Psychiater konnten ihre Kollegen aus der Kardiologie bislang nur beneiden. Das EKG genügt in vielen Fällen, und der Herzspezialist weiß, ob der Patient in Gefahr ist. In der Seelenheilkunde hingegen bleibt der Diagnostiker auf sich gestellt. Ob ein Kind an ADHS oder Autismus leidet, wird bisher vor allem durch Gespräche, Fragebögen und die Erfahrung des Diagnostikers entschieden – objektive Messmethoden fehlen.

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Dabei ist der Bedarf enorm: ADHS zählt längst zu den häufigsten psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. In Deutschland sind einer Studie von 2018 zufolge rund 4,4 Prozent der 3- bis 17-Jährigen betroffen. Oft werden die Symptome – Konzentrationsschwäche, Impulsivität und Unruhe – erst im Grundschulalter erkannt. Viele Kinder haben dann bereits Jahre der Missverständnisse und Frustrationen hinter sich.
Doch ein Durchbruch bei der Diagnose kündigt sich an – und er beginnt im Auge: Forscher der Yonsei University College of Medicine in Südkorea haben eine Methode entwickelt, mit der sich ADHS möglicherweise objektiv diagnostizieren lässt. Der Schlüssel liegt in der Retina, der Netzhaut des Auges. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie kürzlich im Fachjournal „npj Digital Medicine“.
ADHS erkennen: Die Augen als Spiegel der Psyche
Wissenschaftler vermuteten bereits seit Längerem, dass sich Störungen der neuronalen Verschaltungen, wie sie bei ADHS auftreten, auch in der Netzhaut zeigen könnten. Denn Netzhautzellen und Hirnzellen sind eng verwandt. Während gesunde Menschen wichtige Informationen aus dem Reizüberfluss der Umwelt herausfiltern können, geraten ADHS-Betroffene rasch in Überforderung. Dieses Ringen könnte sich im Aufbau der Retina niederschlagen.
Ein Team um die Professoren Cheon Keun-ah und Choi Hang-nyoung setzte maschinelles Lernen ein, um genau diese Spuren aufzudecken. Sie analysierten Netzhautbilder von 323 Kindern und Jugendlichen mit diagnostiziertem ADHS sowie von ebenso vielen Kontrollpersonen ohne Auffälligkeiten. Mithilfe des Programms „AutoMorph” extrahierten sie aus den Fotos winzige Merkmale: Gefäßdichte, Arteriendurchmesser und Veränderungen am Sehnervenkopf.
Anhand dieser Daten trainierten sie vier verschiedene KI-Modelle. Das erfolgreichste Modell erreichte eine diagnostische Genauigkeit von 96,9 Prozent. Sensitivität und Spezifität lagen bei über 91 Prozent. Mehr noch: Die KI erkannte typische Defizite der visuellen selektiven Aufmerksamkeit – ein Kernsymptom von ADHS – mit einer Trefferquote von 87,3 Prozent.
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Die Autoren betonen, dass ihr Ansatz gegenüber bisherigen Diagnosemethoden Vorteile bieten könnte: „Die Netzhautbildgebung, die nicht invasiv ist und weniger als fünf Minuten dauert, bietet eine schnellere und objektivere Screening-Option.“ Während die bisherige Diagnose aufwendige Interviews und umfangreiche Tests erfordert, könnte ein einfacher Netzhaut-Scan künftig erste Hinweise auf ADHS liefern. Dies wäre ein Meilenstein für die Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Um die Funktionsweise der KI besser zu verstehen, nutzten die Forscher sogenannte „Shapley Additive Explanations“ (SHAP), ein Werkzeug zur Interpretation von maschinellen Lernmodellen. Sie fanden heraus, dass eine erhöhte Blutgefäßdichte in der Retina, engere Arterien und Veränderungen am Sehnervenkopf typische Marker für ADHS sind.
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Zukunftsausblick – und Grenzen
Die Forschung steht noch am Anfang: Bisherige Tests bezogen sich auf Kinder und Jugendliche im Durchschnittsalter von 9,5 Jahren. Ob die Methode auch bei Erwachsenen oder im Vergleich zu anderen Störungsbildern, wie beispielsweise Autismus, zuverlässig funktioniert, muss noch geprüft werden. Erste Analysen deuten darauf hin, dass in diesem Bereich noch Entwicklungsarbeit nötig ist.
Dennoch ist die Perspektive vielversprechend. „Eine frühzeitige Diagnose und rechtzeitige Intervention können die schulischen, sozialen und familiären Fähigkeiten von Kindern mit ADHS erheblich verbessern“, schreiben die Autoren. Vielleicht ist der Tag nicht mehr fern, an dem Psychiater ähnlich wie Kardiologen auf ein einfaches bildgebendes Verfahren zurückgreifen können – und aus einem Blick in die Augen mehr als nur den momentanen Gemütszustand lesen können.








