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Nutri-Score: Wo die Lebensmittelampel in die Irre führt

| Lesedauer: 6 Minuten
Hanna Gersmann
Supermärkte können ablaufende Lebensmittel einfacher verkaufen

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Ab dem 28. Mai tritt ein neues Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung in Kraft. Was das für Verbraucher in Supermärkten bedeutet, zeigt das Video.

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Seit zwei Jahren gibt es den Nutri-Score. Verbraucher sollen damit ungesundes Essen besser erkennen können. Das klappt nicht immer.

Berlin.  Eigentlich ist die Sache mit der Lebensmittelampel Nutri-Score recht einfach. Seit November ist sie in Deutschland offiziell zwei Jahre alt. Sie hat den 237057923bunter gemacht: Rund 610 Unternehmen mit etwa 970 Marken machen mittlerweile mit, erklärte eine Sprecherin des Bundesagrarministeriums auf Anfrage unserer Redaktion. Von 1451 untersuchten Lebensmitteln sind rund 40 Prozent mit der Lebensmittelampel ausgezeichnet gewesen, wie eine bundesweite Analyse der Verbraucherzentralen zeigt.

Auf der Vorderseite vieler Müslis, Tiefkühlpizzen, Joghurts und so weiter prangen nun die Buchstaben A bis E, hinterlegt mit Dunkelgrün, Grün, Gelb, Orange und Rot. Rotes E heißt: zu fettig, zu süß, zu salzig, zu ungesund, lieber im Regal stehen lassen. Am besten macht sich im Korb: das dunkelgrüne A. Das ist leicht zu verstehen. Nur: Die Ampel kann auch in die Irre führen.

Nutri-Score: Zucker und Salz wirken sich negativ aus

Armin Valet kümmert sich bei der Hamburger Verbraucherzentrale um Ernährungsfragen. Er sagt: „Grundsätzlich empfehlen wir, auf den Nutri-Score zu achten. In den allermeisten Fällen zeigt er verlässlich die Nährwertzusammensetzung an. An der einen oder anderen Stelle sehen wir noch Verbesserungsbedarf.“ Inwiefern das gilt, zeige ein Beispiel.

Valet und seine Leute entdeckten ihn nur durch Zufall: ein Schokoladendessert – es war Dany Sahne Schoko Mousse – trug den falschen Nutri-Score auf der Verpackung. Hersteller Danone hatte ihm ein C gegeben, nach Valets Berechnungen war aber nur ein D angemessen. Denn das Dessert besaß einen relativ hohen Zuckergehalt und viele gesättigte Fettsäuren. Und für die Einteilung auf der Nutri-Score-Skala werden ungesunde Zutaten den gesunden gegenübergestellt. Lesen Sie auch:Mogelpackungen - miese Tricks beim Einkauf

Zucker, gesättigte Fettsäuren, auch Salz und niedriger Energiegehalt wirken sich negativ aus. Proteine, Ballaststoffe, Obst und Gemüse sowie gesunde Fette positiv. Danone entschuldigte sich für den Fehler, seither ist die Kennzeichnung korrigiert. Das eigentliche Problem aber ist geblieben. Valet: „Der Nutri-Score ist bislang freiwillig.“ Die Hersteller sind nicht dazu verpflichtet, die Ernährungsampel auf ihre Verpackungen zu drucken. Darum schaue in der Regel kein Lebensmittelkontrolleur darauf.

Kakaopulver mit einem grünen B – kann das wirklich stimmen?

Liegt auch da ein Fehler vor? Das Kakaopulver Nesquik von Nestlé besteht zu mehr als 70 Prozent aus Zucker, und doch bekommt es ein grünes B? Der Hintergrund: Die fertig zubereitete Trinkschokolade und nicht das reine Kakaopulver ist für die Bewertung ausschlaggebend. Und: Nestlé empfiehlt fettarme Milch für die Zubereitung seines süßen Kakaos.

Da Milch im Gegensatz zu anderen Getränken mehr Nährstoffe enthält, gilt sie laut Nutri-Score als gesund, vor allem wenn sie fettarm ist. Nur wenn Nestlé Vollmilch als Grundlage annehmen würde, die mehr Kalorien und gesättigte Fettsäuren enthält, wäre es ein C. Würde der Kakao nur als Pulver gegessen, wäre es ein D.

Valet sagt: „Ein Produkt, das A oder B ist, ist nicht grundsätzlich gesund. Diese Aussagen kann so eine einfache Nährwertkennzeichnung gar nicht leisten.“ Innerhalb einer Produktkategorie seien Unterschiede aber „zuverlässig“ auszumachen, also welches die bessere Pizza sei, was der gesündere Joghurt. Lesen Sie auch: Ernährung: Warum wir unser Übergewicht reduzieren müssen

Heißt: Erhält der eine Kakao ein B und der andere ein C, greift man besser zu B – aber ein bedenkenlos zu trinkender Durstlöscher ist der Kakao deshalb nicht. Valet wünscht sich darum grundsätzlich eine strengere Bewertung von Zucker. Er hält sie für zu „industriefreundlich und nicht wissenschaftlich fundiert“.

„Die größte Schwäche des Nutri-Scores ist, dass das System aufgrund seines einfachen Aufbaus falsch gelesen werden kann“, sagt Benedikt Merz vom Max Rubner-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel. „Die Realität ist, dass Verbraucher die Farben oft intuitiv bewerten. Grün gekennzeichnete Produkte werden als grundsätzlich unbedenklich wahrgenommen, ein rotes E hingegen als Stop-Signal“, sagt Merz, der auch im Wissenschaftlichen Gremium des Nutri-Scores sitzt. Aus seiner Sicht wäre eine riesige Informationskampagne, wie der Nutri-Score richtig anzuwenden ist, „äußerst sinnvoll“.

Nutri-Score: Länder in der EU wollen die Kennzeichnung weiterentwickeln

Was heißt das alles? Deutschland hat sich schon vor Längerem mit sechs Ländern zusammengetan, die den Nutri-Score auch schon eingeführt haben und weiterentwickeln wollen: Belgien, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande, die Schweiz und Spanien. Die von ihnen zurate gezogenen Experten haben zum Beispiel empfohlen, einen hohen Zucker-, aber auch Salzgehalt strenger zu bewerten. Pflanzliche Öle sollen um eine Klasse besser bewertet werden als bisher. Ab wann das greifen wird, ist offen.

Für Verbraucherschützer Valet ist vor allem eins entscheidend: „Die Ampelkennzeichnung muss verpflichtend werden.“ Sie wirke erst richtig, wenn alle Produkte das Logo tragen – und dies auch kontrolliert wird. Auch interessant:Diese 13 Vitamine sind für den Körper lebenswichtig

Das müsste allerdings europaweit geregelt werden. Die Europäische Kommission hat zwar zugesagt, einen Vorschlag für eine einheitliche Kennzeichnung zu machen. Bisher stemmen sich Länder wie Italien allerdings gegen die Ampel. Sie fürchten, dass zum Beispiel Parmesan schlecht bewertet wird.

Die Zeichen für den Nutri-Score stehen dabei nicht besonders günstig. „Die EU-Kommission wird nicht den Nutri-Score vorschlagen“, sagte kürzlich die für Ernährung zuständige stellvertretende Generaldirektorin der EU-Kommission, Claire Bury.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de