Ausgerechnet in einer der Regionen, die sich weltweit am schnellsten erwärmen, zeigt sich bei Eisbären ein überraschender Trend: Sie sind heute besser genährt als noch vor rund 25 Jahren. Das geht aus einer neuen Studie des Norwegischen Polarinstituts hervor, die im Fachjournal „Scientific Reports“ veröffentlicht wurde.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Eigentlich hatten Forschende das Gegenteil erwartet. Denn das Meereis rund um das norwegische Archipel Spitzbergen (Svalbard) geht seit Jahrzehnten stark zurück. Diese Entwicklung stellt Eisbären vor enorme Probleme. Sie jagen Robben traditionell vom Eis aus. Fehlt diese Plattform, müssen sie längere Strecken zurücklegen, verbrauchen mehr Energie und finden schwerer Nahrung.

Auch interessant

„Überraschendes Ergebnis“: Forschungsteam untersucht 770 Eisbären

Zwischen 1995 und 2019 untersuchte das Forschungsteam den Körperzustand von 770 ausgewachsenen Eisbären im Frühjahr. Der sogenannte Körperzustand misst, wie groß die Fettreserven der Tiere sind. Trotz rund 100 zusätzlicher eisfreier Tage pro Jahr befinden sich die Eisbären heute in einem besseren Zustand als in den 1990er-Jahren.

„Das ist ein überraschendes Ergebnis“, sagt Jon Aars, leitender Forscher am Norwegischen Polarinstitut und Hauptautor der Studie, in einer Mitteilung des Instituts. „Hätte man uns vor 25 Jahren gefragt, was passiert, wenn Eisbären jedes Jahr zwei Monate weniger Zeit auf dem Eis verbringen, hätten wir magerere Tiere, geringere Fortpflanzung und den Beginn eines Populationsrückgangs erwartet. Stattdessen sehen wir, dass sie in einem besseren Zustand sind.“

Eisbären finden neue Nahrungsquellen an Land

Die Erklärung liegt offenbar in der Anpassungsfähigkeit der Tiere. Eisbären in Spitzbergen nutzen zunehmend Nahrungsquellen an Land. „Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass Eisbären den kürzeren Aufenthalt auf dem Meereis zunehmend durch die Nutzung von Ressourcen an Land kompensieren können“, erklärt Aars. Dazu würden unter anderem Rentiere, Walrosskadaver, Vogeleier, Seevögel und Seehunde zählen.

Diese Beutetiere haben in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen, unter anderem, weil einige Arten seit den 1950er-Jahren unter Schutz stehen. Das habe es den Eisbären ermöglicht, ihre Fettreserven zu halten oder sogar auszubauen, erklärt Aars.

„Wissen noch nicht, wo genau diese kritische Schwelle liegt“

Die Forschenden warnen jedoch davor, die Ergebnisse als gutes Zeichen für die Zukunft der Eisbären zu missverstehen. Denn die Anpassung hat klare Grenzen. Mit weiter schrumpfendem Meereis müssen die Tiere immer größere Distanzen zwischen Land und Jagdgebieten überwinden. Bedeutet: Langfristig können die Tiere das kaum ausgleichen.

Auch Aars sieht die Entwicklung nur als vorübergehend: „Eisbären sind jedes Jahr für eine gewisse Zeit auf Meereis angewiesen, aber wir wissen noch nicht, wo genau diese kritische Schwelle liegt.“ Der Körperzustand sei jedoch ein wichtiger Frühwarnindikator. Verschlechtere er sich, könnten bald auch Fortpflanzung und Bestandszahlen folgen.