Bei einem neuen Großangriff hat Russland die Ukraine am Dienstag massiv mit Raketen, Marschflugkörpern und Kampfdrohnen beschossen. Allein bei einem Treffer auf ein Krankenhaus in der ostukrainischen Großstadt Charkiw wurden nach Angaben der regionalen Staatsanwaltschaft mindestens 73 Menschen verletzt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Das dürfte Wolodymyr Selenskyj vor Augen gehabt haben, als er am Dienstag mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in Berlin darüber sprach, was der Ukraine aktuell am meisten fehlt: Luftabwehrraketen, um ballistische Raketen abzuwehren. Es geht hart auf den Winter zu. Wladimir Putin lässt nicht mehr nur Umspann- und Heizkraftwerke bombardieren. Zunehmend zielen die Angriffe auf Versorgungsnetze und Lager von Supermärkten. Für die Menschen in der Ukraine soll das Leben unerträglich werden.
Ukraine-Krieg: Deutschland stellt zusätzliche Hilfen bereit
Damit es nicht schlimmer wird als ohnehin schon, setzt Selenskyj auf Merz. Deutschland ist weltweit der größte Unterstützer der Ukraine, seit US-Präsident Donald Trump seine Hilfen im vergangenen Jahr auf ein Minimum zurückgefahren hat. Seit 2022 hat Deutschland 100 Milliarden Euro beigetragen. Darunter fallen rund 58 Milliarden Euro militärische Hilfe, inklusive Zusagen bis 2030, zivile Unterstützung und knapp 36 Milliarden Euro für ukrainische Geflüchtete in Deutschland. Während die Ukrainer ihre Drohnenentwicklung vorantreiben, fehlen ihnen vor allem Patriot- und Iris-T-Systeme.
Merz bekräftigte in Berlin, Deutschland werde die Unterstützung bis zum Kriegsende fortsetzen. Der Ausgang des Krieges werde die europäische Sicherheit für lange Zeit prägen, sagte er. Deutschland helfe der Ukraine also auch im eigenen Interesse. Für den schwierigen Winter stellt die Bundesregierung zusätzlich 200 Millionen Euro bereit, unter anderem für die Energieversorgung.
Merz fordert fairere Verteilung der Ukraine-Hilfen in der EU
Am 19. November tagt die sogenannte „Koalition der Willigen“ in Berlin, ein Bündnis aus rund 30 Staaten, die der Ukraine seit dem Kurswechsel der USA im Frühjahr 2025 helfen. Merz will erreichen, dass die finanzielle Last gerechter verteilt wird. Mitte September rechnete er öffentlich vor, dass Deutschland zusammen mit den skandinavischen Ländern und den Niederlanden rund 70 Prozent der gesamten bilateralen EU-Hilfe stemme.
Zudem drängt Merz auf einen radikalen Umbau des künftigen EU-Haushalts. Statt Geld in Agrarsubventionen oder Strukturförderung zu leiten, will er Spielraum für die gemeinsame Verteidigung und die Ukraine-Hilfe schaffen. Spanien, Italien und Frankreich hat er besonders im Blick. Sie haben gemessen an ihrer Wirtschaftskraft zuletzt vergleichsweise wenig Geld und Material mobilisiert. Frankreich allerdings hat kaum Spielraum: Die Staatsverschuldung liegt bei 120 Prozent, die Bevölkerung demonstriert gegen weitere Sparmaßnahmen.
Waffenlieferungen: Deutsche zeigen wachsende Skepsis bei Ukraine-Hilfe
Doch auch Merz spürt innenpolitischen Druck. Wenn die Deutschen die Krise etwa an der Zapfsäule oder beim Heizölkauf fühlen, sinkt die Bereitschaft, der Ukraine weitere Panzer und Munition zu schicken. Rund 63 Prozent der Deutschen unterstützen den Kurs der Bundesregierung, die Ukraine auf dem bisherigen Niveau oder stärker zu unterstützen. Gleichzeitig erreicht der Anteil derjenigen, denen die Hilfe zu weit geht, 2026 einen neuen Höchststand. Im ARD-Deutschland-Trend hielten 42 Prozent die Waffenlieferungen für zu umfangreich – der höchste Wert seit Kriegsbeginn.
Da die nationalen Armeedepots in Europa weitgehend leergefegt sind, drängt Merz auf neue Finanzierungswege. Auf EU- und G7-Ebene verhandelt er über ein gemeinsames Kreditprogramm, das durch Zinserträge eingefrorener russischer Staatsvermögen gedeckt werden soll. So will er die finanzielle Belastung für europäische Steuerzahler über die nächsten zwei Jahre strecken.

Friedensverhandlungen: Merz fordert Beteiligung der Ukraine und Europas
Gemeinsam mit dem britischen Premierminister Andy Burnham und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron treibt Merz zudem die Planung einer multinationalen Friedenstruppe voran. Sie soll nach einem möglichen Waffenstillstand die Einhaltung eines Friedensabkommens absichern. Auch das dürfte Thema beim Gipfel der „Koalition der Willigen“ am 19. November in Berlin sein.
Merz pocht zugleich darauf, dass die Europäer bei Friedensverhandlungen nicht außen vor bleiben. Wenn über die Ukraine gesprochen werde, müsse Selenskyj mit am Tisch sitzen. Es sei „völlig inakzeptabel“, wenn Drittstaaten über das Schicksal der Ukraine sprächen, ohne sie zu beteiligen, sagte Merz am Dienstag mit Blick auf den G20-Gipfel, der Mitte Dezember in Miami stattfindet. Dazu hatte Trump auch Putin eingeladen, Selenskyj aber nicht.
Und, so Merz: Wenn die Ukraine am Tisch sitze, sitze auch Europa mit am Tisch. Gespräche müssten zu einem Ende der Kampfhandlungen, einem Waffenstillstand und einem Friedensabkommen führen. „Alles andere ist nicht akzeptabel.“
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In dem seit mehr als viereinhalb Jahren dauernden russischen Angriffskrieg zeichnet sich keine Lösung ab. Beide Seiten wollen kommende Woche unter US-Vermittlung in Abu Dhabi weiterverhandeln. Selenskyj hält direkte Telefongespräche mit Putin allerdings für wenig aussichtsreich. Russland werde sie womöglich nutzen, um ein persönliches Treffen zu vermeiden, sagte er in Berlin. Er erwarte von Putin am Telefon nur eine weitere „historische Lehrstunde“, aber keine realen Schritte zum Frieden. Man müsse sich zusammensetzen und einigen, sagte Selenskyj. Putins Vorgehen auf dem Schlachtfeld spricht bislang eine eigene Sprache – von Deeskalation ist nichts zu sehen.











