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Faktencheck: Wie tödlich ist falsche Ernährung wirklich?

Laut einer Studie sterben wegen ungesunder Ernährung jährlich Millionen Menschen vorzeitig. Zu diesen Ergebnissen kommen die Forscher.

Darum sollen Deutsche nur noch halb so viel Fleisch essen

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Berlin. Schlechte Ernährung kann Menschen krank machen – so weit, so bekannt. Aber die Zahlen, die Forscher in einer aktuellen Studie vorlegen, lesen sich erschreckend: Weltweit sterben demnach elf Millionen Menschen vorzeitig, weil sie sich falsch ernähren. In Deutschland sei schlechte Ernährung sogar eine Hauptursache für einen vorzeitigen Tod. Kann das sein?

Zu welchem Ergebnis kommt die Studie?

Die Forscher kommen im Fachblatt „The Lancet“ zu dem Schluss, dass jedes Jahr weltweit ungefähr elf Millionen Menschen aufgrund ungesunder Ernährung vorzeitig sterben. Das sei jeder fünfte Todesfall. Todesursachen seien nicht-übertragbare Erkrankungen wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes Typ 2.

Allein 2017 hätten die in der Studie erfassten Probanden zudem insgesamt 255 Millionen Lebensjahre in Krankheit zugebracht, was sich durch eine gesündere Ernährung nach Ansicht der Autoren hätte vermeiden lassen. In Deutschland gab es laut den Wissenschaftlern im Jahr 2017 pro 100.000 Einwohner 162 Todesfälle, die einer ungesunden Ernährung zuzurechnen sind.

Hauptursachen sind laut den Studienautoren ein zu hoher Salzkonsum, zu wenig Vollkornprodukte, ebenso wie zu wenig Obst und Gemüse. Allein der zu geringe Verzehr von Vollkornprodukten und Ballaststoffen ist laut Studie in Deutschland für 40.000 vorzeitige Todesfälle verantwortlich. Und bei den Ursachen für einen vorzeitigen Tod steht die schlechte Ernährung in Deutschland nach dem Bluthochdruck sogar auf Platz zwei.

„Das ist eigentlich die wichtigste Erkenntnis der Studie“, sagt Dr. Toni Meier von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der an der Studie beteiligt war. „Denn das ist auch ein Hinweis an die Politik, dass sich etwas verändern muss.“ Die Forscher schließen aber auch daraus, dass es sinnvoller sein könnte, den Menschen Tipps für eine bessere Ernährung zu geben, statt sich nur auf Verbote etwa von Fett oder Zucker zu konzentrieren.

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Wie sind die Forscher vorgegangen?

Die Studie ist Teil einer größeren Studie, die jedes Jahr aktualisiert wird: die Global Burden of Disease Study. Ziel der Studie ist es, auf Basis der besten zur Verfügung stehenden Daten ein Krankheitsprofil der jeweiligen Länder zu erstellen. Im Fall der aktuellen Studie, die sich ganz auf das Thema Ernährung konzentrierte, mussten die Forscher zunächst einige Fragen anhand statistischer Daten beantworten, erklärt Dr. Toni Meier arbeitet.

Etwa: Wie viele Menschen sterben überhaupt weltweit? Jedes Jahr sind es etwa 60 Millionen. Woran sterben sie und wie hoch ist der Anteil verhaltensbedingter, genetischer oder umweltbedingter Risikofaktoren? Die Ernährung wird den verhaltensbedingten Risikofaktoren zugerechnet. Anschließend führte das Team eine sogenannte Meta-Analyse durch: Die Forscher erhoben keine eigenen Daten, sondern durchforsteten zwei riesige Studien-Datenbänke nach Untersuchungen, die die Essgewohnheiten von Erwachsenen über 25 Jahren auf nationaler Ebene erforscht hatten.

Einbezogen wurden nur solche Studien, die zwischen 1980 und 2016 durchgeführt wurden. So kamen schlussendlich Daten aus 195 Ländern zusammen. Diese Daten glichen die Forscher mit 15 Risikofaktoren ab, die sie als für eine frühere Sterblichkeit im Zusammenhang mit schlechter Ernährung besonders relevant identifiziert hatten.

Statt Haushaltszucker – das sind fünf Alternativen

Dazu zählen unter anderem zu wenig potenziell gesunde Lebensmittel wie Gemüse, Obst, Nüsse oder Milch sowie ein Mangel an wichtigen Ernährungsbausteinen wie Calcium, Omega-3-Fettsäuren oder Ballaststoffen. Ebenfalls als Risikofaktoren gelten laut den Autoren zu viel rotes oder verarbeitetes Fleisch, zuckergesüßte Getränke, Salz und Transfettsäuren. Ob etwas zu viel oder zu wenig aufgenommen wurde, bemaßen die Forscher an einem Optimalaufnahmewert, den sie anhand der vorliegenden Studien bestimmten.

Wie aussagekräftig ist die Studie?

In diesem Vorgehen sieht Dr. Tilman Kühn, Ernährungsepidemiologe am Deutschen Krebsforschungszentrum, eine erste Hürde. „Das ist sehr optimistisch gedacht: Wie viele Todesfälle könnte man verhindern, wenn sich jeder perfekt ernähren würde? Das wird natürlich so niemals eintreten.“ Die Arbeit sei aber dennoch gut gemacht und würde wichtige Denkanstöße liefern.

„Es ist ein großer Verdienst, dass die Arbeit so viele Einzelaspekte betrachtet und 15 Risikofaktoren zugleich unter die Lupe nimmt“, so Kühn. Auch den Schluss, gesunde Ernährung zu fördern statt ungesunde zu kritisieren hält er für „einen cleveren Ansatz“. „Die Forschung hat aber bereits gezeigt, bei dem Einzelnen nützt es nur wenig, ihn dazu bringen zu wollen, mehr Gemüse oder Obst zu essen“, so Kühn.

Sinnvoller sei es, solche Erkenntnisse zum Beispiel aufs Schulessen zu übertragen und so dafür zu sorgen, dass Schüler sich gesünder ernähren. In Bezug auf die Nahrungsaufnahme und deren Gesundheitseffekte basiere die Studie jedoch auf Schätzungen. Das hätten die Autoren auch transparent gemacht.

„Beispielsweise wird dort von drei Millionen Todesfällen durch zu hohen Salzkonsum ausgegangen. Es steht aber auch in der Arbeit, dass es sich dabei um einen Mittelwert handelt, denn möglich wären anhand der Daten zwischen einer und fünf Millionen Todesfälle.“

Was können Ernährungsstudien leisten?

Jedes Lebensmittel ist aus unzähligen Komponenten zusammengesetzt, auf die jeder Mensch anders reagieren kann. Allgemeingültige Aussagen zu treffen, ist entsprechend schwierig. Je mehr Studien bei einer bestimmten Fragestellung zum gleichen Ergebnis kommen, umso belastbarer ist es. Das ist die besondere Stärke von Meta-Analysen. Sie sind bereits aus mehreren Studien zusammengesetzt und können so ein differenzierteres Ergebnis widerspiegeln.

Aber auch hier ist entscheidend, welche Art von Studien einbezogen wurden. Die Autoren der Studie griffen im Wesentlichen auf Beobachtungsstudien zurück, da diese oftmals die größten Datensätze liefern. Besonders, wenn sie sogenannte Kohorten untersuchen. Dabei werden große Gruppen gesunder Personen aus der Bevölkerung befragt und bestimmte Krankheiten und die Sterberate über Jahre erfasst.

Dagegen wurden kaum sogenannte Interventionsstudien berücksichtigt, die in der Wissenschaft als Goldstandard gelten, räumt Toni Meier ein. Dabei werden Probanden zufällig in zwei oder mehr Gruppen geteilt und nur eine davon bekommt ein bestimmtes Lebensmittel oder einen Nährstoff, für den am Ende eine Aussage getroffen werden soll. Nach einem festgelegten Studienzeitraum wird zwischen den Gruppen verglichen.

Da diese Studien besonders aufwendig und teuer sind, werden sie seltener durchgeführt. „Mit den hauptsächlich verwendeten Beobachtungsstudien können wir keine Ursachen feststellen, sondern nur Zusammenhänge“, sagt Meier. Deswegen müsse es auch heißen: Elf Millionen vorzeitige Todesfälle sind mit schlechter Ernährung assoziiert. Könnten also damit in Zusammenhang stehen. (Alina Reichardt und Laura Réthy)

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