Kein Brüllaffe, kein Talkshow-Boxer, keine Sprechpuppe mit Dauerabo in den Kabelnachrichten – Jon Ossoff sieht auf Anhieb nicht aus wie ein Mann, der Donald Trump und den Republikanern Angst einjagt. Schmal, blass, in hohem Maße artikuliert, bis in die Haarspitzen kontrolliert; fast zu nett für die verkommene amerikanische Politik-Gegenwart.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Und doch ist der 39 Jahre alte Senator aus Georgia einer jener Namen, bei denen Demokraten allmählich zu träumen beginnen. Auf Polymarket wurde er im Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur 2028 hinter Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom und der New Yorker Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez zuletzt auf den vorderen Plätzen gehandelt.
Ossoff weckt Hoffnung in einer tief verwundeten Partei, die nach Joe Biden, Kamala Harris und Jahren der Flügelkämpfe, Selbstknebelung und Drangsalierung durch Trump nach einem frischen Gesicht mit Potenzial sucht. Auch viele Unabhängige, die mit Abstand größte Wählergruppe, hören hin, wenn einer der stärksten Redner seiner Generation spricht.
Auch interessant
USA: Ossoff überzeugt mit präziser Rhetorik und moralischer Klarheit
Das Etikett, das ihm angeheftet wird, ist schmeichelhaft und gefährlich zugleich: „weißer Obama“. Ossoff spricht wie das schwarze Original in präzisen Bögen, nie in hastigen Splittern.
Er kann Empörung in klare, titanharte Sätze verwandeln, ohne dabei selbst auch nur ansatzweise in Rage zu geraten. Seine exotische Begabung: Er macht den zentralen moralischen Makel seiner Gegner aus und schlägt dort, ohne die Contenance zu verlieren, mit voller Wucht zu.

Wenn er ohne jede moralische Entrüstung sagt, die Trump-Republikaner seien eine Partei geworden, die „ihre Wähler ausraubt, um ihre Spender zu bezahlen“, schlägt nicht nur linken Redenschreibern das Herz höher. Ossoff sucht nie den lautesten Satz. Er sucht den Satz, der vor Gericht bestehen könnte, häufig viral geht und trotzdem im Gedächtnis bleibt. Gelernt hat er auch das bei John Lewis, der schwarzen Bürgerrechtsikone aus Atlanta, die das wunderbare Wort vom „good trouble“ prägte – vom „guten Ärger“, der Veränderungen zum Wohle aller erzwingt.
Lesen Sie auch
„Midterms“: Ossoff muss Sitz in Georgia verteidigen – Trump gewann 2024 haushoch
2021 trug ihn eine Stichwahl in den Senat. Georgia entschied damals über die Mehrheit im Oberhaus. Ossoff und sein Parteifreund Raphael Warnock, jener schwarze Pastor, der dort predigt, wo einst Martin Luther King wirkte, machten aus einem lange verlässlich republikanischen Staat das Symbol einer neuen, urbaneren und vielfältigeren Südstaaten-Demokratie. Ossoff wurde der jüngste Senator seiner Zeit, der erste jüdische Senator aus Georgia, ein Millennial im Land der politischen Greise.
Nun ist er Hoffnungsträger und Risiko zugleich. Am Dienstag muss Ossoff sein Mandat verteidigen, als einziger demokratischer Senator in einem Staat, den Trump 2024 haushoch gewann. Sein republikanischer Gegner heißt Mike Collins, ein Trumpianer bis ins Mark, und liegt in Umfragen hinter Ossoff, der im laufenden Wahlzyklus mit über 80 Millionen Dollar Spenden-Einnahmen einer der erfolgreichsten Fundraiser des Landes geworden ist.

Ossoff kontert Trumps Angriffe mit kühler Gelassenheit
Genau darum beschimpft Trump ihn, nennt den gelernten Dokumentarfilmer einen „pathetischen, gescheiterten Demokraten“, einen „Witz in Washington“ und versuchte sich zudem an einem Spitznamen aus der unteren Körperregion. Das war trumpistisch-dummbeutelig, aber kein Zufall. Der Präsident greift selten jemanden mit solcher Ausdauer an, der ihm gleichgültig ist. Ossoff stört ihn aus drei Gründen: Er sitzt in einem Staat, den Trump für sich beansprucht; er kann Geld und Aufmerksamkeit mobilisieren; und er verkörpert eine Form der Gegnerschaft, mit der Trump schlechter zurechtkommt als mit Reality-TV-Empörung. Ossoff antwortete nicht mit einem Gegenschimpfwort. Er nennt Trump, ohne mit der Wimper zu zucken, eine „nationale Schande“.
Auch interessant
Freunde und Verbündete schätzen an ihm genau diese wohltemperierte Kälte unter heftigem Beschuss. Jon Ossoff spricht wie jemand, der verstanden hat, dass viele Wähler in der politischen Mitte zwar wütend sind, aber längst genug haben von der Hysterie, dem Geschrei und den endlosen Beleidigungsorgien, mit denen Trump seit zehn Jahren das Land überzieht. Er ist einer der wenigen Politiker, die herausgefunden haben, dass man den 47. Präsidenten hart angreifen kann, ohne dessen vulgären Theaterstil zu kopieren.

Wenn Jon Ossoff gegen die nationale republikanische Geldmaschine gewinnt, ist er über Nacht nicht mehr nur ein talentierter Jung-Senator. Dann wäre er der Demokrat, der bewiesen hat, dass sich „Maga“ auf eigenem Terrain schlagen lässt: im Süden. Damit rückte er (neben James Talarico, falls der Texas gewinnt) fast automatisch in die erste Reihe für die Präsidentschaftskandidatur 2028. Die Demokraten hätten plötzlich jemanden, nach dem sie seit Jahren suchen: einen jungen Kandidaten, der nicht wie ein Social-Media-Produkt wirkt. Sondern wie eine kennedyeske Projektionsfläche mit Disziplin, Charme und Substanz. Ein „weißer Obama“ eben.










