Speed-Dating

Morgenpost-Leser treffen die sechs Berliner Spitzenkandidaten

Zehn Leser der Berliner Morgenpost stellen ihre Fragen direkt an Monika Grütters, Gregor Gysi, Eva Högl, Renate Künast, Cornelia Otto und Martin Lindner. Es geht um Persönliches und um große Fragen.

Renate Künast hat eine neue Frisur, Gregor Gysi bemerkt es als Erster. „Renate“, ruft er zu ihr rüber, „das wollte ich schon heute Morgen sagen: Es steht dir wirklich gut.“ Es ist Wahlkampf, Berlins Spitzenkandidaten treffen sich momentan fast täglich, da fallen schon kleine Veränderungen auf. So einen Termin wie bei der Berliner Morgenpost hatten sie allerdings noch nie.

Speed-Dating:

Zehn Leser treffen auf sechs Politiker. Im Journalistenclub des Verlagshauses Axel Springer erklärt Christine Richter, die stellvertretende Chefredakteurin der Berliner Morgenpost, die Regeln. Ein Leser setzt sich zu einem Politiker an den Tisch. Auf ein Signal hin hat er fünf Minuten Zeit, alle seine Fragen beantwortet zu bekommen. Dann gibt es wieder ein Signal und der Leser zieht zum nächsten.

Hier die Protokolle des Speed-Datings:

Die Persönliche – Monika Grütters

Es soll ein Kennenlernen sein, aber die Szene erinnert an Ehekrach. „Warum?“, fragt Thomas Groth, Immobilienunternehmer. Man sei sich doch immer einig gewesen, dass die Mietpreise nicht angefasst würden. „Und jetzt die Kehrtwende!“, sagt er und schaut von unten durch seine Brille. Monika Grütters, die CDU-Politikerin, klingt nun ihrerseits entrüstet.

„Weil sich die Situation in den Städten verschärft hat“, sagt sie. Die Mieten seien erheblich angestiegen, da müsse man eingreifen. Groth antwortet, alles sei noch schlimmer: Förderung für Neubauten kriegten immer nur staatliche Unternehmen. Dann beendet Grütters die Debatte – weil es gleich einen anderen Gesprächspartner gibt. Das Thema, sagt sie, sei der Bereich des „Bausenators und SPD-Kollegen Müller“, da werde sie jetzt nicht „reingrätschen“. Herr Groth steht auf, ein stattlicher Mann im Anzug. Beide werfen sich Fachbegriffe an den Kopf. Sie kommen nicht voneinander los.

Es ist mal wieder Stau vor dem Tisch der CDU-Politikerin, sie redet gerne weiter, auch wenn die Zeit abgelaufen ist. Dann endlich: „Der nächste, bitte.“ Grütters rückt ihre Papiere zurecht, sie hat sich wichtige Positionen der CDU aufgeschrieben und die wichtigsten davon mit Leuchtstift markiert. Eigentlich leuchtet alles gelb. Nur: Sie schaut so gut wie nie auf ihren Spickzettel.

Eine junge Frau setzt sich an den Tisch, mit tätowiertem Arm. Grütters bewegt den Kopf zu ihrem Namensschild und liest laut vor: „Pirsch“. Aha, Sie sind auf der Pirsch. Beide lachen. Und was machen Sie? „Fahrradfahren“, sagt Claudia Pirsch, sie engagiert sich im Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club. Grütters Blick hellt sich auf, ihr Ton wird vertraulich. „Wissen Sie, ich komme aus Münster“, sagt sie.

Das sei ja die Fahrradstadt. Dagegen riskiere man auf einigen Busspuren in Berlin ja sein Leben. Pirsch nickt und will wissen, warum die Bundesregierung in diesem Jahr die Investitionen in Radwege von 100 auf 60 Millionen Euro gekürzt habe. Und: Warum es in ihrer Wohnstraße keinen Fahrradständer gebe. Grütters sagt, sie kenne den Masterplan des Verkehrsministers leider nicht genau.

Dann schaut sie der Frau in die Augen: „Aber ich gebe Ihnen einen Tipp.“ Um das mit den Fahrradständer hinzubekommen, brauche sie einen Verbündeten im Bezirksamt. Grütters selbst habe übrigens erreicht, dass vor dem Bundestag mehr Fahrradständer aufgestellt wurden.

Burckhardt Bonello setzt sich. „Ah, ein italienischer Name“, sagt Grütters. Der junge Mann stellt sich als Start-up-Unternehmer vor, er habe bereits viele Arbeitsplätze geschaffen, empfinde Deutschland aber als innovationsfeindlich.

Er fragt: „Warum hat Berlin keine Elite-Uni wie Stanford?“ Grütters antwortet: „Berlin hat zwei.“ Die Humboldt-Universität und die Freie Universität. Bonello muss etwas lachen. Die Politikerin sagt, 100 Millionen Euro habe Berlin aus der Exzellenzinitiative bekommen, so viel wie kein anderes Bundesland in Deutschland. Man habe auch das Innovationszentrum Adlershof aufgebaut. „Bei allem Respekt“, sagt Bonello, die relevanten Start-ups seien in Mitte oder Kreuzberg, nicht in Adlershof, und 100 Millionen Euro seien nicht genug für eine Uni wie Stanford.

„Berlin braucht ein Unternehmen vom Rang wie Google.“ Das stimme, sagt Grütters. Gerade jetzt, damit E-Mails nicht über US-amerikanische Server gehen müssten. Stichwort: NSA. Man vereinbart ein weiteres Gespräch. Nach dem Wahlkampf.

Es kommt noch ihr Lieblingsthema. Thorben Petters, Schüler, fragt wie man es hinbekomme, in allen Schulen Deutschland einheitliche Schulabschlüsse einzuführen. Ein Heimspiel für die Bildungspolitikerin. Sie spricht vom „Flickenteppich“, und darüber , dass die Kultusministerkonferenz der „größte Hort der Reaktion“ sei, dass die CDU beantragt habe, die Verfassung zu ändern, Verantwortung der Länder in der Bildungspolitik auf den Bund zu übertragen. Sie sagt dann noch: „Es gibt kein Thema, das Deutschland stärker bewegt.“

Der Kommunikative – Gregor Gysi

Gregor Gysi (Linke) hat den entspannteren Part unter den Kandidaten der großen Parteien. Die Linke wird keine Regierungsverantwortung übernehmen – zumindest Peer Steinbrück, der Spitzenkandidat des möglichen Koalitionspartners SPD, spricht sich kategorisch dagegen aus. Gelegenheit für Gysi, schnell vom Kleinen aufs Große zu kommen.

Der 65 Jahre alte Anwalt mit Regierungserfahrung im Berliner Senat (2002 war er kurzzeitig Wirtschaftssenator) ist seit 2005 Fraktionschef der Linken im Bundestag – und gilt als brillanter Rhetoriker. Erst mal aber schenkt er Wasser ein, sich selbst und auch jedem Leser – und dann stellt er die Fragen. Was machen Sie beruflich? Wo kommen Sie her? Wie finden Sie die Berliner Lehrerfortbildung? Wann werden sich die Taxifahrer aus Berlin und Brandenburg endlich einigen?

Und er kann zuhören. So erfährt er in 60 Minuten vom Kampf der Kita-Erzieherinnen um bessere Bezahlung und mehr Personal, Gysi hört von den Problemen der Start-ups, die von Banken und Politik nicht ernst genommen werden. Gysi taucht tief in die NSA-Spionageaffäre ein – und in die Geschichte der eigenen Partei.

„Wie steht Ihre Partei dazu, in der ein Teil der Mitglieder mit Unfreiheit der DDR aufgewachsen ist?“, will der Rechtsanwalt Gerrit Schümann wissen, dessen Thema Datenschutz ist. Gysi gibt offen Auskunft. Tatsächlich seien die Mitglieder der Linken gespalten, „es gibt solche, denen das Thema nicht weiter wichtig ist, andere haben eine extreme Sehnsucht nach Freiheit, nach dem, was sie in der DDR erlebt haben“.

Gysi hat Antworten, von denen er weiß, dass sie gefallen. Zum Thema Frauen und gerechte Bezahlung: „Eine Fehlentwicklung! Leider definieren wir Männer unseren Wert über die Höhe unseres Gehalts, Frauen haben zu wenig für gerechte Bezahlung gekämpft.“ Zum Thema Bildung: „Unser Bildungssystem stammt aus dem 19. Jahrhundert, aus der Kaiserzeit, das müssen wir dringend ändern.“

Er hat das Wort „Schwachsinn“ parat, gern im Zusammenhang mit der CDU, die gemeinsam mit der SPD im Jahr 2006 das sogenannte Kooperationsverbot ins Grundgesetz schrieb. Es sollte die Kompetenzen von Bund und Ländern klarer trennen, Gysi sieht es als Hemmschuh bei einer Vereinheitlichung des Bildungssystems: „Es kann nicht sein, dass Schüler in unterschiedlichen Bundesländern unterschiedlich gute Chancen haben“, sagt er der Erzieherin Christine Weißhoff – und auch allen anderen Lesern, die das Thema Bildung ansprechen. Christine Weißhoff nickt.

Bei konkreten Fragen wird es schwieriger. Wie steht Gysi zu Tempo 30 in Städten?, will Claudia Pirsch wissen, die in Gysis Wahlbezirk Treptow-Köpenick wohnt. Sie arbeitet für einen Branchenverband von Fahrraddienstleistern. Er sei dafür, sagt er, und schränkt dann ein: „Aber es muss auch Straßen geben, auf denen man schneller fahren darf.“ Ob das tatsächlich die Linie seiner Partei sei?

„Ehrlich gesagt, das weiß ich nicht – aber schicken Sie mir doch eine E-Mail“, bietet Gysi an. Seine E-Mail-Adresse werden noch mehr Leser mit nach Hause nehmen. Er beantworte die meisten seiner Mails persönlich, wird Gysi später sagen. Jedoch nicht am Smartphone oder Computer, sondern per Ausdruck. „In meinem Auto. Die Antworten spreche ich auf Band.“

„Fahren Sie Fahrrad?“, will Claudia Pirsch abschließend wissen. „Ja!“ antwortet Gysi begeistert, „aber meistens nur im Keller.“ Für ihn ist das Fahrrad ein Freizeit- und Sportgerät, für die Köpenickerin ein Verkehrsmittel. Zum Speed-Dating ist Gysi im Audi A8 gekommen, samt Fahrer.

Zwischendrin nutzt Gysi die Gelegenheit, Dinge anzusprechen, die ihn persönlich bewegen. Nicht nur das üppige Haupthaar des Lesers Michael Heilgermann, der mit langem Zopf am Tisch sitzt. („Zu so einer Frisur hat es bei mit leider nie gereicht“). Gern nimmt Gysi auch seine 17-Jährige Tochter als Beispiel, („sie ist immer mit mehr als 30 Kindern in eine Klasse gegangen, das ist viel zu viel“) oder auch Anekdoten aus seinem Leben als Anwalt. Als die Spionagegeschichten aus dem Kalten Krieg aufgewärmt werden, ist die Zeit rum. Speed-Dating ist eben keine Talkshow.

Die Flexible – Eva Högl

Es ist leicht, bei Eva Högl offene Türen einzurennen. Die SPD-Bundestagsabgeordnete, Berliner Spitzenkandidatin ihrer Partei, hält sich nicht immer streng ans Parteiprogramm, wenn sie den Morgenpost-Lesern antwortet. So ergeht es auch Mehmet Bedi-Yilmaz, Taxiunternehmer aus Wedding. „Dann sind Sie ja in meinem Wahlkreis“, freut sich die Juristin und stellt gleich eine Nähe her zu dem potenziellen Wähler, der ihr helfen kann, den umkämpften Wahlkreis Berlin-Mitte erneut direkt zu gewinnen.

Wie sie denn zur doppelten Staatsbürgerschaft stehe, will Yilmaz wissen. Natürlich wolle die SPD diese erlauben, sagt Högl, das sei ein „ganz wichtiger Punkt“. Das Optionsmodell, bei dem sich junge Leute für einen Pass entscheiden müssen, hält Eva Högl für „unsäglich“. Und ehe der Einwanderer noch nach dem Wahlrecht für Ausländer fragen kann, überholt Högl ihn bereits. Sie sei sowieso dafür, das Wahlrecht von der Staatsangehörigkeit abzukoppeln.

Damit bewegt sich die Kandidatin jenseits der Beschlusslage ihrer Partei, aber in Wedding oder Moabit mag diese Meinung bei den Migranten gut ankommen. Dass sie für „Chancengleichheit von Einwanderkindern in Schule und Arbeitswelt“ ist, versteht sich fast von selbst. Dass es damit in Deutschland noch hapere, hat sich als Obfrau im NSU-Untersuchungsausschuss erfahren: „Da habe ich schreckliche Dinge gesehen“, sagt Eva Högl.

NSU begleitet die Politikerin durch ihr Leben. Denn sie fährt mit einem alten Sportrad der Traditionsmarke NSU durch ihren Wahlkreis, erzählt sie Claudia Pirsch, die sich vor allem für das Thema Verkehr interessiert. Das Rad habe sie aber schon gehabt, ehe das Mordtrio die gleiche Abkürzung benutzte, sagt Högl und lächelt. Und für Tempo 30 in der Stadt – außer an Ausfallstraßen – und für Radstreifen sei sie sowieso, kürzlich habe sie sich einen Fahrradhelm zugelegt.

Als sich die Schülerin Jemila Herbst darüber beklagt, dass man für die Ausbildung in Pflegeberufen bezahlen müsse, und der Politikerin sagt, dass sie die Aussicht auf diese Kosten abschrecke, einen solchen Beruf zu ergreifen, kann die Chefin der Berliner SPD-Frauen wieder in die Umarmungstaktik gehen. „Toll“ finde sie es, dass die Zwölftklässlerin über einen Pflegeberuf nachdenke. „Ganz wertvolle Tätigkeiten“ seien das, sagt sie, und es sei ein „unerträglicher Zustand“, dass Auszubildende dafür privat zahlen müssten.

Die Ausbildung müsste staatlich finanziert und der Pflegeberuf besser bezahlt werden, findet Eva Högl und schaut ihrem Gegenüber aufmunternd in die Augen. Überhaupt gebe es eine Schieflage. Leute, vor allem Männer, die mit Maschinen oder Autos zu tun hätten, würden mehr Geld verdienen als die Frauen, die überwiegend in Berufe gingen, wo sie sich um Menschen kümmern.

Und auch der Student Paul-Phillip Knust trifft mit seinen Fragen zur Außen- und Menschenrechtspolitik auf Verständnis bei der 44-Jährigen. Er will wissen, warum Deutschland nicht deutlicher die Menschenrechtsverletzungen in Russland anspricht. Das werde ja „adressiert“, sagt Högl und rutscht kurz in die Politikersprache. Im Übrigen habe Deutschland ja nicht so viele Druckmittel. Nach einigen Momenten sagt sie dann aber doch, dass sie in Putins Reich „Sportveranstaltungen boykottieren“ würde.

In Syrien will Högl „nur mit UN-Mandat“ eingreifen, wenn es dieses jedoch gebe, „können wir uns nicht raushalten“. Und Amerikaner und Briten würde sie „deutlich auffordern“, Deutschland über die Aktivitäten der NSA zu informieren. „Wir haben den Anspruch zu erfahren, wie unsere Bürger abgehört werden.“

Die Schnelle – Renate Künast

Sie trägt grün. Morgenpost-Grün? Renate Künast zögert kurz und lacht dann dieses knappe harsch-fröhliche Lachen, das sie sich eigentlich patentieren lassen müsste. „Ja“, sagt sie kurz. „Genau.“ Sie ist Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, sie war Verbraucherministerin, sie wollte Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden. Renate Künast hat schon etwas bewegt in der Republik, dementsprechend erfreut ist ihr erstes Speed-Date, auf sie zu treffen.

„Burckhardt Bonello“, stellte er sich vor. „Ich bin Unternehmer, ich habe multiple Start-ups aufgebaut, und beschäftige mich viel mit Innovationen. Wie wichtig ist Ihnen die Start-up-Branche?“ Künast überlegt keine Sekunde. „Sehr wichtig“, sagt sie. „Die größte Bewegung, die größte Entdeckung und die meisten Ausbildungsplätze kommen aus dem Start-up-Bereich und den kleinen Familien-Unternehmen.“

Da ist sie allerdings schon bei den Problemen. „Der Senat muss dazu beitragen, dass genügend bezahlbare Räumlichkeiten für diese Branche vorhanden sind.“ Überhaupt müsse sich Politik fragen, wie sie Innovationen finanziell unterstützen kann. „Es gibt zu wenige gute Gründer“, erklärt Bonello. Und das liege an der Bildung. „Ich habe selber in Stanford doziert“, sagt er. „So eine richtige Elite-Uni braucht Deutschland auch, Berlin wäre als Standort perfekt.“

Mit so einem Begriff muss er allerdings Künast nicht kommen. Sie ist bekannt dafür, dass sie ihre politischen Gegner hart angeht. Hier allerdings sitzt ein potenzieller Wähler, also ist sie nicht ganz so streng. „Meinen Sie wirklich Eliten?“ Sie einigen sich auf: Eine unternehmerische Universität mit einem sehr hohen Niveau, die Studierenden auf den globalen Wettbewerb vorbereitet.

Künast erklärt, dass sie sich vor allem für Freiheit und Kreativität einsetzen wolle, und ehe man sich versieht, zieht sie das Thema frühkindliche Bildung aus der Tasche. „Das fängt doch alles im Kindergarten an.“ - „Und die Top-Uni?“ hakt Bonello nach. „Das alleine ist zu wenig“, sagt Künast. Darin sind sie sich einig.

Renate Künast weiß, wie man Themen setzt. Auf Fragen zu ihren politischen Kernbereichen antwortet sie mit großer Emphase, ob der Leser nun ihre oder eine Gegenposition einnimmt, ist dabei unwichtig. Sie doziert nicht, sie diskutiert, und manchmal kommt sie richtig in Fahrt. Beim Emissionshandel, bei Fragen zu Verkehr und Integration, aber vor allem bei der Bildung. Dem 17-jährigen Schüler Thorben Petters erklärt sie, dass man der Kultusministerkonferenz „Feuer unterm Stuhl“ machen sollte, damit Schulabschlüsse eingeführt werden, die bundesweit anerkannt sind.

„Mich ärgert bei der Bildung auch, dass sie finanziell nicht genug ausgestattet sind, auch wenn Sie da gerade nicht nach gefragt haben.“ Dann erklärt sie kurz die Möwenpick-Steuer und die finanzielle Knappheit, die für die Kommunen daraus resultiert. „Wie wollen Sie der Kultusministerkonferenz Feuer unter Stuhl machen?“, fragt Petters. „Das können wir nur gemeinsam. Wir müssen dafür sorgen, dass es eine ständige und stetige Debatte ist.“ Wichtig sei aber vor allem individuelle Förderung - sowohl von denen, die schneller als die anderen lernen als auch von denen, die hinterher hängen.

Renate Künast zeigt sich sehr interessiert für die Anliegen ihrer Gesprächspartner. „Was tragen Sie da für einen Pin am Jackett?“, fragt sie Michael Heilgermann, den Lehrer. „Don Quichotte, dessen Kampf gegen Windmühlen erlebe ich täglich.“ Künast hat sofort eine Lösung: „Wir müssen Lehrer gerade beim Berufseinstieg intensiver begleiten.“

Zur Begrüßung wird jedem die Hand geschüttelt, Renate Künast hört aufmerksam zu, zeigt ein gutes Gespür für die Menschen. Aber als Politikerin ist sie vor allem das schnelle und sichere Antworten gewohnt, bevor die Frage überhaupt so richtig angekommen ist. „Kaum kommt man ins Gespräch, da muss es schon weiter gehen“, verabschiedet sie einen Leser. „Schade, ich hätte gerne mehr Zeit gehabt.“

Die Neue – Cornelia Otto

Der Unternehmer Thomas Groth ist überrascht. „Das finde ich gut, das ist mal eine ehrliche Antwort.“ Er hatte die Berliner Spitzenkandidatin der Piratenpartei, Cornelia Otto, nach ihrem Konzept gegen die Wohnungsnot und steigende Mieten gefragt. „Da haben wir noch Defizite“, antwortete Otto knapp und verblüffte so den Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens.

Otto ist die Ausnahme unter den Spitzenkandidaten der Berliner Parteien. Anders als die Konkurrenten hat sie kein politisches Amt inne. Nach Jahren als freischaffende Web-Designerin entschloss sich die 38-Jährige, noch einmal ein Studium anzufangen. Ihre Bachelor-Arbeit in Politik und Soziologie über die Mechanismen der Gier an den Finanzmärkten ist so gut wie fertig. Was danach kommt, ist unklar. Erste Wahl ist ein Mandat im Bundestag – dies zu erreichen wird angesichts der aktuellen Umfragewerte aber schwer.

Da Otto noch kein Polit-Profi ist, hat sie kein Problem damit, Nicht-Wissen zuzugeben. Wenn es künftig einen so großen Bedarf an Pflegekräften gebe, warum müssten dann ausgerechnet Auszubildende in den Pflegeberufen für ihre Ausbildung zahlen, fragt die Schülerin Jemila Herbst. Gute Frage, das werde sie sich ansehen. Und wie soll das Problem der Taxifahrer am Flughafen Tegel gelöst werden, will Taxi-Unternehmer Mehmet Bedi Yilmaz wissen? „Keine Ahnung.“ Zu speziell.

Cornelia Otto ist eine freundliche, zurückhaltende Spitzenkandidatin. Sie verzichtet auf plakative Slogans und nichtssagende Worte. Sie wendet sich dem Gesprächspartner offen zu und sucht den Blickkontakt. Ist es so, dass sich die Partei gerade in der Findungsphase befindet und sich nacheinander allen Themenbereiche erarbeitet, fragt Rechtsanwalt Gerrit Schümann?

„Genauso ist es“, antwortet Otto. „Ich bin froh, dass wir jetzt schon 160 Seiten Wahlprogramm beschlossen haben.“ Und zwar basisdemokratisch. Keine leichte Aufgabe, glaubt man der Spitzenkandidatin. Denn durch die transparente Parteiorganisation im Internet, könne sich jeder daran beteiligen. „Wir geben denen eine Stimme, die bislang keine Stimme hatten.“

Ob es denn aber nicht ein Widerspruch sei, dass die Piraten ursprünglich sehr liberal orientiert waren und jetzt nach einem starken Staat riefen“, fragt Schümann weiter. Nein, das sei kein Widerspruch. Es gehe darum, Wahlmöglichkeiten zu schaffen. Bei der Frage der Energieversorgung könne man über Rekommunalisierung diskutieren, aber möglich sei auch, die Versorgung zu dezentralisieren und so Wahlmöglichkeiten für die Verbraucher zu schaffen, welches Versorgungsangebot sie wählen möchten. Den Sachen auf den Grund gehen und dann sehen, welche Verbesserungen helfen, sei das Prinzip der Piraten. Otto nennt es das „Nerdige“: „Erst mal aufschrauben und dann sehen, was drin steckt.“

Nicht mehr aufschrauben müssen die Piraten im Sozialen. Sowohl auf die Frage der Erzieherin Christiane Weißhoff nach der Qualität der Bildung und der Bildungsvermittler, als auch des Start-up-Gründers Burckhardt Bonello nach stärkerer Unterstützung für Innovative verweist Otto auf das bedingungslose Grundeinkommen. 720 Milliarden Euro gebe Deutschland jedes Jahr für Soziales aus, das reiche, um ein Grundeinkommen für jeden zu finanzieren. „Wir wollen es schrittweise mit einem Sockel einführen“, sagt sie. Nach dem Einzug der Piraten in den Bundestag soll eine Enquetekommission die Einzelheiten klären, am Ende entscheiden die Wähler per Volksabstimmung.

Keine Diskussion gibt es dagegen bei den Fragen des Studenten Paul-Philipp Knust und des Schülers Thorben Petters nach den Folgen aus dem NSU-Skandal. Die schlimmen Taten als Döner-Morde abzuqualifizieren sei „struktureller Rassismus“, empört sich Otto. „Wir stehen vor einem Berg geschredderter Akten – wir wollen den Verfassungsschutz abschaffen.“

Der Direkte – Martin Lindner

Eines kann man Martin Lindner nicht unterstellen – dass er den Leuten nach dem Mund redet, nur, damit sie am Ende ihr Kreuz bei FDP machen. Fünf-Prozent-Hürde hin oder her, der Mann hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Frei nach dem Motto: klare Sache, und damit hopp. „Alles andere bringt doch auch gar nichts“, sagt Lindner. Kerzengerade sitzt er da, beide Hände ruhen an der Tischkante, Merkzettel hat er nicht dabei.

Gelassen nimmt der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion es an diesem Nachmittag hin, dass die Leser ihn mit zig Fragen zur Schul- und Kitapolitik regelrecht bombardieren. „Triezen Sie mich nicht zu viel damit“, bittet er irgendwann zwar die Erzieherin Christiane Weißhoff, „ich bin doch nur ein harmloser Bundeswirtschaftspolitiker“.

Da müssen sie beide lachen, denn das meint er natürlich scherzhaft. Und mitreden kann er in diesen ganzen Schuldingen, für die ja eigentlich der Senat zuständig ist, trotzdem. Schließlich war Martin Lindner von 2001 bis 2009 ja selbst „Landespolitiker“ im Abgeordnetenhaus. Und wer wie er sechs Kinder im Alter zwischen sechs und 17 hat, die allesamt noch zur Schule gehen, der hat eine Ahnung davon, dass die meisten Lehrer eben nicht die „faulen Säcke“ sind, als die sie Ex-Kanzler Gerhard Schröder einst im Interview mit einer Schülerzeitung pauschal beleidigte, um sich bei Jungwählern beliebt zu machen. Nein, ein „harter Knochenjob“ sei das meistens, antwortet er auf die Frage von Michael Heilgermann.

Überhaupt Schröder! Dieser „größte aller Pipeline-Lobbyisten“ könnte sich jetzt ja auch mal ins Zeug legen, wo es darum gehe, seinem Duz-Freund, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, klarzumachen, dass er die Menschenrechte ernster nehmen sollte, redet sich Lindner regelrecht in Rage. Dass Deutschland sich bei dem Thema bedeckt halte, wie Paul-Philipp Knust bemängelt, ist aus seiner Sicht falsch: „Gerade unser Außenminister Guido Westerwelle, aber auch die Bundeskanzlerin haben immer wieder die Menschenrechtsverletzungen thematisiert.“

Das finde nur nicht immer auf dem öffentlichen Marktplatz statt, weil das dann oft den „gegenteiligen Effekt“ habe. Es gebe jedenfalls keinen Zweifel, dass Deutschland die staatlich verordnete Homophobie in Russland verurteile.

Und weiter im Programm: „Lindner, freue mich sehr“, begrüßt er den Immobilienunternehmer Thomas Groth, der endlich mal nichts über Klassenzimmer wissen will – und dann auch noch Geschäftsführer in der Wohnungswirtschaft ist. Da hat man gleich ein gemeinsames Thema: Wohnungsbau. Lindner zollt dem Mann erst mal Respekt: „Klasse, dass es noch so tapfere Menschen gibt wie Sie, die sich mit den ganzen grünen Bezirksstadträten herumschlagen!“