Bundestagswahl 2013

Der Mann für Kleingärtner und Eckrentner

Klaus-Dieter Gröhler (CDU) steht nicht für das global bekannte Berlin von Klubs und Blingbling. Er macht bodenständigen Wahlkampf und will in Charlottenburg-Wilmersdorf Stimmen holen.

Foto: Reto Klar

„Junge“, sagte Mutter Gröhler einst, „geh’ zum Finanzamt, da kann dir nichts passieren.“ Aber der Sohn war kein Typ, „um hinterm Gummibaum zu verschwinden.“ Er wollte Freiheit und Abenteuer – und wurde Verwaltungsjurist. Im Dienst am Berliner hat sich Klaus-Dieter Gröhler bis zum stellvertretenden Bürgermeister des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf gerackert und zum wohl exotischsten Bundestagskandidaten der Stadt: Gröhler erfüllt keine einzige Quote, hat weder Migrationsgeschichte noch Homosexualität zu bieten, er ist in Berlin geboren, hat hier studiert und findet seinen Schlips mit den Diagonalstreifen in CDU-Orange ganz schön verwegen.

Der aus dem Kiez

Gröhler steht nicht für das global bekannte Berlin von Klubs und Techno und Blingbling, sondern für Kleingärtner und Eckrentner und ehrenamtlich Engagierte. Derzeit arbeitet er daran, eine Stadtbibliothek sonntags zu öffnen, mit Freiwilligen. Jubilaren im Viertel bringt er persönlich die Blumenschalen ins Haus. Wäre Gröhler ein Bier, dann bodenständiges Schultheiss. Gröhler ist so Berlin wie Didi Hallervorden und Frank Zander. „Ich bin der ausm Kiez“, auch wenn er in Reinickendorf wohnt.

Trotz dramatischer Bodenständigkeit verstreicht die Bürgersprechstunde in einem Café am Charlottenburger Schloss ohne Bürger. Immerhin sind einige Getreue aus dem „Team Gröhler“ erschienen, die den Eindruck von Wähler-Dialog erzeugen. Gröhler absolviert fast jeden Tag ein solches Treffen. Der Gesprächsbedarf beim Volk ist überschaubar, aber darum geht es gar nicht. Der Zettel im Briefkasten, auf dem die Sprechstunde angekündigt wird, der zählt. „Die Menschen wissen, sie könnten mich treffen, wenn sie wollten.“ So geht Wahlkampf.

2.000 von 200.000 Charlottenburger Stimmen lag die CDU vor vier Jahren hinter der SPD. Gegen die Sozialpolitikerin Ülker Radziwill rechnet sich der Stadtpatriot eine Chance aus. Beim Wahlportal http://www.election.de kippt der Bezirk ständig zwischen Rot und Schwarz. Für den Sieg nimmt er 10.000 Euro privates Geld in die Hand. Insgesamt kostet so ein Wahlkampf etwa 50.000 Euro, in der Economy-Klasse. Wer, wie Frank Steffel, unbedingt einen Kinospot braucht, kann auch das Doppelte loswerden, schätzt Gröhler.

Für seine Plakate hat sich der Charlottenburger Kandidat etwas besonders Originelles ausgedacht: Sie kommen dankenswerterweise ohne die typische Wahlkampf-Lyrik wie „Zukunft“, „Familie“ oder „Wir“ aus. In Welle Eins ist Gröhler im Anzug mit Bildern wie dem Olympiastadion oder der Kirche am Hohenzollerndamm zu sehen; Welle Zwei zeigt ihn im Rollkragenpullover, was Gröhler schon ganz schön locker findet. Einen Listenplatz hat er nicht, nur das Direktmandat zählt. „‚Top oder Flop’, habe ich in der ‚Abendschau’ gesagt“, erklärt Gröhler und lächelt verschmitzt, weil er elegant untergebracht hat, dass er in den Berliner Leitmedien natürlich vertreten ist. Fürs Bürgergespräch ohne Bürger hat er hinter sich zwei Umhängetaschen mit Klarsichtfach aufgebaut, in denen zufällig Gröhler-Bilder stecken, damit sie ganz zufällig im Bild sind, falls ein Fotograf kommt – Profi eben.

Das Postamt, das geschlossen wird, der X-Bus, der an der Haltestelle vorbeidonnert, der Gemüsehändler, der nebenbei „kleine Tütchen mit verbotenen Dingen verhökert“ – das sind Themen, die die Bürger umtreiben und mithin ihren Dienstleister Gröhler. Er findet wichtig, dass die abgehobenen Bundespolitiker mal kapieren, dass man tausende Verkehrsschilder nicht über Nacht austauschen kann, wie es Minister Ramsauer unlängst vorhatte. Die Schilder haben eine Lebensdauer von 15 bis 20 Jahren, „da kann man doch ein paar Jahre Übergangszeit vorsehen“.

In Wirklichkeit wirkt er jünger

Weil er die bürgernahe Verwaltung umsetzen will, kommt das Bürgeramt demnächst in ein Einkaufszentrum. „Da kann man den Pass verlängern und in der Wartezeit seine Einkäufe erledigen.“ Syrien, NSA oder Griechenland? Darauf werde er fast nie angesprochen im Wahlkampf. Aber der Müll an der Bahn-Strecke, der regt die Leute auf. Bahnchef Grube kann sich schon mal auf einen Besuch Gröhlers gefasst machen. Die überfällige Renovierung des Bahnhof Zoo wird er dann auch gleich ansprechen und erwähnen, dass die ICE dort wieder halten sollen.

Was Gröhler manchem Kandidaten voraus hat: Er kennt seinen Bezirk von Kind auf. Der Sohn eines Maurers und einer Sekretärin ist in Charlottenburg zur Schule gegangen, hat die für Berliner üblichen zehn Jahre mit einem Jura-Studium an der FU zugebracht und dient seither dem Bürger. Mit 16 trat er in die CDU ein, als Richard von Weizsäcker Regierender war und sich sein Innensenator Heinrich Lummer mit Hausbesetzern herumschlug: Als die Schülervertretung des Schillergymnasiums forderte, die Schule nach dem Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay zu benennen, der in der Potsdamer Straße im September 1981 von einem BVG-Bus überrollt wurde, da war für den nach eigenem Bekunden Liberal-Konservativen der Zeitpunkt zum Bekennen gekommen.

Das Überraschende an Klaus-Dieter Gröhler ist seine völlige Überraschungsfreiheit, wenn man davon absieht, dass er wohl als einziger aller Bundestagskandidaten zehn Jahre älter auf seinen Plakaten wirkt als in Wirklichkeit. Der Ku’damm ist ihm zu Schickimicki, seine Ferien verbringt er wohl schon zum 15. Mal auf Mallorca, und, na klar, dort hängt er natürlich nicht am Ballermann, sondern in einem der versteckten Orte, von denen es ja so viele gibt auf der Baleareninsel, wie einem jeder der Millionen deutscher Mallorca-Experten ganz im Vertrauen berichtet.

Die eigene Familie ist skeptisch

Gröhlers Ziel als Abgeordneter? Förderprojekte nach Charlottenburg holen, so wie es ihm als Bezirksbürgermeister fast mal gelungen wäre: Mit seinem Konzept für einen Jugendtreff am Lietzensee war er schon in der Endausscheidung um förderwürdige Ideen. Sitzt er erst im Reichstag, gern im Haushalts-, Innen oder Finanzausschuss, dann werden alle Förderprogramme dieses Landes auf Charlottenburg-Kompatibilität durchgeprüft, da ist Verlass auf den Verwaltungsfachmann.

Bis dahin will er am liebsten jeden Wähler persönlich heimgesucht haben, ob beim Autofahrer-, Busfahrer- oder Taxifahrer-Canvassing. Das Fachwort aus dem Wahlkampf-Jargon meint nichts anderes als, dass der Kandidat sich die Verkehrsteilnehmer persönlich vornimmt, nicht mit Inhalten sondern mit Müsli-Riegeln. Wer will im Stau schon über den Soli reden oder verschwindende Parkfläche am Olivaer Platz?

„Viel Zuspruch“ sei ihm bislang begegnet, sagt Klaus-Dieter Gröhler entschlossen. Nur in der eigenen Familie wächst die Skepsis. Seit der Kandidat seinen Smart mit Wahlkampf-Aufklebern bepflastert hat, bittet sein Sohn, 14, den kampagnenfrohen Vater darum, ihn einige Ecken vor der Schule aussteigen zu lassen.