Rein theoretisch gibt es heutzutage drei Möglichkeiten, eine wie auch immer geartete Beziehung zu beenden: während eines persönlichen Treffens, telefonisch oder via Textnachricht. Allerdings gibt es auch Menschen, die bevorzugen, Hiobsbotschaften anderweitig zu überbringen: nämlich gar nicht. Sie verschwinden einfach in der Versenkung – neudeutsch: Sie ghosten.

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Zurück bleibt ein Fragenkatalog, den der Geghostete selbst bearbeiten darf. Eine Situation, die gut jeder dritte Single schon mal erlebt hat. Psychologin Anja Wermann leitet eine Ghosting-Ambulanz in Berlin und weiß aus eigener Erfahrung, wie schmerzhaft dieses Gefühl sein kann. Sie erklärt, warum viele Betroffene nur schwer darüber hinwegkommen, warum überhaupt geghostet wird und was hilft, das Geschehene zu verarbeiten.

Ghosting: Warum ist plötzliche Funkstille so belastend?

Wie kam die Idee für die Ghosting-Ambulanz?

Anja Wermann: Aus eigener Erfahrung heraus. Ich wurde 2020 an Silvester selbst geghostet. Es ging um einen Mann, den ich seit zweieinhalb Jahren kannte. Wir hatten etwas Unverbindliches, aber ich hatte Gefühle entwickelt. Für mich war das ein ziemlich harter Schlag, als er einfach abgetaucht ist. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll, habe viel dazu gelesen und Übungen ausprobiert, erst einmal an mir selbst. Dann dachte ich: Vielleicht hilft das auch anderen Menschen. So ist die Ghosting-Ambulanz als Zusatzangebot zu meiner Single- und Sexualberatung entstanden.

Was schmerzt an Ghosting so sehr?

Nach meiner Beobachtung sind es vor allem vier Dinge. Erstens dieses quälende Warum. Also: Warum ist die andere Person weg? Habe ich etwas falsch gemacht? Es fällt schwer, etwas abzuschließen, das man nicht einordnen kann. Zweitens trifft Ghosting oft den Selbstwert. Viele fragen sich: Bin ich es nicht einmal wert, dass man mir eine Erklärung gibt? Manche sagen sogar, sie hätten sich entsorgt gefühlt, wie ungewollter Müll.

Drittens und viertens geht es um Vertrauen. Zum einen wird das Vertrauen in andere Personen und in Beziehungen erschüttert, ob romantisch oder freundschaftlich. Zum anderen wird das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung angeknackst. Die meisten Menschen glauben ja, dass sie andere eigentlich ganz gut einschätzen können, und oft stimmt das auch. Deshalb sind sie dann so aus der Bahn geworfen. In erster Linie sollte deshalb geschaut werden: Wo tut es am meisten weh?

Diplom-Psychologin Anja Wermann
Psychologin Anja Wermann bietet in ihrer Berliner Praxis Paar-, Single- und Sexualberatung an. Weiterer Schwerpunkt: die Beratung von Ghosting-Betroffenen in der Ghosting-Ambulanz.© Matthias Friel | Matthias Friel

Was sagt Ghosting über eine Person aus?

Warum ghosten Menschen denn?

Die Erklärung ist komplex. Unter anderem spielt auch der Bindungsstil eine Rolle. Menschen mit einem vermeidenden Bindungsstil ziehen sich bei Stress oder Konflikten zum Beispiel eher zurück. Aber ich würde nicht sagen, dass alle Menschen, die ghosten, einen vermeidenden Bindungsstil haben. Es gibt inzwischen Untersuchungen dazu. Manche Menschen sind einfach mit Kommunikationsformen aufgewachsen, in denen Blockieren und Verschwinden normalisiert wurden. Man sieht auch, dass jüngere Menschen unter 30 häufiger ghosten. Es ist also zum Teil auch eine Generationenfrage.

Dazu kommen Menschen, die sehr konfliktscheu sind und keine Lust oder Kraft haben, ein unangenehmes Gespräch zu führen. Sie wollen sich nicht auseinandersetzen und ziehen sich zurück. Spannend finde ich auch, dass es Menschen gibt, die glauben, sie würden den anderen schonen, wenn sie einfach verschwinden – nach dem Motto: Es ist doch schlimmer, direkt zu sagen, was mich stört. Eine Art falsch verstandene Empathie.

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Was ist der erste Schritt, wenn es darum geht, mit Ghosting umzugehen?

Das ist fast wie Krisen- oder Traumaarbeit. Der Mensch muss erst einmal aufgefangen werden – mit Fragen wie: Was ist noch stabil im Leben? Gibt es gute Freunde, Familie, Kinder, Strukturen, auf die man sich stützen kann? Welche Erfahrungen aus früheren Krisen kann man aktivieren? Dann geht es darum, sich daran zu erinnern: Was tut mir gut? Was kann mir wieder Halt geben? Trauer gehört natürlich ebenfalls dazu. Wer geghostet wurde, sollte seinen Gefühlen auch Raum geben.

Wie sollte man auf Ghosting reagieren?

Was hilft langfristig?

Besonders effektiv ist eine Übung, die ich „Spürhund“ nenne. Unser Gehirn funktioniert oft wie ein Hund, dem man ein Stöckchen hinwirft. Wenn ich ihm die Frage hinwerfe „Warum ist das passiert?“, dann rennen unsere Gedanken los und suchen die Antwort. Das Problem ist: Beim Ghosting gibt es diese Antwort nicht. Deshalb verlieren sich viele im Gedankenstrudel und kommen dort nicht raus.

Der entscheidende Schritt ist zu verstehen: Wenn ich meinem Verstand dieses Stöckchen selbst hingeworfen habe, kann ich den Spürhund auch wieder zurückrufen und gebe ihm eine neue Aufgabe. Zum Beispiel „Was würde mir jetzt guttun?“ oder „Was war schön an dieser Verbindung?“ und „Wie kann ich mir davon etwas erhalten – unabhängig von dieser Person?“. Das ersetzt die endlose Suche nach einer unerreichbaren Antwort durch Fragen, die wieder Handlungsspielraum eröffnen.

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Wie ist es mit dem Thema Selbstwert und der Frage „War ich nicht gut genug?“?

Wenn ein Mensch ghostet, sagt das in erster Linie etwas über den Ghost aus – nicht über mich. Vielleicht hat dieser Mensch ein Problem mit Konflikten, ist überfordert oder hat gerade selbst große Baustellen. Geghostet zu werden, heißt nicht, dass mit mir etwas nicht stimmt. Der Gedanke „Ich habe es nicht verdient, so behandelt zu werden“ kann übrigens sehr helfen, innerlich eine Tür zu schließen und wieder nach vorn zu schauen. Wut kann beim Loslassen unterstützen.

Wie lange kann dieses Loslassen dauern?

Das ist unterschiedlich. Manche Menschen brauchen viele Monate, um darüber hinwegzukommen. Dabei hängt es übrigens nicht unbedingt von der Dauer des Kontakts ab, sondern auch von der Intensität und davon, was dieser Kontakt für jemanden bedeutet hat. Vielleicht wurde auch eine alte Verletzung reaktiviert. Von außen sieht es dann manchmal so aus, als sei „doch gar nichts gewesen“, aber innerlich kann sehr viel daran hängen. Manchmal lohnt sich auch die Frage „Wenn ich lange an jemandem hänge, der mich dermaßen vor den Kopf stößt – kenne ich das vielleicht schon von früher?“. Hier lohnt es sich möglicherweise, in einer Therapie genauer hinzuschauen.