Der Ukraine-Krieg und die damit einhergehende Energiekrise waren ab Frühjahr 2022 zwei große Inflationstreiber. Die Europäische Zentralbank (EZB) und andere Notenbanken wie die Fed hatten die Leitzinsen schnell und stark erhöht, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Das hatte primär auch positive Effekte für Anleger, die für ein Festgeld oder Tagesgeld wieder deutlich mehr Zinsen bekommen haben. Doch damit könnte bald Schluss sein.

Ökonomin ordnet EZB-Zinsentscheid ein – „Datenlage weiter uneindeutig“

Nachdem die EZB die Leitzinsen im April nicht verändert hatte, stehen die Zeichen am 6. Juni offenbar klar auf Zinssenkung. Seit Oktober 2022 ist die Inflationsrate im Euroraum kontinuierlich gesunken und liegt seit April bei 2,4 Prozent. Die EZB peilt eine Inflationsrate von zwei Prozent an. Experten gehen davon aus, dass das im Sommer erreicht wird. Gleichzeitig schwächelt die Wirtschaft – Kredite und damit Investitionen werden durch die hohen Leitzinsen ausgebremst.

Katharine Neiss, Chief European Economist bei PGIM Fixed Income, sagt dazu: „Die Datenlage ist nach wie vor uneindeutig, ob die im Inland generierte Inflation wieder ein Niveau erreicht hat, bei dem die Gesamtinflation dauerhaft bei zwei Prozent liegt.“ Neiss geht davon aus, dass EZB-Zinssenkungen zwar unmittelbar bevorstehen, diese aber bloß in begrenztem Umfang und schrittweise erfolgen werden. Diese Annahme teilen auch andere Experten.

Die drei Leitzinssätze der EZB:

1. Hauptrefinanzierungssatz (Main Refinancing Operations, MRO):

  • Definition: Das ist der Zinssatz, zu dem Geschäftsbanken von der EZB kurzfristige Kredite bekommen können.
  • Aktueller Zinssatz: 4,50 Prozent

2. Einlagensatz (Deposit Facility Rate, DFR):

  • Definition: Dies ist der Zinssatz, den Geschäftsbanken bekommen, wenn sie überschüssige Liquidität über Nacht bei der EZB parken.
  • Aktueller Zinssatz: 4,00 Prozent

3. Spitzenrefinanzierungssatz (Marginal Lending Facility, MLF):

  • Definition: Dies ist der Zinssatz, zu dem Geschäftsbanken über Nacht Kredite von der EZB bekommen können.
  • Aktueller Zinssatz: 4,75 Prozent

Wie stark wird die EZB die Zinsen senken? Experten mit klarer Erwartung

Für die Anleger ist vor allem der Einlagenzins relevant. Die Banken parken das Geld der Kunden und bekommen von der EZB dafür Zinsen, die sie ganz oder teilweise an die Sparer weitergeben. Einzelne wenige Anbieter wie Trade Republic geben die Zinsen für das Tagesgeld eins zu eins an die Kunden weiter. Andere behalten einen Teil davon als Gewinn ein. Umgangssprachlich ist oft bloß von dem einen Leitzins die Rede, streng genommen gibt es aber drei.

Wie Katharine Neiss sehen auch andere Ökonomen eine schrittweise Zinssenkung kommen. „In unserer Prognose gehen wir von jeweils einer weiteren Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte je Quartal aus“, sagt Jan Holthusen, Bereichsleiter Research bei der DZ Bank, gegenüber dem Business Insider. Er geht davon aus, dass sich diese Zinssenkungen bis ins Jahr 2025 ziehen werden. Die EZB wird die Zinsen also nicht so stark senken, wie sie sie ab 2022 erhöht hatte.

Termine für EZB-Sitzungen mit Zinsentscheid:

DatumOrt
06.06.2024Frankfurt am Main
18.07.2024Frankfurt am Main
12.09.2024Frankfurt am Main
17.10.2024Zentralbank Slovenien
12.12.2024Frankfurt am Main

EZB leitet Zinswende ein: Warum die USA wahrscheinlich nicht mitziehen

Wegweisend werde sein, wie sich Inflation und Konjunktur in den nächsten Monaten entwickeln werden, erklärt Daniel Hartmann vom Vermögensverwalter Bantleon. Auch Sicht von Jan Felix Gloeckner, Senior Investment Specialist bei Insight Investment, wird die EZB die erste große Notenbank sein, die eine Zinswende einleiten wird. Beobachter gehen davon aus, dass die US-Notenbank Fed ihre Leitzinsen zunächst unverändert lassen wird.

Zum einen ist die Inflation in den USA mit 3,4 Prozent im April noch deutlich höher als in Europa. Zum anderen ist die Konjunktur stärker. Das ist insofern bemerkenswert, weil die EZB damit erstmalig seit Jahrzehnten voraussichtlich schneller reagieren wird als die Fed. Was bedeutet das für das Festgeld und Tagesgeld? In unserem Finanzticker hatten wir jüngst oft über Zinssenkungen bei Fest- und Tagesgeldkonten berichtet. Viele Banken preisen die Zinsen schon jetzt ein.

Festgeld vor EZB-Zinsentscheid: Sparer profitieren jetzt von zwei Faktoren

Finanzexperten wie Holthusen sehen hier keine großen Überraschungen. Die Zinsen hätten ihren Höhepunkt erreicht. „Die Zinsen dürften bei einer Senkung der Leitzinsen in einer ähnlichen Größenordnung sinken.“ Das heißt auch: Vor dem EZB-Zinsentscheid können Sparer noch starke Festgeld-Deals eintüten. Attraktive Konditionen und eine stabile Einlagensicherung bietet in unserem Vergleich der Festgeldzinsen für Juni das Festgeld plus von Klarna.

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Dazu kommt, dass der Realzins von Fest- und Tagesgeldanlagen aufgrund der gesunkenen Inflation und der hohen Leitzinsen von über vier Prozentpunkten hoch ist. „Ein Festgeld ist so lukrativ wie seit vielen Jahren nicht mehr“, fasst es Verivox-Geschäftsführer Oliver Maier in seiner Empfehlung zum Festgeld vor dem EZB-Zinsentscheid zusammen. Die Vergleichsexperten von Verivox raten, überschüssiges Tagesgeld in Festgeldanlagen umzuschichten.

Was ist der Realzins?

Der Realzins ist der Zinssatz, der die Inflation berücksichtigt. Er zeigt die tatsächliche Kaufkraft eines Zinsertrags oder einer Schuld an. Ein positiver Realzins bedeutet, dass das Geld an Wert gewinnt, während ein negativer Realzins anzeigt, dass die Inflation die Zinserträge übersteigt. Beim Vergleich von Anlageformen wie Festgeld und Tagesgeld ist der Realzins entscheidend, da er die reale Rendite nach Abzug der Inflationsrate widerspiegelt.

Laut Verivox lässt sich der Realzins mit folgender Formel berechnen: [Nominalzins] – [Inflationsrate] = [Realzins]

Bei einer Inflationsrate von null Prozent wären Realzins und Nominalzins praktisch identisch.

Im Unterschied zum Festgeld können sich die Tagesgeldzinsen nach der EZB-Sitzung am 6. Juni schnell ändern. In einem Festgeld sind die Zinsen für die vereinbarte Laufzeit festgeschrieben. Branchenkenner wie Weltsparen-Expertin Katharina Lüth raten, etwa drei Nettomonatsgehälter als Tagesgeld anzulegen. Für langfristige Anlageziele eignen sich Wertpapiere wie ein ETF. Eine sichere Alternative zum Tagesgeld sind etwa auch Geldmarktfonds.

Baukredite und EZB-Zinsen im Juni – Finanzierungsexperte bleibt skeptisch

Interessant wird der Zinsentscheid der EZB auch für Kreditnehmer. Sinken die Leitzinsen, bedeutet das im Allgemeinen, dass auch die Kreditzinsen sinken. Gerade bei großen Finanzierungen wie einem Baukredit sind die Zinsen entscheidend. Hier machen sich auch schon kleine Zinssprünge bemerkbar. Experten wie Michael Neumann vom Kreditvermittler Dr. Klein sind in ihren Prognosen trotzdem vorsichtig und versprechen sich nicht all zu viel vom EZB-Zinsentscheid.

Der Markt hat möglichen Zinssenkungen der EZB bereits in die Bauzinsen eingepreist.

Michael Neumann, Kreditvermittler Dr. Klein

Laut Neumann wird der EZB-Zinsentscheid am 6. Juni die Bauzinsen wenig beeinflussen. „Der Markt hat möglichen Zinssenkungen der EZB bereits in die Bauzinsen eingepreist“, sagt Neumann in seinem Zinskommentar. Also ähnlich wie die Banken beim Fest- und Tagesgeld, die mit Blick auf die kommende EZB-Sitzung ihre Zinsen schon in den letzten Wochen und Monaten angepasst hatten. Mehr Dynamik zeigt sich aktuell an der Börse.

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Die Unsicherheit vor der anstehenden Zinsentscheidung der EZB hat den deutschen Aktienmarkt am Dienstag nach unten gezogen. Der Dax weitete seine Anfangsverluste aus und fiel zwischenzeitlich auf den niedrigsten Stand seit vier Wochen – am Ende verlor der Leitindex 1,09 Prozent auf 18.405,64 Punkte. An den Finanzmärkten wird zwar fest mit einer EZB-Zinssenkung gerechnet „Der Zinspfad im weiteren Jahresverlauf ist dagegen noch nicht so klar vorgezeichnet“, merkte die Landesbank Helaba an.

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Entsprechend zurückhaltend hatten die Investoren zuletzt agiert. „Nach den jüngsten Aussagen der EZB zu urteilen, ist eine weitere Zinssenkung im Juli unwahrscheinlich“, urteilte Daniel Loughney, Anleihenexperte beim Fonds Mediolanum International. Möglich also, dass der EZB-Zinsentscheid am 6. Juni nicht zu allzu großen Turbulenzen am Kredit- und Aktienmarkt führen wird. All das sind jedoch Prognosen. Es bleibt abzuwarten, welche Folgen der kommende und die nächsten Zinsentscheide haben werden.

Mit dpa-Material