Liebe Leserin, lieber Leser,

kennen Sie auch Menschen, die jedes Jahr von Weihnachten überrumpelt werden und am 24. Dezember ohne Geschenke dastehen? Ähnlich geht es dem Bundeskanzler und CDU-Vorsitzenden, der jetzt darüber nachdenkt, wer auf Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier folgen sollte. Die Partei behält sich einen eigenen Vorschlag ausdrücklich vor. Zur Erinnerung: Dass Steinmeier aufhört, steht schon seit fünf Jahren fest.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

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Mit der schleppenden Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger ist Streit in der Union vorprogrammiert, denn CSU-Chef Markus Söder hat bereits über diese wichtige Frage nachgedacht und sich mit Ilse Aigner ziemlich festgelegt. Kommt Merz jetzt spät mit einem anderen Vorschlag daher, wird Söder hinter verschlossenen Türen mit Gegenständen nach ihm werfen.

Markus Söder, Bayerischer Ministerpräsident, Iim Gespräch mit lse Aigner, Landtagspräsidentin und mögliche nächste Bundespräsidentin beim CSU-Parteitag, Messe München, 24. Oktober 2026
Geht es nach Markus Söder, wird Ilse Aigner die neue Bundespräsidentin© IMAGO/Wolfgang Maria Weber

Gegen die beliebte bayerische Landtagspräsidentin ist im Prinzip nichts einzuwenden. Aber es ist bemerkenswert, dass von den sieben Bundespräsidenten seit der Einheit sechs aus dem alten Westen kamen und der Osten Deutschlands mit einer Bundespräsidentin Ilse Aigner aus Feldkirchen-Westerham schon wieder nicht berücksichtigt wäre. Ich bin mir sicher, diese Debatte wird noch entbrennen und das Thema Bundespräsidentenwahl für Friedrich Merz noch komplizierter machen.

Kleiner Trost für den Kanzler: Schon bei Angela Merkel war das Thema Bundespräsident heikel und brachte die Kanzlerin zur Verzweiflung. Ihr Wunsch-Bundespräsident Horst Köhler ging 2010 von der Fahne und trat mitten in seiner zweiten Amtszeit beleidigt zurück. Und Christian Wulff wählte 2012 den Rücktritt, nachdem es staatsanwaltschaftliche Ermittlungen und peinliche Details zu Urlaubsaufenthalten bei reichen Freunden sowie zur Finanzierung seines schmucken Rotklinkerhauses in Großburgwedel gab. Schlimmer kann es für Friedrich Merz beim Thema Staatsoberhaupt also gar nicht kommen.

Jörg Quoos.
Jörg Quoos.

Exklusive Einblicke: Hinter den Kulissen der Politik

Sie interessieren sich für politische Hintergründe und wollen wissen, was in der Hauptstadt hinter verschlossenen Türen passiert? Dann ist der Newsletter „Hauptstadt Inside“ von Jörg Quoos, dem Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion, genau das Richtige für Sie. Dreimal pro Woche fasst er zusammen, was Sie wissen müssen – und ordnet die Geschehnisse ein. Hier können Sie sich anmelden.

Ärger für den Audi-Chef

Audi-Chef Gernot Döllner hat mediale Prügel bezogen, weil er ausgerechnet auf einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump stolz verkündete, ein neues Werk in Georgia zu bauen. Damit hat er die eigene Compliance-Regelung ignoriert, die solche Auftritte vor Wahlen verbietet. Aber warum muss Audi ein Autowerk in den USA bauen und in Deutschland Arbeitsplätze abbauen? Diese Frage finde ich noch wichtiger als die aktuelle Aufregung um Trump, der bereits in Pension sein wird, wenn die ersten Audi-SUVs Q7, Q8 und Q9 dort vom Band rollen.

Mein Kollege Andreas Schweiger von unserer „Braunschweiger Zeitung“ ist einer der besten Experten zum Thema Volkswagen-Konzern und hat hier für Sie die spannenden Hintergründe, meine Kollegin Melanie Amann kommentiert.

Schwappt die Gewalt zu uns herüber?

Noch immer ist kein Ende der französischen Unruhen in Sicht
Noch immer ist kein Ende der französischen Unruhen in Sicht© AFP | Matthieu RONDEL

Die Bilder aus Frankreich vergangene Woche haben mich aufgewühlt, weil Frankreich für mich schon immer ein Sehnsuchtsort war. Das Land ist seit dem Sturm auf die Bastille 1789 generell verliebt in Widerstand gegen „die da oben“, der auch heftig ausfallen kann. Aber dass Ladenbesitzer brutal angegriffen werden und ihre Ware geplündert wird, dass Schulen brennen und nationale Monumente zerstört werden, hat eine neue Qualität. Der gewalttätige Mob fordert den Staat heraus und stellt die Machtfrage.

Angespannt blicken Sicherheitsexperten hier in der Hauptstadt auf die geplanten Aktionen des Bündnisses „GenZ regelt“, das am kommenden Samstag hier und in anderen Städten zur Großkundgebung aufruft.

Die Forderungen der Jungen von besseren Bildungschancen bis zu bezahlbarem Wohnraum sind alle berechtigt. Aber wie weit wird der Protest gehen, und gibt es Trittbrettfahrer, die unter dem Deckmantel der Demo Pariser Verhältnisse wiederholen wollen? Gerade Berlin ist mit den gewalttätigen Mai-Krawallen und den schlimmen Silvesternächten Kummer gewohnt und die Chaoten-Szene der Hauptstadt verfügt über außergewöhnliche Expertise.

Die Polizei ist jedenfalls gut beraten, ausreichend Reserve bereitzuhalten. Die Forderung der Jungen Union nach einem Einsatz der Bundeswehr ist dagegen unverantwortlicher Blödsinn. Die „kleinste“ Waffe der Soldaten ist die Pistole Walther P9. Sollen sie etwa auf Demonstranten schießen?

Erstes Atomendlager der Welt

Atommüll-Endlager Onkalo
Finnlands Atommüll soll für immer im unterirdischen Endlagertunnel "Onkalo" landen© Jussi Partanen/Lehtikuva/dpa | JUSSI PARTANEN

Ohne größere öffentliche Wahrnehmung tat sich vergangene Woche in Europa Historisches. Finnland hat als erstes Land der Welt einem atomaren Endlager für stark radioaktiven Abfall die Betriebsgenehmigung erteilt. In einem Höhlensystem in 450 Metern Tiefe unter der finnischen Westküste wird der Müll, der noch Tausende von Jahren strahlen wird, in Kupfergefäßen eingeschlossen und in Bohrlöchern versenkt. Für unseren Strahlenmüll ist dort leider kein Platz, selbst wenn wir Milliarden Euro zahlen würden. Denn laut Beschluss der EU ist jedes Land verpflichtet, auf dem eigenen Staatsgebiet selbst für ein Endlager zu sorgen.

In Deutschland ist 2020 das geplante Endlager Gorleben aus geologischen Gründen endgültig gescheitert. Experten befürchten, dass es bis 2074 dauern kann, bis über ein neues Endlager entschieden werden kann. Das sind noch 48 Jahre! Und dann muss es noch gebaut werden.

Bis dahin ist auch der letzte Anti-AKW-Kämpfer im Pflegeheim und die 2000 Castor-Behälter, die in Deutschland noch herumstehen, hoffentlich nicht durchgerostet. So viel zum Thema „Deutschland muss schneller werden“.

Wer ist die neue Antisemitismus-Beauftragte?

Treffen zur Bekämpfung des Antisemitismus
Katharina von Schnurbein soll Deutschlands Antisemitismusproblem lösen© picture alliance/dpa/AFP/Pool | JOHN MACDOUGALL

Die Bundesregierung hat, einem Versprechen von Friedrich Merz folgend, schon etliche Bundesbeauftragte abgeschafft – unter anderem den Radverkehrsbeauftragten sowie den Klimapolitikbeauftragten. Neu ist jedoch ab diesem Mittwoch die Antisemitismusbeauftragte Katharina von Schnurbein, die auf Felix Klein folgt. Die 53-Jährige stammt aus einem Adelsgeschlecht, das sich bis auf Pancraz Schnurbein aus dem Pustertal im 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt.

Die Politikwissenschaftlerin von Schnurbein war schon für die Bekämpfung von Antisemitismus in der EU zuständig und wurde von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) ernannt. Ihre bayerische Herkunft aus Regen ist daher kein Zufall.

Von Schnurbein wird in der israelischen Regierung wegen ihrer klaren Haltung zum Terror der Hamas sehr geschätzt und wird angesichts der vielen judenfeindlichen Ausfälle, gerade in der Hauptstadt, viel Arbeit haben. Meine Kollegin Linda Pfleger stellt sie Ihnen vor.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche beziehungsweise entspannte Herbstferien,

herzlich, Ihr

Jörg Quoos
Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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