Bundestagswahl 2013

Gerwald Claus-Brunner - Der Querkopf von Steglitz-Zehlendorf

Gerwald Claus-Brunner kandidiert im Südwesten von Berlin für die Piraten. Er will vor allem Zweitstimmen sammeln, damit die Partei die Fünf-Prozent-Hürde schafft. Trotz Teamgeist ist er Einzelkämpfer.

Foto: Amin Akhtar

Kaum zu glauben. Innerhalb einer Stunde sind tatsächlich 60, 70 Parteiprogramme über die raue Tischplatte gegangen. Flanierer, Regionalproduktkäufer vom nahen Wochenmarkt oder Eilige, die aus dem Bus direkt vor den Stand springen – immer wieder greift ein Berliner nach den Heftchen im knalligen Piraten-Orange, manche sogar ohne den Bestechungskugelschreiber einzusacken. Von wegen Politikverdrossenheit. Nicht in Steglitz. Die älteren Herren vom FDP-Stand nebenan gucken spöttisch wie neidisch herüber.

Hinter dem halben Quadratmeter Spanplatte, der auf zwei Baumarktböcken wackelt, zelebriert Gerwald Claus-Brunner seine Routine im Straßenwahlkampf. Ist ja schon sein dritter. Der Hüne agiert allerdings weniger anbiedernd als vielmehr furchteinflößend. Wenn ihm einer schräg kommt, wird herzhaft zurückgepöbelt. Claus-Brunner meint schnell und radikal und manchmal laut, Charme hält er für Luxus, am Ende jeder Argumentationskette hängt meist eine volkstümelnde Die-da-oben-Parole sowie die Erkenntnis, "dass man da einfach mehr machen muss, gerade bei Bildung und Wohnen und Energie". Nee, klar. Immer wieder wird auch nach der Parteiposition zur NSA-Schnüffelei gefragt. Angenehm unkompliziert weist der Pirat auf das Grundrecht des Post- und Fernmeldegeheimnisses hin. So einfach kann das Thema sein, wenn man das übliche Piratengeschwurbel weglässt.

Liebeserklärung an die USA

Haltung, Polarisieren, Widerspruch provozieren – Hauptsache, kein Lemming. Dazu gehört auch die überraschende Liebeserklärung an die USA, wo er mal war. Dort bekäme man praktisch in jeder Firma nach einem Probetag sofort einen Job und einen Vorschuss sofort cash auf die Hand. In Deutschland dagegen brauche man für alles "Scheine und Belege". Rasch einen Schluck Mineralwasser aus der Pulle, die er im Armeerucksack unterm Tisch bunkert, während die Zuhörer stumm staunen.

Der Riese aus dem Steglitzer Bismarck-Kiez ist piratischer Altkader mit hohem Wiedererkennungswert. Was Genscher der gelbe Pullunder ist Claus-Brunner die Latzhose, auch wenn er das BSR-Orange nun seltener trägt, sowie der Palästinenser-Feudel ums Haupt mit einem Davidstern quasi als Gegengewicht an der Halskette – offensives Widerspruchsmanagement. Hauptsache Aufmerksamkeit.

>>>Das große Special zur Bundestagswahl<<<

Nach einigen nicht ganz gelungenen TV-Auftritten hat er seine Medienpräsenz reduziert. Es gilt die Guttenberg-Regel: Bekannt werden ist relativ leicht, respektiert werden dagegen mühsam. Wacker feilt Claus-Brunner nun an seinem Ruf als Kämpfer für die Interessen der kleinen Leute rund um Wasser- und Energietisch. Er mache der Großen Koalition das Leben ganz schön schwer, glaubt er.

Stolzer Analog-Pirat

Claus-Brunner ist typisch Berlin, er trägt Arbeitskleidung, hält sich für einen guten Patrioten, ist seit 16 Jahren mit dem gleichen Partner zusammen und stolzer Analog-Pirat, dem manche Internet-Sektiererei egal ist. Ganz undigital steht er jeden Sonnabend zwei Stunden lang auf dem Herrmann-Ehlers-Platz – und verteilt Informationen auf Papier.

Claus-Brunner ist der Handwerker in einer Schnösel-Partei, der sich immer noch darüber aufregen kann, dass die Piraten in den Landtagswahlkämpfen 2010 nicht eine preisgünstige Sammelbestellung für Kabelbinder aufgegeben haben, sondern jeder sein eigenes kleines Bündel erwarb, um Plakate an die Pfähle zu flanschen. Der Kabelbinder-Skandal ("Das kann man besser machen") war sein Motiv, zu kandidieren. Inzwischen ist er angekommen im Politbetrieb, Politprofisprech wie "Da muss ich sehen, ob ich einen Termin freigeschaufelt kriege" oder "Politik muss von unten nach oben organisiert werden" perlt unablässig aus ihm.

Gerwald Claus-Brunner hat gegen Lokalmatador Karl-Georg Wellmann nicht den Hauch einer Chance auf ein Direktmandat. Der CDU-Mann hat 2009 im Wahlkreis Steglitz-Zehlendorf fast 40.000 Stimmen geholt, mit einem Zehntel davon wäre Claus-Brunner hochzufrieden. Er hat keine Not, im Abgeordnetenhaus rackert er ja schon umher. Der parlamentarische Alltag ist jedoch hart für einen Querkopf in einer Kleinpartei, die mit den Profis von Grünen und Linken um die knappe Ressource Aufmerksamkeit rangelt. Seine politischen Ideen sind weder gemeingefährlich, noch neu, noch mehrheitsfähig. Aber es sind seine. Wie jeder ordentliche Linke will Claus-Brunner nicht gewinnen, er will recht behalten. "Ich renne lieber mit dem Kopf gegen die Wand, habe aber meinen Kurs gehalten", sagt er in eine Gruppe andächtiger Passanten. "Du bist so'n toller Aufrechter", schmeichelt eine Anhängerin.

Jedwede Koalition verweigern

Warum steht der Pirat eigentlich hier, obwohl er keine Chance auf den Bundestag hat? Ganz einfach: Auf Zweitstimmen gehen, trotz der Sinn- und Führungskrise vielleicht doch die fünf Prozent schaffen. 500 Plakate hat Claus-Brunner drucken lassen, die teure Version für 1400 Euro, Wabenhohlkammer, halten besser. Es war seine Idee, dieses Bild von sich mit dem ironischen Text "Big brother is watching you", der einen intellektuellen Graben durch die Wählerschaft offenbart: Jüngere stehen ratlos davor, Ältere wissen: "Dit is doch olle Orwell".

Die Plakate hat der Einzelkämpfer strategisch auf jene Steglitzer Straßenzüge verteilt, wo viele Autos lange stehen: Unter den Eichen, Lepsius, Schildhorn, Grunewald, Halske, Albrecht. Das Geheimnis ist die richtige Position: hoch genug, um Vandalismus zu verhindern, nicht so hoch, dass es keiner mehr sieht. Als er die Schloßstraße vier Stunden lang bepflastert hatte, brauchte er eine neue Hose und ein Pflaster. Ein Stück Draht. Hartes Geschäft, diese Politik, aber eben auch schön, wenn man sich überall sieht. Demnächst werden noch acht Großflächenplakate aufgestellt, 350 Euro das Stück.

Freier Abgeordneter statt Fraktionsschaf

Claus-Brunners Programm ist, nun, ein individuelles. Er sieht sich als freier Abgeordneter, nicht als Fraktionsschaf. Im Bundestag würde er jedwede Koalition verweigern, selbst wenn Neuwahlen anfielen. Die Mehrwertsteuer würde er auf zehn Prozent vereinheitlichen, Jahresgehälter ab 36.000 Euro mit einer Vermögenssteuer belegen, Menschen geistig erziehen, damit sie bereit sind für das bedingungslose Grundeinkommen. Energie, Wohnen, Verkehr will er vergesellschaften.

Wenn Claus-Brunner ins Schwärmen gerät, dann rechnet er überschlägig aus, was es kostet, die gesamte Stadtfläche Berlins zu erwerben, um es den Spekulanten zu entreißen. Das Feindbild ist klar: Abgreifer, Lobbyisten, Geldmenschen – eine traditionell mehrheitsfähige Haltung in Berlin. Der Modelleisenbahn-Fan Claus-Brunner gehört zu jenen politischen Romantikern, die der Bürger offenbar mag. "Bleib' so, wie Du bist", sagen die Leute am Info-Tisch und: "Lass' Dir nicht verbiegen."

Zäh wie Pofalla

Seine Überzeugungen schöpft Claus-Brunner aus einer typisch deutschen Biographie, die so graubunt ist wie dieses Land. Geboren wurde er auf der Heimfahrt aus den Ferien, irgendwo in Dänemark. Deswegen steht die Grenzstadt "Harrislee" als Geburtsort im Ausweis. Der elterliche Bauernhof in Niedersachsen war nicht gerade ein Hort von Liberalität, die Hauptschule gut genug. Mit der Lehre zum Fernmeldetechniker konnte er Kostgeld Zuhause abliefern. Beim Drittligisten TC Bad Rothenfelde hat er Basketball gespielt, nahezu "auf Zweitliga-Niveau". Damals wog er 88 Kilo bei 2,06 Metern und konnte den Ball aus dem Stand im Korb versenken. Jetzt ist er 60 Kilogramm älter und studiert Maschinenbau an der Hochschule für Wirtschaft und Technik.

Mit seinen Eltern redet er nicht mehr. Da sei was Politisches vorgefallen daheim, darüber will er nicht sprechen, zu privat. Er erwartet eine Entschuldigung, aber "die wird nicht kommen". Lieber vor die Wand als vom Kurs abweichen. Er wollte Lokführer werden, landete bei der Post und erlebte, wie das Staatsunternehmen zerlegt wurde, er wurde nicht übernommen. Vier Jahre bei der Bundeswehr waren auch nicht erquicklich, Claus-Brunner wurde immer als Letzter befördert. Bei den Piraten ging es so weiter: Er wollte Generalsekretär werden, in den Vorstand – vergeblich. Auch als Berliner Landesvorstandsvorsitzender scheiterte er knapp, mit dem zweitbesten Resultat immerhin. Egal. Gerwald Claus-Brunner ist nicht brillant, aber zäh wie Pofalla. Eines Tages wird er den nächsten Schritt schaffen. Bei dieser Bundestagswahl allerdings noch nicht.

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.