In Betty’s Bay gehören sie eigentlich zum Küstenbild: Brillenpinguine stehen dort oft am Strand, weil die Bucht für sie Brutstätte und Rückzugsort ist. Weiße Bäuche in der Sonne, dicht an dicht, wie für ein Urlaubsfoto. Doch das Bild trügt. Brillenpinguine – offiziell Afrikanische Pinguine – verschwinden rasant von den Küsten Südafrikas und Namibias.

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2024 stufte die IUCN, die Internationale Naturschutzunion, die Art als „kritisch gefährdet“ ein, also als unmittelbar vom Aussterben bedroht. In nur drei Jahrzehnten ist der Bestand nach Schätzungen um rund 80 Prozent eingebrochen. Heute sollen in freier Wildbahn weniger als 10.000 Brutpaare übrig sein. Und wie es in einer Studie aus dem vergangenen Jahr heißt, könnte die Art bis 2035 ganz verschwunden sein, wenn sich die Lage nicht dreht.

Afrikanische Pinguine in Not: SANCCOB als Notaufnahme an Südafrikas Küste

Wer verstehen will, was diese Zahlen bedeuten, muss dorthin gehen, wo die Folgen anlanden: zur Southern African Foundation for the Conservation of Coastal Birds, kurz SANCCOB. Die Organisation wurde 1968 gegründet und rettet seit Jahrzehnten Seevögel, versorgt sie medizinisch, päppelt sie wieder auf und bringt sie zurück in die Natur. SANCCOB ist so etwas wie eine Notaufnahme für Pinguine – und gleichzeitig ein Protokoll darüber, was draußen im Meer schiefläuft.

„Wir sehen jeden Tag, wie diese Vögel ankommen – teils schwer verletzt, stark abgemagert; in der Wildnis kämpfen sie enorm“, sagt Jade Sookhoo, Rehabilitationsleiterin bei SANCCOB, im Gespräch mit „CNN“. Robyn Fraser-Knowles, ebenfalls bei SANCCOB, beschreibt den Zustand vieler Tiere ähnlich. Im vergangenen Jahr habe die Organisation 948 Pinguine aufgenommen; bei ihrer Ankunft seien viele „dünn – bestenfalls“. Ein erwachsener Vogel habe nur 1,9 Kilogramm gewogen, weniger als die Hälfte eines gesunden Gewichts von rund vier Kilogramm. „Man findet in der Wildnis kaum noch Pinguine mit idealem Körpergewicht“, sagt Fraser-Knowles.

Artensterben und Artenschutz

Überfischung und Klimawandel: Warum Afrikanische Pinguine immer häufiger verhungern

Der Zustand, den SANCCOB täglich sieht, hat vor allem eine Ursache: Es fehlt an Futter. Afrikanische Pinguine leben vor allem von Sardinen und Sardellen – kleinen Schwarmfischen, die früher in dichten, verlässlichen Schulen vor der Küste standen. Doch diese Schwärme werden seltener, weil sich das Meer erwärmt und weil intensiv gefischt wird. Bleibt die Beute aus, müssen die Pinguine weiter aufs Meer hinaus, länger suchen und kommen später zurück. Das trifft nicht nur die erwachsenen Tiere, sondern vor allem die Küken: Wer zu spät kommt, füttert zu selten.

Wie weit diese Hungerkrise reichen kann, zeigt auch eine Studie aus dem vergangenen Jahr im Fachjournal „Ostrich: Journal of African Ornithology“. Es handelt sich dabei, so heißt es in der Arbeit, um eine gemeinsame Untersuchung des südafrikanischen Ministeriums für Forstwirtschaft, Fischerei und Umwelt und der University of Exeter. Die Forschenden berichten, dass zwischen 2004 und 2011 auf Robben Island und Dassen Island – zwei der wichtigsten Brutgebiete – mehr als 60.000 Vögel an Mangelernährung starben. Zudem halten sie fest, die Sardinenbestände seien seit fast zwei Jahrzehnten chronisch niedrig und lägen nur noch bei etwa einem Viertel des früheren Niveaus.

Besonders drastisch, schreiben die Forschenden, sei die Entwicklung an Namibias Küste. Dort sei die Sardinenpopulation durch wärmeres Wasser, veränderte Bedingungen im Meer und Überfischung „praktisch verschwunden“. Zugleich seien – trotz ohnehin schrumpfender Bestände – bis zu 80 Prozent der Sardinen entnommen worden.

Tiere in Hungersnot: Warum Afrikanische Pinguine nicht einfach „umziehen“

Man könnte denken, die Tiere würden einfach dorthin ziehen, wo es noch Fische gibt. Doch Afrikanische Pinguine sind darin erstaunlich unbeweglich. Viele bleiben in der Nähe ihrer Brutplätze und jagen nicht beliebig weit draußen auf dem Meer. Während fliegende Seevögel neue Futtergebiete relativ schnell erreichen, sind Pinguine an ihren Küstenabschnitt gebunden. Afrikanische Pinguine, erklären Fachleute, bleiben oft in einem Radius von etwa 20 Kilometern um ihre Kolonien. Was lange funktioniert hat, wird in einem leerer werdenden Meer zur Falle.

Wie drastisch sich Hunger auswirken kann, zeigt sich an Symptomen, die fast absurd wirken. SANCCOB-Forschende fanden Steine in den Mägen von Jungtieren, bei Kormoranen ebenso wie bei Pinguinen. Robyn Fraser-Knowles schildert „CNN“: „Die Eltern waren so verzweifelt, ihren Babys irgendetwas zu füttern, dass sie ihnen Steine gegeben haben.“ Auch verlassene Küken, sagt sie, fräßen häufig Sand und Kies. Das Problem: Die Steine blockieren den Verdauungstrakt – und damit die Fähigkeit, Nährstoffe aufzunehmen, selbst wenn die Tiere in der Station schließlich richtiges Futter bekommen.

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Pinguin-Küken in Gefahr: Brutaufgabe durch extremes Wetter und längere Nahrungssuche

Auch das Zurücklassen von Jungtieren ist ein wachsendes Problem. Normalerweise teilen sich Afrikanische Pinguine die Arbeit: Ein Elternteil bleibt bei Eiern und Küken, während der andere im Meer nach Nahrung sucht. Doch extremes Wetter, mehr Räuber und die immer längere Nahrungssuche bringen dieses System ins Wanken, sagt Fraser-Knowles.

Kehrt etwa ein Elternteil nicht zurück – weil es getötet wurde oder sich bei der Nahrungssuche stark verspätet –, steht der andere vor einer unmöglichen Entscheidung: Bleibt er beim Nachwuchs, fehlt das Futter; geht er selbst jagen, bleiben Eier oder Küken schutzlos zurück.

Mauser beim Afrikanischen Pinguin: Wenn Fasten zur gefährlichen Hürde wird

Nicht nur in der Brutzeit geraten die Tiere an Grenzen. Auch später im Jahr gibt es eine Phase, in der sich die Folgen der Nahrungsnot besonders hart zeigen: die Mauser. Einmal jährlich erneuern Afrikanische Pinguine ihr Federkleid – es hält sie warm, gibt ihnen Auftrieb und macht das Jagen im kalten Wasser überhaupt erst möglich. Während dieser Zeit bleiben sie an Land und fasten bis zu drei Wochen.

Doch Fasten klappt nur, wenn zuvor genug Reserven da sind. Ist das Meer fischarm oder die Nahrungssuche zu lange, setzen die Tiere zu wenig Fett an; dann verzögert sich die Mauser oder bleibt ganz aus. „Sie kommen mit wirklich alten, beschädigten Federn“, sagt ein SANCCOB-Mitarbeiter gegenüber „CNN“. In solchen Fällen müsse man die Pinguine erst füttern und den „Mauserzyklus anstoßen“, weil sie es „in der Wildnis einfach nicht mehr schaffen“.

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No-Take-Zonen: Der Versuch, dem Meer wieder Luft zu geben

Ganz ohne Gegenwehr ist diese Geschichte nicht. Im März des vergangenen Jahres einigten sich Naturschützer und die kommerzielle Fischerei darauf, für zehn Jahre sogenannte „No-Take-Zonen“ einzurichten. Gemeint sind Meeresschutzgebiete, in denen nichts entnommen werden darf: keine Fischerei, kein Rohstoffabbau. Sechs wichtige Brutkolonien in Südafrika sollen so bessere Chancen bekommen – auf Nahrung, auf Ruhe, auf Nachwuchs.

Robyn Fraser-Knowles nennt die Entscheidung einen Schritt, der begründet hoffen lässt. „Laut den Daten sollte die No-Take-Zone um Robben Island den Rückgang dieser Population bis 2033 stoppen – hoffen wir zumindest“, sagt sie. Gleichzeitig macht sie klar: Schutzgebiete sind wichtig, aber sie reichen nicht aus, solange zu viele andere Belastungen bestehen.

SANCCOB rettet Pinguine: Kampf um den Afrikanischen Pinguin

Damit die Schutzgebiete wirken, braucht es parallel Hilfe dort, wo die Not am größten ist: in den Kolonien selbst. SANCCOB rettet nicht nur verletzte Tiere, sondern auch verlassene Küken. Seit 2006 wurden im „Chick Bolstering Project“ mehr als 10.000 Jungtiere aufgepäppelt und später wieder ausgewildert. In besonders kritischen Phasen – nach Brutaufgabe oder rund um die Mauser – bringt die Station Pinguine über Wochen hinweg durch eine Zeit, die sie draußen oft nicht überleben würden. Außerdem setzt SANCCOB auf künstliche Nester, die Küken und brütende Tiere besser schützen: an Land vor Möwen und Mangusten, im Wasser vor Seebären und Haien.

Der rote Faden aber bleibt das Essen. Fehlen Sardinen und Sardellen, bricht die Grundlage weg. Fraser-Knowles sagt, entscheidend seien in den nächsten Jahren größere Schutzgebiete und deutlich niedrigere Fangmengen. Und sie verweist auch auf den Alltag der Konsumentinnen und Konsumenten: weniger Fisch in Tier- und Haustierfutter, beim Einkauf nachhaltige Arten wählen – etwa mithilfe der WWF-SASSI-Liste.

Am Ende sind Afrikanische Pinguine mehr als ein Fotomotiv. Fraser-Knowles nennt sie eine „Indikatorart“: Ihr Rückgang zeigt, wie krank ein Ökosystem ist. Wenn diese Pinguine verschwinden, ist das ein Signal, dass das Meer, von dem so viele leben, längst zu wenig zurückbekommt.