Wie stark beeinflusst die Psyche unsere Gesundheit? Welchen Einfluss haben Stress und Einsamkeit? Im Interview spricht die bekannte Psychologin und Bestsellerautorin Stefanie Stahl („Das Kind in dir muss Heimat finden“) über Warnsignale und erklärt, warum unsere Kindheitsprägungen bestimmen, wie resilient wir im Erwachsenenalter sind. Das ganze Gespräch hören Sie in der aktuellen Folge des FUNKE-Podcasts „Länger Leben“.
Frau Stahl, was würden Sie aus Ihrer Erfahrung als Psychologin und Psychotherapeutin sagen: Wie stark beeinflusst die Psyche unsere Gesundheit?
Vieles ist noch nicht abschließend geklärt. Über den Faktor Stress hat die Psyche durchaus Einfluss. Aber der Einfluss der Psyche wird aus meiner Sicht teilweise auch überschätzt. Dass man durch positives Denken beispielsweise Einfluss auf den Verlauf einer Krebserkrankung hätte, ist mit Verlaub Unsinn. Hinter der Suche nach psychischen Ursachen steckt oft der Wunsch nach Erklärung und Kontrolle. Tatsächlich gibt es im Leben aber viele Faktoren, über die wir keine Kontrolle haben.
Stress und psychische Gesundheit: Diese Warnsignale gibt es
Der Faktor Stress lässt sich nicht gänzlich vermeiden. Woran merke ich, dass Stress mich krank zu machen droht?
Belastungen gehören zum Leben. Einen vorübergehenden Stress kann ich meistens verstehen und einordnen: Ich habe eine anstrengende Woche oder befinde mich in einer schwierigen Lebensphase, weiß aber, dass es wieder besser wird.
Ein Warnsignal ist, wenn ich mich dauerhaft nicht mehr richtig erhole: wenn ich schlecht schlafe, ständig müde oder ungewöhnlich gereizt bin. Auch wenn ein freies Wochenende oder ein Urlaub keine Erholung mehr bringt und ich mich über Dinge weniger freue, die mir früher gutgetan haben, ist der Stress zu groß.
Sollte man dann die äußeren Belastungen reduzieren oder an seiner Resilienz arbeiten?
Ich würde beides machen. Manche Menschen machen sich selbst zu viel Stress. Sie versuchen, alle Erwartungen zu erfüllen und alles perfekt zu machen. Andere können Wichtiges und Unwichtiges schlecht unterscheiden, haben zu wenig Struktur und wollen alles gleichzeitig erledigen. Es lohnt sich, die eigenen Anteile anzuschauen. Gleichzeitig sollte man ins Außen blicken: Wo brauche ich Entlastung? Wo muss ich Nein sagen oder eine Grenze setzen? Welche Aufgaben kann ich ganz abgeben? Und muss der Haushalt wirklich immer tipptopp sein?
Warum reagieren Menschen so unterschiedlich auf Stress und Belastungen?
Das ist zum einen Veranlagung. Manche Menschen kommen mit einem dickeren Fell zur Welt, andere haben ein sensibleres Nervensystem. Sie nehmen Stressoren wie Lärm oder viele Menschen intensiver wahr. Zum anderen kommt es darauf an, was wir in der Kindheit gelernt haben.

Stefanie Stahl: Das Konzept von Schattenkind und Sonnenkind
Wie die Kindheit unser Verhalten als Erwachsener prägt, beschreiben Sie in Ihrem Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ anhand von Schattenkind und Sonnenkind …
Ja, das Schattenkind steht für unsere schwierigen Prägungen aus der Kindheit, also für das Gepäck, das wir mit uns tragen. In dieser Zeit entwickelt sich unser Gehirn. Wir bekommen Antworten auf zwei wichtige Fragen: Was bin ich wert? Und was muss ich tun, um geliebt zu werden? Wenn daraus Glaubenssätze wie „Ich genüge nicht“ oder „Ich muss es allen recht machen“ entstehen, beeinflusst das unser Verhalten, unsere Gefühle und unser Denken. Das Sonnenkind ist der Gegenpart. Es steht für unsere gesunden Anteile, aber auch für etwas, das wir als Erwachsene neu gestalten können. Schließlich sind wir heute nicht mehr klein und unseren Eltern ausgeliefert.
Wie genau zeigt sich das Schattenkind im Erwachsenenalter?
Das Problem sind nicht allein die negativen Glaubenssätze. Entscheidend sind die Selbstschutzstrategien, die wir dadurch entwickeln. Ein Kind, dessen Eltern wenig zugewandt sind, versucht vielleicht, durch Anpassung Zuwendung zu bekommen. Es ist immer lieb, artig und gut in der Schule. Ein anderes Kind macht Ärger, weil Schimpfen immer noch besser ist, als gar nicht beachtet zu werden.
Eine weitere mögliche Strategie ist der Rückzug. Aus Angst vor Ablehnung zeigen Menschen nur ihre Schokoladenseite oder ziehen sich ganz zurück. Dann kann die entstehende Einsamkeit irgendwann zum größeren Problem werden als der ursprüngliche Glaubenssatz. Wenn ich solche Muster verstehe und erkenne, kann ich neue, positive und zugleich realistische Glaubenssätze entwickeln – und konstruktivere Verhaltensweisen finden.
Einsamkeit und Gesundheit: Warum sie so belastet
Die Einsamkeit, die Sie ansprechen, kann Studien zufolge ähnlich verheerende Folgen für die Gesundheit haben wie 15 Zigaretten am Tag. Warum ist Einsamkeit eine so große Belastung?
Weil wir Verbindungsmenschen sind. Bindung gehört zu unseren psychologischen Grundbedürfnissen. Wer sich zutiefst einsam fühlt, hat häufig wenig Lebensfreude und sorgt möglicherweise auch nicht mehr so gut für sich. Einsamkeit ist eines der schlimmsten Gefühle, die ein Mensch ertragen kann.
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Was raten Sie Menschen, die sich einsam fühlen?
Sie sollten nicht nur darauf warten, dass etwas passiert, sondern selbst Gelegenheiten schaffen. Man kann jemanden einladen, sich einem Kochkurs oder einer Wandergruppe anschließen oder die Kollegin fragen, ob sie nach der Arbeit ein Glas Wein trinken möchte. Einsame Menschen haben oft große Angst vor Ablehnung. Diese diffuse Angst beruht häufig auf alten Prägungen und nicht auf einer realistischen Erwartung im Hier und Jetzt. Deshalb ist es wichtig, sich ein Herz zu fassen und aktiv auf andere zuzugehen.









