Der Unternehmer Wolfgang Grupp gesteht in einem bewegenden Brief, dass er versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Grund dafür sei eine Altersdepression, so der 83-Jährige. Wir haben mit Dr. Ines Keita, Diplompsychologin und stellvertretende Geschäftsführung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention über das Thema gesprochen. Sie erklärt, welche Symptome und Warnzeichen Angehörige kennen sollten und wie man die Krankheit auch im Alter noch gut behandeln kann. 

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Wie äußert sich eine Altersdepression?

Dr. Ines Keita: Grundsätzlich äußert sich eine Depression auch im Alter durch eine gedrückte Stimmung und durch den Verlust von Freude und Interesse. Die Menschen sagen, sie sind permanent erschöpft, viele berichten auch von Schuldgefühlen, für andere eine Belastung zu sein und haben hartnäckige Schlafstörungen.

Im Alter gibt es ein paar Besonderheiten. Zum Beispiel, dass man bestehende körperliche Probleme in den Vordergrund stellt und die als mögliche Ursache für das Befinden sieht. Man denkt, Tinnitus oder Rückenschmerzen seien der Grund, warum es einem schlecht geht. Das ist tatsächlich ein großes Problem, dass Altersbegleiterscheinungen dafür verantwortlich gemacht werden, wie man sich fühlt und die Depression übersehen wird.

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Altersdepression: „Verweigerung von Nahrungsaufnahme kann ein Indikator sein“

Wie kann ich reagieren, wenn ich bei jemandem in meinem Umfeld die Symptome erkenne?

Keita: Also grundsätzlich gilt für jedes Alter, wenn ich das Gefühl habe, ein Mensch ist verändert und das eben nicht nur über wenige Tage, sondern längerfristig, dann ist es wichtig, professionelle Hilfe heranzuziehen. Das kann in erster Linie der Hausarzt sein. Bei betagten Menschen kann auch die Verweigerung von Nahrungsaufnahme oder Getränken ein Indikator für psychische Probleme sein.

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Wolfgang Grupp mit seiner Familie: Sohn Wolfgang Grupp Junior, Ehefrau Elisabeth und Tochter Bonita im Jahr 2024. © Bernd Weißbrod/dpa | Bernd Weißbrod

Ist die Anzahl der Fälle von Depressionen und Altersdepressionen in den vergangenen Jahren gestiegen?

Keita: Das können wir so nicht bestätigen. Es gibt eine Zunahme bei Krankschreibungen, die Krankenkassenstatistiken sprechen immer wieder von einer Zunahme der Diagnose. Das heißt aber nicht, dass Depression an sich häufiger geworden sind, sondern wir sehen eine gestiegene Offenheit der Menschen mit einer psychischen Erkrankung wie Depression, zum Arzt zu gehen und darüber zu sprechen im Gegensatz zu vor 30 Jahren. Und die Depression werden auch als solche korrekter diagnostiziert. Da sehen wir eine enorme Verbesserung. Was sich natürlich in einem Anstieg der Diagnosen zeigt.

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Sind alte Menschen häufiger von Depressionen betroffen?

Keita: Depression im Alter sind nicht häufiger. Man nimmt das häufig an, weil man sieht, da sind viele körperliche Beschwerden, da ist vielleicht der Verlust des Partners. Das Problem ist aber: Depression ist eine eigenständige Erkrankung, die hat gar nicht so viel mit Schicksalsschlägen zu tun, sondern entscheidend ist, ob man eine Veranlagung dafür hat, zu erkranken.

Depressionen: Man ist nie zu alt für eine Psychothearapie

Wie behandelt man die Altersdepression? Mit Antidepressiva?

Keita: Im Alter kann die medikamentöse Behandlung bisschen schwieriger sein, weil man häufig eine Multimedikation hat, also schon viele andere Tabletten oder Medikamente eingenommen werden. Da muss man einfach genauer auf Wechselwirkungen schauen. Aber auch Psychotherapie hilft. Oftmals wird angenommen, dass Psychotherapie nichts ist fürs hohe Lebensalter oder dass man dann vielleicht nicht mehr therapierbar ist. Aber das ist tatsächlich ein großer Irrtum, dass Psychotherapie dann nicht funktioniert oder man zu alt sein kann.

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Wie sind die Heilungschancen, wenn Betroffene sich therapieren lassen?

Keita: Depression gehören zu den gut behandelbaren psychischen Erkrankungen, und selbst wenn das erste Medikament nicht anschlägt, dann gibt es immer noch Optionen, zu wechseln oder auch Behandlungsalternativen. Von Heilung sprechen wir jedoch nicht, weil die Erkrankung in der Mehrzahl der Fälle wiederkehrend ist. Das heißt, die Mehrheit der Betroffenen erlebt nur eine Episode im Leben, sondern mehrere, ist aber komplett beschwerdefrei zwischen den Episoden. Deswegen sprechen wir von Besserung oder Symptomfreiheit, aber nicht von Heilung. Mit einer guten Behandlung kann man auf jeden Fall selber sehr viel dafür tun, beschwerdefrei zu bleiben.

Anmerkung der Redaktion

Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über (mögliche) Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Suizidgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen.

Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.