Scharfe Kritik am Auftritt von Audi-Chef Gernot Döllner. Die VW-Konzernbetriebsratschefin hat deutliche Worte zu dem Besuch des Vorstandsvorsitzenden bei einer Wahlkampfveranstaltung von US-Präsident Donald Trump gefunden. In einem internen Interview, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, sagte Daniela Cavallo: „Etliche Minuten voller Rassismus, Sexismus, Fremdenhass, Transphobie, Verächtlichmachung der Demokratie – und dann tritt einer unserer obersten Konzern-Repräsentanten auf die Bühne und betreibt aktive Wahlkampfhilfe.“ Wer Trumps Rede gehört und miterlebt habe, wie Döllner zum aktiven Teil der Veranstaltung wurde, müsse vor „Scham im Boden versinken“.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Cavallo sparte auch nicht mit Kritik am gesamten VW-Konzernvorstand um Chef Oliver Blume. Dieser habe sich „von einer höchst zweifelhaften politischen Figur, die gegen so ziemlich jeden unserer Unternehmenswerte verstößt, zur Marionette in dessen Propaganda-Show machen lassen“, sagte sie. Dass umgehend erste Vergleiche zur VW-Geschichte gezogen würden, spreche für sich. Es sei ein Spiel mit dem Feuer. Volkswagen ist in der Nazi-Zeit gegründet worden und diente dem Regime von Adolf Hitler als Vorzeigeunternehmen.

Daniela Cavallo, Vorsitzende des Gesamt- und Konzernbetriebsrats der Volkswagen AG, spricht während eines Interviews mit der dpa Deutsche Presse-Agentur im VW Stammwerk.
Daniela Cavallo, Vorsitzende des Gesamt- und Konzernbetriebsrats der Volkswagen AG.© Julian Stratenschulte/dpa

Audi baut erstes Werk in den USA – Produktion startet in Georgia

Trump hatte am Samstag überraschend den Bau eines Audi-Werks in Perry im US-Bundesstaat Georgia angekündigt. Döllner trat anschließend auf die Bühne und dankte dem US-Präsidenten für dessen Unterstützung. Der Chef der VW-Tochter ist auch Mitglied im Wolfsburger Konzernvorstand. Dort verantwortet Döllner die Markengruppe Progressive, die neben Audi auch die Luxusmarken Bentley und Lamborghini sowie den Motorradhersteller Ducati umfasst.

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Die Ingolstädter wollen in Georgia jährlich 200.000 Sportgeländewagen (SUV) produzieren. Geplant sind Investitionen in Höhe von vier Milliarden Dollar (rund 3,6 Milliarden Euro), 4500 Arbeitsplätze sollen entstehen. Audi nennt 2027 als Baubeginn, der Produktionsstart soll Anfang der 2030er Jahre erfolgen. Es wäre das erste Werk der VW-Premiumtochter in den Vereinigten Staaten. 

Audi-Chef Döllner verstößt laut Cavallo gegen interne Wahl-Leitlinien

Der Auftritt steht Cavallo zufolge auch im Gegensatz zu internen Leitlinien von Audi. In den drei letzten Monaten vor Wahlen seien öffentlich wirksame Termine mit zur Wahl stehenden Politikern untersagt. Döllner habe diese Prinzipien erst vor wenigen Monaten unterschrieben. Hier liege „sicherlich ein klarer Verstoß“ vor. Die US-Zwischenwahlen finden am 3. November statt.

Die Pläne für ein Audi-Werk in den USA bewertet die VW-Betriebsratschefin nüchterner. Rein betriebswirtschaftlich könne das Sinn ergeben, sagte Cavallo. Der US-Markt zähle zu den größten und lukrativsten der Welt, der Marktanteil von VW sei dort aber immer noch viel zu klein. Zugleich seien die Zölle wegen Trump hoch und kosteten den Konzern Milliarden.

Es spreche vieles für eine verstärkte Fertigung in den Vereinigten Staaten. Nach Audis Ankündigung seien aber noch viele Fragen offen – etwa, ob es im Gegenzug Zollerleichterungen für den gesamten VW-Konzern gebe. Ebenso unklar sei, wie belastbar solche Zusagen über einen möglichen Regierungswechsel hinaus wären.

SPD-Politikerin spricht von historischem Tiefpunkt des VW‑Konzerns – trotz Nazi-Vergangenheit

Auch aus der SPD kommt Kritik. Die SPD-Verkehrsexpertin Isabel Cademartori sprach von Wahlkampfhilfe für einen Autokraten. „Das ist eine Schande, insbesondere in Anbetracht der Geschichte des VW-Konzerns“, teilte sie am Sonntag in Berlin mit. Cademartori kritisierte, während Arbeitnehmer in Deutschland um die Zukunft ihrer Arbeitsplätze zitterten, verkünde Audi bei Trump Milliardeninvestitionen in ein neues US-Werk „im politisch besonders umkämpften Bundesstaat Georgia, der entscheidend für die künftigen Mehrheitsverhältnisse im Senat sein wird“.

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„Damit geben Audi und der VW-Konzern Trumps Strategie recht, mit einem Handelskrieg Arbeitsplätze auf Kosten Europas in die USA zu holen, und helfen direkt dabei, dass Demokratieabbau, Gewalt gegen Minderheiten und Korruption unter diesem Präsidenten unkontrolliert weitergehen können“, sagte Cademartori, die Bundestagsabgeordnete und Co-Vorsitzende der SPD Baden-Württemberg ist. „Offensiv Wahlkampf für einen Autokraten zu betreiben, der einen Handelskrieg gegen Deutschland führt, ist ein neuer Tiefpunkt für den VW-Konzern“, führte die Sozialdemokratin aus. Ihren Hinweis auf die Geschichte des VW-Konzerns in diesem Zusammenhang erläuterte Cadematori nicht näher.

Angst am Audi-Standort Neckarsulm: Oberbürgermeister spricht von „beklemmendem Gefühl“

In der Region Neckarsulm (Kreis Heilbronn, Baden-Württemberg) löst Döllners US-Expansion ebenfalls keine Jubelstürme aus. Bei dem Neckarsulmer Oberbürgermeister Steffen Hertwig (SPD) löse die Ankündigung eines eigenen Audi-Werks in den USA ein „beklemmendes Gefühl“ aus. Das schrieb er am Sonntag kurz nach Bekanntwerden der Nachricht auf seinen Social-Media-Kanälen.

Die wirtschaftlichen Gründe für den Schritt könne Hertwig demnach zwar nachvollziehen: Der US-Markt biete große Wachstumschancen, und angesichts der hohen Zölle wäre ein eigenes Werk vor Ort sicher von Vorteil. Trotzdem stellt sich für ihn die Frage, ob Europa und besonders Neckarsulm als Produktionsstandort dadurch geschwächt werden. Deshalb fordert er endlich klare Aussagen zur Zukunft des Standorts. Er hofft aber, dass zusätzliche Absatzmöglichkeiten die Entscheidung am Ende zu einem Erfolg für Audi insgesamt machen. Scharf kritisiert Hertwig den Zeitpunkt der Ankündigung: Dass die Nachricht ausgerechnet während des Wahlkampfauftritts mit US-Präsident Trump fiel, nennt er „unangemessen“.

Autopapst Dudenhöffer kritisiert Audi-Strategie bei US-Auftritt scharf

Diese Einschätzung teilt auch Autopapst Ferdinand Dudenhöffer. „Das ist ja schon oberpeinlich. Da glaubt man, man sieht einen Mini-Elon-Musk“, sagte der Automobil-Experte im Gespräch mit „N-TV“ über den Döllner-Auftritt bei den US-Republikanern. So sehr er den Schritt, ein Werk in den USA zu gründen, wirtschaftlich nachvollziehen könne: Die Art und Weise werde Audi womöglich „Steine in den Weg legen“.

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Die IG Metall äußerte sich zu den Werksplänen grundsätzlich positiv, verband dies aber auch mit einer Mahnung. „Den US-Markt durch ein neues Werk besser zu erschließen, ist richtig und notwendig“, sagte die Erste Vorsitzende Christiane Benner in einer Mitteilung. „Jedoch müssen verbindliche Perspektiven für die Beschäftigten an allen, gerade den hiesigen Standorten, klar definiert und festgehalten werden.“

Innerbetrieblich stellt die VW‑Betriebsratschefin Cavallo aber klare Bedingungen. Für die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat komme eine neue US‑Fabrik – ganz egal von welcher Marke – nur dann infrage, wenn man Klarheit über die Auswirkungen für die übrigen Werke hätte, insbesondere in Deutschland. „Ohne ein Gesamtbild zur Planungsrunde mit dem Gesamtblick auf alle Standorte geben wir kein grünes Licht. Das heißt im Umkehrschluss, dass eine Entscheidung erst noch aussteht“, sagte Cavallo. Ob man der Option für den Neubau am Ende zustimmen werde, sei offen.

dpa/jcst