• Bis zu 6 Prozent der Kinder in Deutschland sind von ADHS betroffen
  • Hierzulande ist die Störung jedoch überdiagnostiziert
  • Neue Studien zeigen die wichtigsten Erkenntnisse zum Umgang mit der Störung

ADHS – Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – ist eine der häufigsten neurobiologischen Störungen im Kindes- und Jugendalter. Schätzungen des Bundesministeriums für Gesundheit zufolge sind etwa zwei bis sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland betroffen. Die Störung äußert sich typischerweise durch eine Kombination aus Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität.

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Trotz intensiver Forschung bleibt die Diagnose dieser komplexen Störung ein Diskussionspunkt. Die Symptome treten in sehr unterschiedlichen Ausprägungen auf und können sich im Verlauf der Entwicklung verändern. Insbesondere die Definition von ADHS ist nach wie vor nicht trennscharf. Wissenschaftler sehen sich daher weiter mit vielen offenen Fragen, während die Zahl der Diagnosen stetig steigt.

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Hier sind fünf wichtige Erkenntnisse aus aktuellen Studien, die die Behandlung und das bisherige Verständnis von ADHS neu beleuchten und auch die Behandlung von ADHS beeinflussen könnten:

1. ADHS hat komplexe genetische Ursachen: Keine eindeutigen Marker identifiziert

Es gibt überzeugende Belege aus Zwillings- und Familienstudien, die eine signifikante genetische Komponente bei ADHS nahelegen. Sie zeigen, dass ADHS erblich ist. Bislang ist es jedoch nicht gelungen, spezifische Genvarianten zu identifizieren, die zuverlässig als Marker für ADHS dienen. Eine Metaanalyse, die im Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry veröffentlicht wurde, zeigte zwar, dass komplexe genetische Muster als mögliche Risikofaktoren für ADHS infrage kommen, aber es konnte kein spezifisches Gen isoliert werden, das als eindeutiger Risikofaktor gelten kann. Dafür analysierten die Wissenschaftler die Daten von 6000 Personen aus vier großen Studien. Die Ergebnisse unterstreichen die multifaktorielle Natur der Störung.

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2. ADHS-Medikamente: Konzentration steigt, Lernerfolg bleibt gleich

Eine Studie der American Psychological Association untersuchte den Einfluss des Medikaments OROS-Methylphenidat auf das Lernen von Kindern im schulischen Kontext. Die Ergebnisse zeigten, dass Kinder, die das Medikament einnahmen, sich besser benahmen und konzentrierter arbeiteten. Der schulische Lernerfolg – gemessen an Sach- und Sprachkompetenz – verbesserte sich jedoch nicht signifikant. Allerdings gilt es hier die relativ kleine Untersuchungsgruppe von 173 Kindern im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren sowie den relativ kurzen Untersuchungszeitraum von mehreren Wochen zu bedenken. Andere Studien zeigen durchaus potenziell positive Auswirkungen auch auf schulische Leistungen und eine Steigerung insbesondere der Lebensqualität.

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Eine Studie des King’s College London untersuchte, wie Menschen den Einfluss von ADHS-Medikamenten auf ihre Lernleistung subjektiv wahrnehmen. Die Ergebnisse zeigten, dass viele Nutzer ihre verbesserte akademische Leistung nicht direkt auf die Medikamente selbst, sondern auf deren positive Wirkung auf ihre Emotionen zurückführten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer berichteten von einem gesteigerten Energielevel („Feeling up“), einem stärkeren inneren Antrieb („Drivenness“) sowie einem größeren Interesse an den Lerninhalten („Interestedness“) berichteten und mehr Freude am Lernen („Enjoyment“). Auch negative Gefühle wie Stress wurden als weniger beeinträchtigend erlebt, sofern sie die Produktivität der Probanden zu steigern schienen.

3. Bessere Leistung durch Medikamente? Bei Menschen ohne ADHS nicht belegt

In einem Experiment zur Problemlösefähigkeit, bei dem Medikamente mit verschiedenen Wirkstoffen (wie Dexamfetamin und Methylphenidat) getestet wurden, zeigten sich interessante Ergebnisse. Das Besondere: Untersucht wurde die Wirkung bei Menschen ohne ADHS Diagnose. Dabei zeigte sich, dass die Versuchspersonen nach Einnahme der Medikamente mehr Aufwand investierten – sie arbeiteten länger und intensiver an den Aufgaben. Doch die erzielten Ergebnisse waren oft schlechter als ohne Medikation. Trotz des höheren Aufwands führten die Medikamente nicht zu einer höheren Lösungsrate, und die Qualität der erarbeiteten Lösungen nahm tendenziell ab. Relevant ist das vor allem, weil ADHS-Medikamente immer wieder von Menschen ohne ADHS zur vermeintlichen Leistungssteigerung missbraucht werden.

4. Menschen mit ADHS sind kleiner? Die Auswirkungen langfristiger Medikamenteneinnahme

Langzeitstudien, die über Jahre hinweg die Wirkung von Verhaltenstherapie und medikamentöser Behandlung bei Kindern mit ADHS untersuchten, bestätigen, dass die Symptome auch oft noch im Erwachsenenalter bestehen. Eine im Journal of Child Psychology and Psychiatry veröffentlichte Studie ergab, dass eine jahrelange Einnahme von Stimulanzien keinen nachhaltigen Einfluss auf die Symptomstärke im Erwachsenenalter hatte. Stattdessen zeigte sich, dass Personen, die über längere Zeit Medikamente einnahmen, im Erwachsenenalter im Schnitt 2,5 cm kleiner waren als diejenigen, die wenig oder keine Medikamente genommen hatten. Jüngere Untersuchungen konnten diesen Zusammenhang jedoch nicht bestätigen.

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5. ADHS wird häufig überdiagnostiziert

Eine großangelegte Übersichtsarbeit, die 334 Einzelstudien analysierte, kommt zu dem Schluss: Während ADHS in einigen Bevölkerungsgruppen nach wie vor unterdiagnostiziert ist, wird die Störung besonders bei Kindern mit milden oder grenzwertigen Symptomen oft überdiagnostiziert. Die mit vermeintlich unbegründet diagnostizierten Fällen verbundenen Risiken – Stigmatisierung, unnötige Medikation, Nebenwirkungen – können demnach in manchen Fällen den potenziellen Nutzen übersteigen.

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Vor diesem Hintergrund schlägt eine Studie, die in der Fachzeitschrift JAMA Psychiatry veröffentlich wurde, daher ein alternatives Subtypenmodell für ADHS vor, das eine präzisere und aussagekräftigere Kategorisierung als die bisherigen DSM-5-Kriterien ermöglichen soll. Die Forscherinnen und Forscher um Sarah Karalunas von der US-amerikanischen Purdue University teilten eine Stichprobe von 437 Kindern – sowohl mit als auch ohne ADHS – anhand ihrer Temperamentsmerkmale in drei Subtypen ein:

  • „Mild“ (normale Emotionsregulation)
  • „Surgent“ (positiv-affektiv, impulsiv)
  • „Irritable“ (reizbar, wutbetont)

Diese Einteilung wurde durch verschiedene körperliche und medizinische Tests bestätigt – etwa durch die Messung der Herzaktivität und die Untersuchung der neuronalen Vernetzungen im Gehirn. Die Subtypen erwiesen sich dabei als stabil und klar voneinander abgrenzbar. Das Autorenteam argumentiert, dass dieses Modell individuelle Unterschiede bei ADHS besser erklären und somit zu einer präziseren Diagnostik beitragen könne. Es könnte somit auch dabei helfen, ADHS in Zukunft noch besser zu verstehen und individuell besser zugeschnittene Behandlungsstrategien zu entwickeln.

Dieser Artikel erschien erstmals im April 2025.