Noch vor zwanzig Jahren galt Untergewicht als das drängendste Problem der Kindergesundheit. Heute hat sich das Bild gedreht: Übergewicht und Fettleibigkeit breiten sich weltweit unter Kindern und Jugendlichen in einem Tempo aus, das Experten alarmiert. Das zeigt der aktuelle Bericht des Kinderhilfswerks Unicef. Demnach sind mittlerweile fast 400 Millionen Heranwachsende zwischen fünf und 19 Jahren zu schwer – mehr, als die Bevölkerung der gesamten Europäischen Union zählt.

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„Wenn wir über Mangelernährung sprechen, geht es nicht mehr nur um untergewichtige Kinder“, sagt Unicef-Exekutivdirektorin Catherine Russell gegenüber „dpa“. Vielerorts sei es heute die andere Form von Mangel, die die Gesundheit bedrohe: zu viele Kalorien, aber zu wenige Nährstoffe.

Unicef: Übergewicht bei Kindern weltweit nimmt rasant zu

Nach den Unicef-Daten gelten 391 Millionen Kinder und Jugendliche als übergewichtig, 188 Millionen von ihnen sogar als adipös. Damit wiegt die Sorge um zu viel Gewicht heute schwerer als die um zu wenig. Nur noch 9,2 Prozent der jungen Menschen weltweit sind untergewichtig – vier Prozentpunkte weniger als noch zum Beginn des Jahrtausends.

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Adipositas in reichen Ländern besonders verbreitet

Die Verteilung ist ungleich. In Ländern mit hohem Einkommen wächst Adipositas deutlich schneller als in ärmeren Staaten. Chile etwa meldet erschreckende Zahlen: Mehr als 27 Prozent der Jugendlichen dort sind fettleibig. In den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist es jedes fünfte Kind.

Auch in Deutschland bleiben die Zahlen hoch. Nach Angaben von Unicef ist hierzulande jedes vierte Kind zwischen fünf und 19 Jahren übergewichtig. 2000 lag der Anteil noch bei 24 Prozent, inzwischen sind es 25 Prozent. Stabil bleibt dagegen die Quote der Adipositas: Acht Prozent der Kinder sind stark übergewichtig – seit Jahren ein konstanter, aber nicht weniger besorgniserregender Wert.

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Pazifikinseln als Hotspots der Fettleibigkeit

Besonders dramatisch ist die Lage in den pazifischen Inselstaaten. Auf Nauru, den Cookinseln oder Niue ist inzwischen mehr als ein Drittel der Jugendlichen adipös. Unicef macht dafür den Wandel von traditioneller, lokaler Ernährung hin zu billigen, stark verarbeiteten Importprodukten verantwortlich.

Nur in Subsahara-Afrika und Südasien zeigt sich ein anderes Bild: Dort sind nach wie vor mehr Kinder untergewichtig als fettleibig.

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Ursachen für Fettleibigkeit: Überernährung und aggressives Marketing

Heute sei es vielmehr die „Überernährung“ mit nährstoffarmen, hochverarbeiteten Produkten, die Kinder krank mache, erklärt Unicef-Direktorin Catherine Russell. Obst und Gemüse würden zunehmend durch billige Fertigprodukte verdrängt. Besonders perfide sei die Vermarktung: Softdrinks, Chips und Fast Food würden gezielt über digitale Kanäle an Kinder und Jugendliche herangetragen.

Dass Regulierung wirken kann, zeigt Mexiko. Dort hat die Regierung den Verkauf von stark verarbeiteten Lebensmitteln mit hohem Zucker-, Salz- und Fettgehalt an öffentlichen Schulen verboten. Unicef hebt diesen Schritt ausdrücklich positiv hervor. Er zeige, dass politischer Wille tatsächlich in der Lage sei, eine ungesunde Entwicklung zu bremsen.

Doch nicht nur Staaten können gegensteuern – auch im Alltag lässt sich viel verändern. Ein Schlüssel liegt im Umgang mit Zucker: Warum der Verzicht so schwerfällt und welche Methode gegen ständiges Naschen helfen kann, erklärt eine Expertin in diesem Beitrag: Zucker-Verzicht: Expertin verrät Methode gegen das Naschen.

Gesundheitliche Folgen von Fettleibigkeit bei Kindern

Die Konsequenzen sind massiv. Fettleibigkeit erhöht das Risiko für Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sogar Krebs – Krankheiten, die früher kaum mit Kindheit in Verbindung gebracht wurden. Hinzu kommen soziale Folgen: Übergewichtige Kinder fehlen häufiger in der Schule, leiden unter einem geschwächten Selbstwertgefühl und werden laut Unicef überdurchschnittlich oft Opfer von Mobbing.

Die gesundheitlichen und sozialen Folgen von Fettleibigkeit bei Kindern sind damit nicht länger Einzelfälle, sondern Teil einer weltweiten Entwicklung. Klar ist: Wer die Ursachen verstehen will, muss über Ernährung hinausdenken – über Werbung, Märkte und politische Verantwortung. Noch aber bleibt die Frage offen, ob genügend Staaten bereit sind, daraus Konsequenzen zu ziehen.

mit dpa