Ein Archäologenteam in Polen machte vor zwei Jahren auf einem Friedhof im Dorf Pień bei Dąbrowa Chełmińska eine Entdeckung, die wie das Drehbuch zu einem Horrorfilm klingt: Das Skelett einer jungen Frau, liebevoll „Zosia“ genannt, wurde dort geborgen – mit einer Sichel um den Hals und einem Vorhängeschloss am großen Zeh. Dank eines 3D-Modells konnte der Frau kürzlich ein Gesicht gegeben werden. Doch die Bedeutung der Grabbeigaben gibt den Forschern bis heute Rätsel auf.
„Vampirfrau“ aus dem 17. Jahrhundert: Spekulationen um ihren Tod
Die archäologischen Arbeiten auf dem Friedhof des kleinen Dorfes Pień begannen bereits 2005, wie die Nikolaus-Kopernikus-Universität auf ihrer Webseite berichtet. Mit der Entdeckung von Zosia, die vermutlich im 17. Jahrhundert im Alter von 18 bis 20 Jahren starb, gewann das Projekt erneut an Bedeutung. Denn die auffälligen Grabbeigaben sorgten von Anfang an für Rätselraten und Spekulationen.
Während die einen vermuteten, Zosia sei zu Lebzeiten als Vampir gefürchtet worden, sind die Forscher der Nikolaus-Kopernikus-Universität anderer Meinung. „Ich würde diese Behandlungen eher als Schutzmaßnahmen gegen die Toten betrachten, die traditionell als sogenannte Anti-Vampir-Behandlungen bezeichnet werden“, erklärte Dariusz Poliński, Professor am Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit und Leiter der Ausgrabungen, in einem Interview mit dem US-Sender CNN.
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Archäologen vermuten: Grab der „Vampirin“ wurde geöffnet
Poliński geht davon aus, dass das Grab von Zosia nach ihrer Bestattung aus Furcht vor übernatürlichen Mächten und zum Schutz der Lebenden vor den vermeintlichen Gefahren der Toten geöffnet wurde. Anstatt den Leichnam zu drehen oder zu entfernen, wurde die Sichel möglicherweise aus Bequemlichkeit über dem Hals befestigt, um die Auferstehung der Toten zu verhindern.

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Im 17. Jahrhundert war das Öffnen von Gräbern in der Region keine Seltenheit. „Es war eine verbreitete Praxis, die Toten für unglückliche Ereignisse verantwortlich zu machen und sie als Auslöser von Krankheit oder Tod zu sehen“, erklärt Poliński. Sogenannte Wiedergängergräber, in denen Verstorbene mit Schutzmaßnahmen bestattet wurden, sind aus verschiedenen Epochen in ganz Europa bekannt.
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Krankheit als Auslöser für Aberglauben
Poliński und sein Team fanden auch Hinweise darauf, dass Zosia wahrscheinlich an einer Krankheit litt, die sie anfällig für starke, chronische Kopfschmerzen und Ohnmachtsanfälle machte. Eine Analyse der Wirbelsäule stützt diese Vermutung. Zudem könnte eine Deformation des Brustbeins, die möglicherweise zu einem sichtbaren Tumor führte, die Schmerzen ausgelöst und zur Legendenbildung um Zosia beigetragen haben.
DNA-Analysen des Skeletts von Zosia deuten außerdem darauf hin, dass die junge Frau aus Südskandinavien stammte, möglicherweise aus Schweden. Dies passt in den historischen Kontext des 17. Jahrhunderts, als Polen und Schweden in mehrere Kriege verwickelt waren, so dass Zosia in ihrer Gemeinschaft eine Außenseiterin gewesen sein könnte. Funde wie Seidenstoffe und Metalldrähte aus Silber und Gold in ihrem Grab deuten ebenfalls auf eine wohlhabende oder einflussreiche Herkunft hin.
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Bildhauer rekonstruiert Gesicht der „Vampirfrau“: 200 bis 400 Stunden Arbeit
Mit Hilfe von DNA-Proben aus dem geborgenen Skelett sowie anatomischen und historischen Kenntnissen über die damalige Zeit hat Zosia nun ein Gesicht bekommen. Der schwedische Bildhauer und Archäologe Oscar Nilsson rekonstruierte anhand der verfügbaren Informationen das mutmaßliche Aussehen von Zosia in einem 3D-Modell. „Die Rekonstruktion eines Gesichts dauert zwischen 200 und 400 Stunden“, erklärt der Künstler. Doch für ihn hat sich die Mühe gelohnt, denn die Rekonstruktion habe Zosia „ein Stück Menschenwürde zurückgegeben“, sagte er gegenüber CNN.
Die Reise des Forschungsteams zur Aufdeckung von Zosias Identität wird in der neuen Dokumentation „Field of Vampires“ gezeigt, die seit dem 30. Oktober als Folge der PBS-Serie „Secrets of the Dead“ ausgestrahlt wird. Außerdem sollen die Ergebnisse der Studie laut Hauptautor Poliński im nächsten Jahr in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht werden.








