Heute trifft die Europäische Zentralbank (EZB) ihre nächste Leitzinsentscheidung für den Euroraum. Seit der letzten Senkung im Juni 2025 liegt der für Sparer relevante Einlagenzins stabil bei 2 Prozent – und die meisten Analysten rechnen auch diesmal nicht mit einer Änderung. Dennoch lohnt es sich für Verbraucher, die Sitzung aufmerksam zu verfolgen: Schon allein die Signale der EZB können den Markt bewegen und sich auf Tagesgeld, Festgeld und Bauzinsen auswirken.
Die Verkündung des heutigen Zinsentscheids steht planmäßig um 14.15 Uhr an. Mehr zum Livestream und weiteren Terminen lesen Sie auch in unserem Ratgeber: „EZB-Zinsentscheid: Wann? Termine und Livestream im Überblick“
EZB-Zinsentscheid heute: Das erwarten Profis in ihren Prognosen
Die Notenbank steht aktuell vor einem schwierigen Umfeld. Steigende Energiepreise erhöhen den Inflationsdruck, gleichzeitig schwächelt die Konjunktur im Euroraum. Für die EZB stellt sich damit die Frage, ob sie höhere Preise mit steigenden Zinsen bekämpfen muss – oder wegen der schwachen Wirtschaft zunächst abwartet.

Bastian Freitag, Anlageexperte bei Rothschild & Co Wealth Management, hält einen unveränderten Einlagensatz von 2 Prozent für das wahrscheinlichste Ergebnis. „Vollständig ausgeschlossen“ sei ein Zinsschritt aber nicht, so Freitag: „Es wird ein sehr interessantes Meeting.“ Die Sitzung entscheide darüber, ob der Markt seine „aggressive Sommer-Bepreisung“ bestätigt sehe oder erste Zweifel an Timing und Umfang bekomme.
Nach Freitags Einschätzung preist der Markt derzeit bereits rund 60 Basispunkte an Zinserhöhungen bis zum Jahresende ein. Ein erster Schritt im Juni gilt demnach als möglich. Für Anleger rücken deshalb die Aussagen der EZB in den Vordergrund: Gibt die Notenbank die Bedingungen für mögliche Zinserhöhungen vor, oder bleibt sie mit Verweis auf die Datenlage bewusst vage?
Energiepreise beeinflussen EZB-Kurs und erschweren geldpolitische Entscheidungen
Die Energiepreise bleiben aus Freitags Sicht der wichtigste Faktor. Sie entscheiden maßgeblich darüber, ob der aktuelle Inflationsanstieg vorübergehend ist oder sich verfestigt. „Von dieser Einschätzung wird auch der weitere EZB-Pfad abhängen“, sagt der Experte.
Gleichzeitig haben sich die Konjunkturdaten eingetrübt: „Damit steigt das Risiko, dass bereits das erste Quartal schwächer ausfällt als von der EZB prognostiziert“, so Freitag. „Auch für das zweite Quartal überwiegen die Abwärtsrisiken.“ Für die Geldpolitik entsteht dadurch ein Spannungsfeld: Die Preise steigen, während die wirtschaftliche Dynamik nachlässt.

Kurzfristig dürfte die Inflation weiter anziehen, allerdings vor allem energiegetrieben, schätzt der Experte. Entscheidend sei, ob sich daraus Zweitrundeneffekte ergeben: „Die zentrale Frage ist, ob höhere Preise in steigende Löhne münden – und damit die Inflation dauerhaft erhöht bleibt“, sagt Freitag.
In seinem Basisszenario bleiben die Energiepreise erhöht. Dann wären ein bis zwei Zinserhöhungen im weiteren Jahresverlauf möglich, wahrscheinlich ab Juni oder Juli. Geben die Energiepreise dagegen deutlich nach, könnte die EZB auf Zinsschritte weitgehend verzichten. Auch die US-Zentralbank Federal Reserve System (Fed) wird an diesem Mittwoch über weitere Leitzinsen in den USA entscheiden.
EZB-Zinspause trotz geopolitischer Risiken und steigender Ölpreise erwartet
Auch Konrad Kleinfeld, Anlageprofi beim Finanzdienstleister State Street Investmentmanagement, erwartet am heute eine geldpolitische Pause. Die geopolitischen Spannungen rund um den Iran belasteten zwar die Stimmung, dabei handele es sich aber vor allem um einen angebotsseitigen Schock, so der Finanzprofi.
Steigende Ölpreise wirkten kurzfristig wie eine zusätzliche Belastung für Haushalte, ließen sich aber nur begrenzt durch Geldpolitik steuern. Eine Zinserhöhung würde die Ursache des Preisanstiegs nicht beseitigen, könnte aber die ohnehin schwache Nachfrage weiter drücken, schätzt Kleinfeld.
Martin Wolburg, Ökonom beim Vermögensverwalter Generali Investments, sieht ebenfalls nur begrenzt Bedarf für eine sofortige Zinsanhebung. Die EZB dürfte zwar Inflationsrisiken ernst nehmen und mögliche Zweitrundeneffekte beobachten, sagt er. Zugleich sprächen schwächere Wirtschaftsstimmungsindizes und ein verhaltenes Lohnwachstum gegen übereilte Schritte. Eine kleine „Versicherungserhöhung“ im Juni bleibe aber in der Debatte. Weitere Prognosen zum EZB-Leitzins für das Jahr 2026 im Überblick.

Bauzinsen: Profi mit klarer Prognose für Immobilienkäufer
Für Immobilienkäufer ist der EZB-Entscheid wichtig, auch wenn Bauzinsen nicht direkt am Leitzins hängen. Die Zinsen reagieren auf Inflationserwartungen, Kapitalmarktzinsen und auf die Frage, wie restriktiv die Geldpolitik in den kommenden Monaten ausfallen könnte. Antonio Skoro, Geschäftsführer des Maklerpools Qualitypool, verweist auf den jüngsten Anstieg der Bestzinsen für Baufinanzierungen.
Seit Ende März seien zehnjährige Zinsbindungen von 3,30 auf 3,65 Prozent gestiegen, bei 15-jährigen Zinsbindungen habe es einen Anstieg von 3,52 auf 3,82 Prozent gegeben. „Das Zinsumfeld bleibt fragil“, sagt Skoro. Potenzielle Finanzierungskunden stünden deshalb häufig vor der Entscheidung zwischen schneller Absicherung und der Hoffnung auf günstigere Konditionen. Kurzfristig rechnet er mit Volatilität und möglichen temporären Zinsanstiegen. Maßgeblich seien die Ölpreisentwicklung und die nächsten Inflationsdaten.
Skoros Prognose für die Bauzinsenentwicklung: kurzfristig volatil seitwärts, langfristig stabil bis leicht steigend. Kreditinteressierte sollten die Konditionen also genau vergleichen. Wer ein konkretes Vorhaben plane, solle nicht nur auf den EZB-Beschluss achten, sondern auch auf die Formulierungen der Notenbank zur Inflation.
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Tagesgeld und Festgeld: Was der EZB-Entscheid für Sparer bedeutet
Auch Sparer sollten den EZB-Termin verfolgen. Bleibt der Einlagenzins unverändert, spricht das zunächst für stabile Konditionen bei Tagesgeld und Festgeld. Entscheidend ist aber, ob die EZB Zinserhöhungen im Sommer andeutet. Dann könnten Banken ihre Angebote weiter anpassen. Zuletzt haben mehrere Institute ihre Sparzinsen erhöht.

Tagesgeld-Zinsen von bis zu 3,50 Prozent sind wieder möglich, häufig allerdings nur für begrenzte Zeit und für Neukunden. Wer solche Angebote nutzt, sollte deshalb nicht nur auf den Aktionszins achten, sondern auch auf Laufzeit, Anschlusszins und Einlagensicherung. Die Top-Angebote es mit deutscher Einlagensicherung im Check.
Jasmin Ehlert von der Zinsplattform Raisin rät Sparern, bei längerfristigen Sparzielen auch Festgeld zu prüfen. „Wer sich dauerhaft attraktive Zinsen sichern will, kann Festgeld nutzen“, sagt sie. Flexibel bleiben Verbraucher mit einer Treppenstrategie: Dabei wird das Geld auf verschiedene Laufzeiten verteilt und nach Fälligkeit jeweils neu angelegt.
Der EZB-Zinsentscheid ist diesmal vor allem wegen der Signale wichtig: Bleibt die EZB wegen hoher Energiepreise besorgt, könnten Banken und Märkte weiter mit steigenden Zinsen rechnen. Das könnte Tagesgeld und Festgeld stützen, Baufinanzierungen aber teurer machen. Betont die EZB dagegen die schwache Konjunktur, spricht das eher dafür, dass sie die Zinsen länger unverändert lässt.
Quellen:
Marktkommentar von Bastian Freitag, Head of Fixed Income bei Rothschild & Co Wealth Management Deutschland, im April 2026
Marktkommentar von Martin Wolburg, Senior Economist bei Generali Investments, im April 2026
Marktkommentar von Konrad Kleinfeld, Leiter Fixed Income Distribution EMEA für SPDR ETFs bei State Street Investment Management, im April 2026
Marktkommentar von Antonio Skoro, Geschäftsführer der Qualitypool GmbH, im April 2026
Zitat von Jasmin Ehlert zu Tagesgeld, Festgeld und Treppenstrategie, im März 2026


