Die Gefahr des Missverstehens ist groß. Während der VW-Konzern speziell an den deutschen Standorten Personal abbaut und Kosten drückt, setzt dieser Kurs zugleich enorme Zentrifugalkräfte frei. Die bescheren Standorten außerhalb Deutschlands und Europas große Investitionen. Gerade erst wurde die Öffentlichkeit Zeuge, wie US-Präsident Donald Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung seine Zollpolitik feiert. Die habe dafür gesorgt, dass die VW-Tochter Audi in den USA vier Milliarden Euro in den Bau eines Werks investieren will. Das verkündete Audi-Chef Gernot Döllner auf derselben Veranstaltung.

Audi in den USA: VW-Aufsichtsrat muss Investition noch zustimmen

Wenn der VW-Aufsichtsrat zustimmt, sollen in den USA im nächsten Jahrzehnt große Audi-SUV produziert werden. Aber kann es wirklich sein, dass VW seine deutschen und europäischen Standorte ausbluten lässt? Wenn ja, warum? Und ist es möglich, dass sich die VW-Tochter Audi Trump anbiedert und vor seiner Zollpolitik kapituliert? Die Antworten sind vielschichtig.

Die Ausgangslage: Die aktuelle wirtschaftliche Situation des VW-Konzerns ist überaus angespannt. Das Unternehmen ist weltweit bestrebt, seine Kosten zu senken. Dieser Kurs trifft vor allem die deutschen Standorte. Hierzulande sind akut vier Fabriken vom Aus bedroht – die vier VW-Werke Hannover, Emden und Zwickau sowie das Audi-Werk Neckarsulm.

VW passt Produktionskapazität weltweit an

Parallel dazu wird die Produktionskapazität weltweit angepasst. Rechnete der Konzern vor Corona noch mit einem jährlichen Absatz von zwölf Millionen Fahrzeugen, sind es inzwischen neun Millionen. Der europäische Automarkt hat nach Corona nie zu seiner alten Stärke zurückgefunden, das Geschäft im größten VW-Konzern-Markt China schwächelt. Weil das dort auch die heimischen Hersteller trifft, drängen BYD und Co. auf den Weltmarkt und setzen unter anderem die VW-Marken unter Druck.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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In den USA trifft die Zollpolitik Trumps weniger die Marke VW, die in Chattanooga ein eigenes Werk unterhält. Die volle Zollwucht bekommen hingegen die VW-Töchter Porsche und Audi zu spüren, für die die USA ein wichtiger Markt sind. Deshalb ist die Audi-Überlegung, in den Vereinigten Staaten eine Fabrik zu bauen, nicht neu. Allerdings galt bisher die Aussage von VW-Konzernchef Oliver Blume, dass erst investiert werde, wenn Trump seinen Zollkurs ändere.

VW-Chef Blume begrüßt Audi-Pläne

Diese Haltung ist Geschichte. Blume begrüßt die geplante Audi-Investition ausdrücklich. Das kann ein Indiz sein für den zunehmenden wirtschaftlichen Druck auf den Autobauer. Der will am Donnerstag seine Quartalszahlen präsentieren, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ernüchternd ausfallen werden.

Die Kritik: Der Auftritt Döllners erregt in Deutschland die Gemüter. IG-Metall-Chefin Christiane Benner schimpfte: „Die Art und Weise, wie Gernot Döllner sich und Audi in den USA präsentiert hat, ist höchst peinlich, politisch inakzeptabel und dem Unternehmen, vor allem aber den Audianerinnen und Audianern, nicht würdig.“

Am Montag äußerte sich auch Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD). Er begrüßte die Audi-Pläne zwar als „strategisch richtig“. Zugleich kritisierte er: „Eine Wahlkampfveranstaltung kann nicht der richtige Ort sein, eine solche Investition zu verkünden. Dieser Auftritt hat Befremden ausgelöst, bei den Beschäftigten, die hier um ihre Arbeitsplätze bangen, und weit darüber hinaus.“

Verstößt Audi-Chef Döllner gegen eigene Regeln?

Tatsächlich machte sich Döllner mit seinem Auftritt angreifbar. So heißt es im „Booklet of Policies“, einer audi-internen Grundsatzerklärung zum „richtigen Handeln“, dass von den Beschäftigten des Autobauers „in den drei letzten Monaten vor Wahlen keine öffentlich wirksamen Termine mit zur Wahl stehenden Parteien/Politikern und keine Sponsorings von entsprechenden Veranstaltungen mehr durchgeführt“ werden.

Genau gegen diesen Grundsatz hat Döllner verstoßen, stehen die Wahlen in den USA doch schon Anfang November an. Ein Chef, der sich nicht an die eigenen Regeln hält, sendet mindestens schwierige Signale an die eigene Belegschaft.

Die Strategie: Davon unbenommen ist die Strategie des VW‑Konzerns. Das Unternehmen müht sich seit Jahren, den US-Markt besser zu erschließen. Von den selbst als Ziel ausgegebenen zehn Prozent Marktanteil ist der Konzern weiterhin sehr weit entfernt. Durch die US-Zollpolitik hat sich die Lage für Audi und Porsche deutlich verschärft – Ergebnis und Absatz leiden.

VW-Konzern will in den USA mehr Marktanteile

Die USA sind aber wegen ihrer Größe ein wichtiger Absatzmarkt und schon deshalb für den VW-Konzern interessant. Daneben gibt es einen weiteren Grund: Durch das Erobern von Marktanteilen in den USA soll die Abhängigkeit von China verringert werden. Ein Ziel, das wegen der schwierigen Situation in der Volksrepublik an Bedeutung gewinnt. Insofern ist die geplante Audi-Investition aus Konzernsicht der richtige Schritt.

Die Auswirkungen: Hebt der Aufsichtsrat den Daumen, wäre der Weg für den Bau einer Fabrik in den USA frei. An anderer Stelle im Konzern würde diese Entscheidung aber sicherlich die Sorgen vergrößern. Denn angesichts des schrumpfenden Produktionsvolumens drängt in den Fahrzeugwerken die Frage der Auslastung. Die Audi-SUV Q7, Q8 und Q9 – also jene Modelle, die künftig in den USA vom Band laufen sollen – werden momentan in Bratislava produziert.

Rund um das Thema Mobilität

Daher könnte der Bau der Fabrik in den USA an eine zu kleine Bettdecke erinnern: Egal, in welche Richtung gezogen wird, immer liegt ein Fuß oder eine Hand frei.