Bei ihrer jüngsten Zinssitzung im Juli hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen unverändert gelassen. Nach der Erhöhung im Juni liegt der für Sparer wichtige Einlagenzins bei 2,25 Prozent. Inzwischen rechnen Fachleute mit einem weiteren Zinsschritt im September. Für Verbraucher ist jedoch vor allem die längerfristige Entwicklung entscheidend: Erhöht die EZB den Leitzins mehrmals dieses Jahr – oder könnte 2027 bereits eine Zinswende folgen? Die Prognosen hängen maßgeblich davon ab, wie sich Energiepreise, Inflation und Konjunktur entwickeln. Alle EZB-Zinsentscheid-Termine finden Sie in einem separaten Überblick.
EZB-Leitzins 2026: Wie lange könnten die Zinsen noch steigen?
Im Juni 2026 hatte der EZB-Rat beschlossen, die drei Leitzinssätze anzuheben. Der für Verbraucher relevante Einlagenzins stieg dadurch auf 2,25 Prozent. Die Notenbank begründete den Schritt mit dem Inflationsdruck infolge des Kriegs im Nahen Osten. Im Juli ließen die Währungshüter die Leitzinsen hingegen unverändert. Zur Begründung hieß es in einer offiziellen Mitteilung: „Die Aussichten für die Energiepreise sind zwar sehr volatil, liegen aber derzeit in der Nähe des Basisszenarios der von Fachleuten des Eurosystems erstellten Projektionen vom Juni und deutlich über dem Niveau, das vor dem Konflikt im Nahen Osten verzeichnet wurde.“ Die Unsicherheit sei weiterhin hoch, zumal sich die Auswirkungen des Energieschocks auf die Inflation noch nicht vollständig gezeigt hätten.

Der EZB-Rat wolle daher „die Intensität und die Dauer des Schocks sowie seine indirekten Auswirkungen und Zweitrundeneffekte genau beobachten“, so die Mitteilung weiter. Die vorläufige Einschätzung: Im September rechnen Fachleute überwiegend mit einer weiteren Zinserhöhung. Offen ist jedoch, ob die EZB anschließend nachlegt oder zunächst abwartet.
Ausblick bis Ende 2026: Was folgt nach dem September-Termin?
Dass die EZB ihre Zinsen im September anheben dürfte, gilt an den Märkten als wahrscheinlich. Robert Greil, Chefstratege vom Vermögensverwalter Merck Finck, sagt in einem Marktkommentar: „Dass die EZB auf Basis des Inflationssprungs nach oben ihre Leitzinsen anheben wird, ist so gut wie klar.“ Als Grund nennt er mögliche Folgewirkungen der gestiegenen Energiekosten: „Schließlich sind mit den bis heute erheblich teureren Energiepreisen Sekundäreffekte auch bei anderen Preiskategorien klar wahrscheinlicher geworden, was bei der Juli-Sitzung als Hauptkriterium für einen Zinsschritt herausgestellt wurde.“ Für den längerfristigen Ausblick ist allerdings entscheidend, was nach einer möglichen September-Erhöhung passiert.

Eine weitere Anhebung 2026 ist keineswegs sicher. Jasmin Ehlert von der Zinsplattform Raisin erwartet, dass der Einlagenzins nach dem nächsten Schritt zunächst unverändert bleibt: „An den Märkten wird nach September zwar mit weiteren Zinsschritten in diesem Jahr gerechnet, es könnte meiner Meinung nach aber auch der vorerst letzte sein“, sagt die Expertin gegenüber unserer Redaktion.
Die aktuelle Teuerung sei primär durch einen Energiepreisschock getrieben – ein Problem, das sich mit einer strafferen Geldpolitik kaum lösen lasse. Zugleich berge eine weitere Straffung Risiken für die Konjunktur. „Ich gehe deshalb davon aus, dass nach dieser Entscheidung zunächst keine Erhöhungen mehr folgen werden und der Einlagensatz bis Jahresende bei 2,5 Prozent bleibt“, sagt Ehlert.
Für Sparer ist die Frage nach dem EZB-Leitzins 2026 ebenfalls wichtig. Denn wenn die Notenbank die Zinsen ein weiteres Mal erhöht, könnten die Konditionen bei Tagesgeld und Festgeld weiter anziehen. Das passiert bereits: Einen Überblick über aktuelle Angebote liefern ein Tagesgeld-Vergleich und ein Festgeld-Vergleich.
EZB-Leitzinsen 2027: Energiepreise entscheiden über den weiteren Kurs
Über den Jahreswechsel hinaus wird der Zinspfad noch unsicherer. Nach Einschätzung von Mark Dowding, Anlageprofi vom Vermögensverwalter RBC BlueBay Asset Management, hängt die weitere Entwicklung vor allem davon ab, wie stark die Energiepreise die Inflation bis 2027 antreiben. Steigen die europäischen Gaspreise in den kommenden Wochen deutlich, könnten sich die höheren Kosten bis zum Frühjahr in den Verbraucherpreisen niederschlagen. In einem solchen Szenario dürfte die EZB ihren Kurs weiterer Zinserhöhungen fortsetzen.

Erreichen die Energiepreise dagegen auf dem gegenwärtigen Niveau ihren Höhepunkt, könnte die Inflation im Euroraum unter vier Prozent bleiben. Basiseffekte – also der statistische Vergleich mit dem bereits hohen Preisniveau des Vorjahres – könnten die Gesamtinflation dann bis Ostern 2027 drücken. Die EZB hätte in diesem Fall Spielraum, ihre Zinsen nach dem Jahreswechsel zunächst unverändert zu lassen.
Gelingt es der Notenbank, den Inflationsanstieg zeitlich zu begrenzen, hält Dowding im Verlauf des kommenden Jahres sogar eine geldpolitische Kehrtwende der EZB und anderer europäischer Zentralbanken für möglich. Eine solche Entwicklung würde jedoch voraussetzen, dass der Energiepreisdruck nachlässt und sich die höheren Kosten nicht dauerhaft in der allgemeinen Preisentwicklung festsetzen.
Quellen:
Robert Greil, Chefstratege von Merck Finck – Marktkommentar, 2026
Mark Dowding, Fixed Income CIO bei RBC BlueBay Asset Management – Marktkommentar, September 2026
Im Gespräch mit Jasmin Ehlert, Chefanalystin bei Raisin, im September 2026
Geldpolitische Beschlüsse, in: Europäische Zentralbank (EZB). Zuletzt abgerufen am 28.07.2026.



