Für Wahlkämpfer bildet die Frohnauer Brücke die ideale Stelle zum demokratischen Überfall. Auf dem Weg vom Ludolfinger zum Zeltinger Platz gibt es für Passanten kein Entkommen. Genau hier, am Ende der Brücke, schlagen SPD, Grüne, CDU und FDP zu. Die anderen – Linke, Piraten, AfD – spielen keine Rolle in Frohnau. Hier gilt schon eine Öko-Partei als exotisch. Trubel herrscht am Steffel-Stand, obgleich der König von Reinickendorf längst weitergezogen ist. Termine, Termine. „Wir haben uns mal morgens auf deren Platz gestellt“, sagt Mieke Senftleben, „da war aber was los.“ Die FDP hatte in Berlin nie einen leichten Stand.

Frohnau ist eines dieser faszinierenden Hauptstadt-Soziotope, heile Welt im Einfamilienhaus, das Paderborn im Berliner Durcheinander. Selbst die Reviere für Wahlkampf-Sonnenschirme sind seit Jahrzehnten fest vergeben. Mit Mieten und Mindestlohn ist hier nicht gut wahlkämpfen, besser gehen Steuern und Bildung auf einem Pflaster, über das Budapester und Ballerinas tänzeln. Der Frohnauer sieht sich als bodenständigen Gegenentwurf zum als eher hochnäsig wahrgenommenen Zehlendorfer.

Mieke Senftleben wirbt am Anfang der Einkaufszeile mit Bäcker, Hörgeräte-Boutique und Friseursalon. Vor zehn Jahren hat sie für die FDP mal 18 Prozent geholt, wie es der einstige Parteichef Westerwelle befohlen hatte. Bei dieser Bundestagswahl wird das Ergebnis magerer ausfallen. Tapfer diskutiert die Liberale mit einem Herrn über die Vorteile heimischer Braunkohle, eine Gruppe von Aktivisten will unbedingt noch mal loswerden, dass die alten Gaslaternen erhalten werden müssen, anstatt den stadtweit verhassten Leuchtenkopf der Marke Jessica zu installieren.

„Ich bin ein Landei“

Heute ist Verstärkung am Stand, die promovierten Juristen Birgit Grundmann, Staatssekretärin aus dem Bundesjustizministerium, und Wilfried Bernhardt aus dem sächsischen Justizministerium versuchen sich als Menschenfänger. Aber nur Mieke Senftleben strebt entschlossen auf die Frohnauer zu. Die Kandidatin ist nicht jung, ist keine Juristin, ist nicht mal Zahnärztin, sondern Lehrerin, und kommandiert eine Großfamilie mit sechs Enkeln – mal abgesehen vom Golfen in Stolpe passt sie nicht so ganz ins Bild des Durchschnittsliberalen. Und fühlt sich dennoch im richtigen Laden.

Aufgewachsen in einer konservativen Familie aus Niedersachsen – „ich bin ein Landei“ –, waren ihr die beiden großen Parteien von früh an suspekt. Kurz hat sie bei den Grünen vorbeigeschaut, aber nach einer Stunde wusste sie: Die wollen zu viel reglementieren. So landete sie bei der FDP, als klassische Freizeitpolitikerin, ohne größere Erlös- oder Karriereabsichten.

Mieke Senftleben ist patent und pragmatisch, was nicht immer eine Beleidigung sein muss. Halbwegs klaglos ist sie mit ihrem Mann, einem Ministerialen, von Bonn nach Paris, zurück nach Bonn, dann nach Berlin gezogen. Weil fünf Kinder offenbar nicht genug Zeitvertreib bieten, hat sie in Paris eine besondere Technik des Bilderrahmens gelernt und fortan Atelier und Galerie betrieben, vorwiegend zu Hause.

Allein gegen die Bildungsbürokratie

Als sie vier Kinder von NRW ins Berliner Schulsystem migrieren musste, war sie hinreichend genervt, um sich noch einmal in die Politik zu stürzen. Sie kandidierte in Pankow fürs Abgeordnetenhaus, gründete den Ortsverband im heimischen Frohnau, wo inzwischen 78 Liberale wirken, und wurde schließlich von Günther Rexrodt in den Landesvorstand gehievt. Als die Landesbank-Krise die Stadt 2001 rüttelte, befahl Rexrodt: „Mieke, du musst.“

Mehr Glaubwürdigkeit als eine Mutter aus Frohnau kann Politik nicht bieten. Zehn Jahre rackerte sie im Abgeordnetenhaus in der Opposition – „Eine tolle Zeit“. Klar, als Bildungsexpertin ist es immer gut, Rabatz zu machen. Mit ihren aufrührerischen Ideen von eigenverantwortlichen Schulen mit Etat und Personalhoheit stand sie anfangs allein gegen die Bildungsbürokratie. Inzwischen beobachtet Mieke Senftleben „ein Umdenken, wenn auch viel zu langsam“.

Schon zum dritten Mal kandidiert sie für den Bundestag, nie waren die Chancen schlechter als 2013. CDU-Mann Steffel holt im Norden das Direktmandat, der zweite Platz hat nur symbolischen Wert. „Na und“, sagt Frau Senftleben trotzig, „ich versuch’s trotzdem.“ Auf dem Frauenticket kann sie sich leider nicht nach oben schlawinern wie in anderen Parteien üblich. Für eine „liberale Partei gehört sich eine Quote einfach nicht“, sagt sie mit milde verzweifelter Loyalität. Denn diese FDP war nicht immer nett zu ihr. Die Liberalen sind und bleiben ein Jungshaufen; für gestandene Frauen aus der Mutti-Klasse ist kaum Platz, selbst wenn sie in der Jugend mal Niedersachsen-Meisterin am Schwebebalken waren.

Brüderle wurde verphotoshoppt

Tapfer hält die Wahlkämpferin dennoch ihre Flyer in die Passanten. Auf dem Cover ist sie selbst zu erkennen, von der Rückseite grient ein Wesen, das sehr entfernt Ähnlichkeit mit Rainer Brüderle hat. Offenbar waren die Gestalter der Wahlkampfmaterialien mit den Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung überfordert; vielleicht hätte die FDP einfach nur Mindestlohn zahlen sollen bei Produktion und Druck. Jedenfalls ist das verphotoshoppte Brüderle-Bild ein prima Aufhänger für das Erstgespräch. „Mövenpick-Steuer“, fällt zum Beispiel manchem Vorbeieilenden ein. „Das war die CSU“, erklärt Frau Senftleben geduldig.

Streitereien in der Führungsspitze? Alles vorbei, sagt sie. Westerwelle habe als Außenminister doch gewaltig an Profil gewonnen, und Brüderle/Rösler seien ein Generationen umarmendes Dream-Team.

Wollte die Partei nicht das Entwicklungshilfeministerium abschaffen? Na ja, aber immerhin habe Minister Niebel die verzweigten Hilfsorganisationen zu einer einzigen schlagkräftigen verschlankt. Und was war mit Steuern sparen? Hat nicht so doll geklappt. Aber dafür wurde die Praxisgebühr abgeschafft und Joachim Gauck ins Präsidialamt gehievt. Und Frau Leutheusser-Schnarrenberger natürlich, einsame Kämpferin für die Bürgerrechte.

Praktisch, nicht programmatisch

Nach zehn Minuten Beatmung durch Mieke Senftleben fragt sich der Zuhörer, wofür dieses Land überhaupt noch andere Parteien braucht. Mieke Senftleben kauft derweil einen Blumenstrauß von der alten Lady, die hier jeden Sonnabend ihre Gebinde feilbietet. Goldrute und Dahlien sind nicht gerade Favoriten, aber kleine Selbstständige müssen gepflegt werden, und zwar praktisch, nicht programmatisch.

Weil sie „lieber macht als redet“, hat sich Mieke Senftleben vergangenes Jahr spontan gemeldet, als Vertretungslehrer für eine der Neuköllner Brennpunktschulen gesucht wurden. Sie werde keine drei Tage durchhalten, prophezeite Bürgermeister Heinz Buschkowsky. Doch trotz 35 Jahren Lehramtsabstinenz zog die Leiharbeiterin den Unterricht durch, auch noch im Allergiefach Mathe. „Die redet keinen Scheiß, die bewegt auch mal was“, so charakterisiert sie ihren Stil. Das wäre mal was im Bundestag. Wenn, wie erwartet, die zweite Karriere im Parlament nicht zustande kommt, wird von der Politikerin Mieke Senftleben dennoch etwas für die Nachwelt bleiben. In Alfter bei Bonn ist ein Zebrastreifen nach ihr benannt, den sie einst für die Schüler dort erstritt.