanzen und durchdrehen, saugst diese Atmosphäre auf und weißt, dass du es es geschafft hast.

Von der Sömmeringhalle mit 3000 Plätzen in die Deutschlandhalle mit 10.000 Zuschauer: Wie haben Sie diesen Umzug damals erlebt?

Ich fand den Umzug erst einmal etwas seltsam.

Wieso denn das?

Wir Spieler waren skeptisch, schließlich waren wir in der Sömmeringhalle eine Macht, das war unsere Halle. Und dann gehen wir im wichtigsten Spiel in diese große Halle und verzichten auf den Heimvorteil. Natürlich musste auf der anderen Seite ein solches Endspiel, wenn möglich, vor großer Kulisse stattfinden. Es war allerdings ein großes Risiko, das die Verantwortlichen eingegangen sind, weil man nicht wusste, ob die Halle wirklich voll wird.

Das Risiko hat sich gelohnt.

Klar, es war eine unfassbare Fete. Von Anfang an war Elektrizität in der Halle, die uns getragen hat.

Stichwort Fete, wo wurde danach gefeiert?

Puh, das weiß ich heute wirklich nicht mehr. Bei so etwas bin ich nicht gut. An das großartige Gefühl bei der Feier kann ich mich zwar noch sehr gut erinnern, aber wo? Großartig Alkohol habe ich jedenfalls nicht getrunken. Es ging mir bei solchen Final-Feiern immer so, dass ich nach dem Spiel physisch so fertig war, dass mein Körper bestimmt nicht gut darauf reagiert hätte. Da habe ich’s gleich bleiben lassen.

Was zeichnete die Cup-Sieger damals aus?

Es herrschte eine ganz bestimmte Chemie. Man wünscht sich natürlich immer, dass eine Mannschaft gut miteinander kann und die Rollen gut verteilt sind. Dass diejenigen, die in der Verantwortung sind, das auch vorleben und in bestimmten Momenten dieser Verantwortung auch gerecht werden. Das hat geklappt wie in ganz wenigen Mannschaften, in denen ich gespielt habe. Sie war von einem ganz besonderen Mannschaftsgeist geprägt.

In den 90er-Jahren wurde der deutsche Basketball gerade von südländischen Nationen eher belächelt. Das änderte sich durch den EM-Titel der Nationalmannschaft 1993 und den Berliner Korac-Cup-Sieg?

Die hoch bezahlten Italiener oder Griechen haben uns damals nie respektiert. Die Deutschen, so meinten sie, könnten vielleicht Fußball und Handball. Aber wir haben uns gesagt: Jetzt kommt ihr mal her und wir zeigen euch, dass wir auch Basketball spielen können.

Ganz schön mutig und selbstbewusst.

Angst hatten wir keine. Das war ja das, was Svetislav Pesic mit nach Deutschland und nach Berlin gebracht hatte. Dass man vor niemandem mehr Angst hatte. Das ist auch für mich – neben vielen anderen Sachen, die er uns in Deutschland gezeigt hat – das, was den Basketball seitdem am meisten prägt.

Und harte Arbeit natürlich.

Sicherlich. Der Lieblingsspruch von Svetislav lautete: Wir trainieren nur einmal am Tag – aber das den ganzen Tag lang. Man hatte vorher international nie etwas gewinnen können als deutsche Mannschaft. Er hat uns dazu gebracht, dass wir genauso hart arbeiten und es auch verdienen, so gut zu sein wie die anderen.

Sie waren College-Champion, Europameister, holten viele nationale Titel mit Alba, wo ordnen Sie denn den Korac-Cup-Sieg ein?

Ich vergleiche die Siege nie miteinander, jeder für sich hat seinen hohen Eigenwert. Es wäre auch nicht fair, die Triumphe miteinander zu vergleichen. Der Korac-Cup-Sieg gehört aber sicherlich zu den drei, vier Events, wo eine Mannschaft etwas ganz Besonderes erreicht hat und ich teilhaben durfte.

Haben Sie noch Kontakt zu den ehemaligen Mitspielern aus dem Korac-Cup-Team?

Ja sicher, mit allen habe ich Kontakt. Und wenn man sich trifft, ist es immer ein besonderes Gefühl.

Auch mit Sasa Obradovic, der inzwischen Trainer bei Alba ist?

Wir haben ein sehr gutes Verhältnis, nach wie vor. Wir haben so viele schöne Dinge gemeinsam erlebt. Natürlich haben wir nicht viel Kontakt während einer Saison, da sind wir viel zu beschäftigt.

Sie in Trier, Obradovic in Berlin, Ingo Freyer in Hagen und Sebastian Machowski in Oldenburg: Momentan sind vier aus dem ehemaligen Erfolgsteam als Chefcoaches in der Bundesliga aktiv. War Pesic Teil des Antriebs, in Richtung Trainerjob zu gehen?

Erst einmal ist das ein Zeichen dafür, warum diese Mannschaft so erfolgreich war, dass damals nämlich viele Köpfe dabei waren, die Basketball wirklich gut verstanden haben. Auch verstanden haben, was Svetislav von uns wollte. Er hat uns geprägt mit seiner Arbeitseinstellung, aber wir Jungs haben auch schon viel mitgebracht. Dies ist etwas, was man bei erfolgreichen Teams häufiger findet, dass die Spieler, die nach ihrer aktiven Karriere im Basketballbereich bleiben, auch später erfolgreiche Menschen geworden sind und den Teamgedanken weitergetragen haben.

Was haben speziell Sie sich von Pesic abgeguckt?

Svetislav ist mehr als ein Trainer für mich. Er ist ein Mensch, den ich auch außerhalb des Basketballs immer mal gerne anrufe, der für mich Mentor-Funktion übernommen hat und Teil der Familie ist. Ich habe versucht, viel von seiner Professionalität zu übernehmen. Mich hat er geprägt als Trainer wie kein anderer. Von der Persönlichkeit her kann ich mir wenig abgucken, dafür sind wir zu verschieden. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen, damit er authentisch bleibt.

Was ist Ihnen noch geblieben vom Korac-Cup-Sieg? Gab es eine Sieger-Plakette?

Nein, in dieser Richtung gab es nichts. Es hieß anfangs von Vereinsseite, jeder von uns würde noch einen kleinen Pokal bekommen. Das ist allerdings nie passiert. Aber mir fehlt wirklich nichts, ich habe das Video als etwas Bleibendes, das ist mir viel wichtiger.

Sie sind anschließend noch viele Jahre als Spieler und als Trainer bei Alba Berlin geblieben. Was hat dieser Finalsieg bewirkt?

Ohne dieses Spiel wäre der Verein niemals da, wo er jetzt ist. Es war das Schlüsselerlebnis für Basketball in Berlin schlechthin.