112, 113, 114 – gleich ist Halbzeit. Noch eine knappe halbe Stunde, dann ist auch für Nihad Djedovic das Training an diesem Vormittag beendet. Bei 250 getroffen Würfen, mal Zweiern, mal Dreiern, ist Schluss. Wenn Albas Guard aus Bosnien seinen Schnitt hält – bislang benötigte er 13 oder 14 Würfe für zehn Treffer – , warten auch auf ihn bald die Dusche und danach das Mittagessen.
„Ich brauche so zwischen 45 Minuten und einer Stunde, bis die 250 voll sind“, erzählt Djedovic, der sich dieses tägliche Pensum auferlegt hat – oder dem es vielleicht sogar auferlegt wurde –, weil „es noch das Jahr mit meiner schlechtesten Dreier-Quote ist“. Die liegt in der Bundesliga tatsächlich bei nur 20,9 in der Europaliga bei 26,5 Prozent. Die Gründe dafür hat er vergeblich gesucht, das Mittel, dieser Schwäche beizukommen, liegt aber auf der Hand: 153, 154, 155 – und weiter. „Ich werde dieses Pensum bis zum Saisonende abspulen, denn ich weiß, mit Routine kann man eine Menge erreichen.“
Vom Talent zum Führungsspieler
All dies erzählt Djedovic in tadellosem Deutsch. Kein Wunder, denn er lebte wegen des Krieges in seiner Heimat die ersten sieben Jahre seines Lebens in Deutschland. Nachdem er mit seinen Eltern nach Bosnien zurückgekehrt war, wurde bald hinter vorgehaltener Hand über ihn als Supertalent gesprochen. Mit 15 gab er sein Debüt in der Adria Liga, mit 17 unterschrieb er für fünf Jahre beim FC Barcelona, er spielte bereits für allererste Adressen wie Lottomatica Rom oder Galatasaray Istanbul. Jetzt ist er 23. Die Zeit, dass aus dem großen Talent ein gestandener Spieler wird, ist gekommen.
Djedovic ist 1,96 Meter lang, für seine Größe extrem schnell, und er geht aggressiv und ohne Angst zum Korb. Rückt man ihm in der Verteidigung zu dicht auf den Pelz, ist er mit dem ersten explosiven Schritt vorbei und die Defense des Gegners aus den Fugen, weil andere ihre Gegenspieler stehen lassen und gegen ihn helfen müssen. Steht der Verteidiger ein Stück weit weg, um genau das zu verhindern, bietet sich der Wurf über ihn hinweg an. Und wenn der sitzt, stellt man jeden Verteidiger vor Probleme. Käme jetzt auch bei Djedovic noch ein verlässlicher Wurf von außen hinzu oder besser: wieder, wäre das Paket komplett und er könnte schon in jungen Jahren für den Rest seiner Karriere zum Führungsspieler werden – auch bei Alba. der smarte Bosnier weiß das: 186, 187, 188.
Byars bekam den Vorzug
Albas Coach Sasa Obradovic überraschte nicht wenige, als er Djedovic nach dem Pokalhalbfinale gegen Bayern München, in dem er mehr als ordentlich gespielt hatte, für das Endspiel gegen Ulm aus der Mannschaft nahm und statt seiner Derrick Byars aufbot. Eine Entscheidung, die sich im Nachhinein als Glücksgriff herausstellte, denn Byars trug maßgeblich zu Albas erstem Titel bei. Bei der Revanche in Ulm vertraute Obradovic erneut auf sein Pokalsieger-Team, Djedovic flog wie auch der spanische Center der Berliner, Albert Miralles, gar nicht erst mit in den Süden, sondern ackerte in der Trainings-Halle. 202, 203, 204.
Im allerletzten Europaliga-Spiel dieser Saison, das Alba am vergangenen Donnerstag in Malaga überraschend deutlich mit 68:55 gewann, war Djedovic wieder dabei, da die Anzahl der Ausländer im Kader anders als in der Bundesliga ohnehin nicht begrenzt ist. 48 Stunden später lief der Bosnier auch beim imposanten 88:63 gegen Angstgegner Würzburg auf, stand mit 28:27 Minuten am längsten auf dem Parkett und war mit 17 Punkten hinter Deon Thompson (19) zweitbester Werfer seines Teams. „Alle großen Mannschaften haben 14, 15 Spieler im Kader“, gibt sich Djedovic anlässlich der Gefahr, hier und da auch mal auf der Tribüne zu sitzen, gelassen. „Wir wollen Meister werden und da sollen die spielen, die 100 Prozent fit sind. Derrick und Albert werden wieder zurück kommen. Der Teamgeist bei uns stimmt.“
Zwei Saisonziele erreicht
Für wen auch immer Byars und Miralles wieder auflaufen werden, für Djedovic, so er gesund bleibt, wahrscheinlich nicht. Es sei denn, rein taktische Überlegungen sprächen wie gegen Ulm dafür. Gegen die sehr rustikal zu Werke gehenden Würzburger traf er vier seiner fünf Würfe aus dem Feld und acht von neun Freiwürfen, sein einziger Dreier-Versuch fand ebenfalls sein Ziel – 212, 219, 220, scheinbar geht es voran. Die Mannschaft, die nach den Verletzungen von Nathan Peavy und Vule Avdalovic mehrfach umgebaut werden musste und hinter der ein Terminstress ohnegleichen liegt, hat die ersten zwei der insgesamt drei Saisonziele geschafft, das Erreichen der Top16 in der Europaliga und der Pokalsieg sind abgehakt, Nummer drei wäre die Meisterschaft. 234, 235, 236 – und die hat auch Djedovic mit seiner 250er-Kur im Visier.
„Mit dem Abschneiden in der Europaliga können wir zufrieden sein und es war auch ein Privileg, gegen die Besten Europas zu spielen. Ich hoffe, es wird für uns ein Vorteil sein, dass wir uns jetzt voll auf die Bundesliga konzentrieren können. Bis zum Play-off will ich in Topform sein“, sagt Djedovic. „Aber die sechs Bundesligaspiele bis dahin müssen wir alle nutzen. Ab dem Viertelfinale ist dann sowieso alles anders, dann ist jedes Spiel ein Endspiel.“ 248, 249, 250 – spricht’s, wirft, trifft und geht duschen.





