Marine Le Pen hatte sich den Auftakt zu ihrer Wahlkampagne wohl etwas anders vorgestellt – ruhiger, staatsmännischer, strahlender. Der zweitägige Parteitag des Rassemblement National (RN) in Orléans bestimmte sie zwar konkurrenzlos zur Kandidatin der französischen Rechtspopulisten. Doch das Kongressgebäude war umstellt von Elitepolizisten, die Ultras und Antifas auf Distanz zu halten versuchten. Am Samstag hatten in der Innenstadt schon rund 20.000 Gegner gegen den RN-Kongress protestiert.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Le Pen erklärte, sie wolle in Frankreich wieder Ordnung und Autorität herstellen. Auf die jüngsten Schülerproteste und Krawalle ging sie kaum ein, abgesehen von der Bemerkung, wer öffentliches Gut zerstöre, müsse dafür haften, „und wenn nötig, sein ganzes Leben lang“.
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Ganz in Weiß gekleidet, gab sich die Kandidatin staatstragend und beschützend. Als Antwort auf die „Verwilderung“ der Gesellschaft propagierte sie Schönheit, Kultur, Höflichkeit und Maßhalten. Ihren ganzen Auftritt stellte sie unter das unverfängliche Motto der „Renaissance“. Gerade Orléans, wo die Nationalheldin Jeanne d’Arc 1429 die Engländer aus der Stadt geworfen hatte, verkörpere die Wiedergeburt Frankreichs, befand Le Pen.
Am Morgen war rechtzeitig eine neue Meinungsumfrage erschienen, laut der Le Pen im April 2027 mühelos in den zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahlen gelangen dürfte; dort wiederum würde sie gegen ihre beiden Hauptwidersacher Jean-Luc Mélenchon von der Linken-Partei und Ex-Premier Edouard Philippe aus dem Macron’schen Mitte-Lager klarer denn je gewinnen. Die Krawalle dürften viele Wähler eher noch davon überzeugt haben, dass Frankreich mit harter Hand geführt werden müsste – und dafür steht seit jeher der Name Le Pen.

Proteste in Frankreich: Demonstration gegen die extreme Rechte
Alles gut für die 58-jährige Rechtsnationale? Es gibt auch eine andere Lesart. Die Bilder der gewalttätigen Anti-Le-Pen-Proteste legen die Vermutung nahe, dass die kommenden sechs Wahlkampfmonate wie auch die fünf Amtsjahre danach zu einem einzigen Clash zwischen Le Pen und der Linken zu werden drohen.
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Das zeigten am Samstag die neuen Schüler- und Gelbwesten-Proteste, die sich auch gegen Le Pen und die extreme Rechte richteten. Ein Slogan lautete: „Trappes ist nicht Kabul!“ Er bezog sich auf das „terroristische rassistische Attentat“ – wie sich Präsident Emmanuel Macron bei seinem Besuch am Tatort ausdrückte. Ein 39-jähriger Kleinkrimineller hatte am Freitag in der von Migranten geprägten Pariser Vorstadt Trappes einen Mann auf offener Straße erschossen und drei weitere Einwohner – darunter ein 12-jähriges Mädchen mit acht Schüssen – schwer verletzt.
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Bis zu 800.000 Demonstranten in Frankreich auf den Straßen
Der kurz darauf festgenommene Täter erklärte, die Plünderungen in Paris und Marseille hätten ihn zu seiner Attacke auf „Schwarze und Araber“ (so seine Wortwahl) veranlasst. In seiner Wohnung fand die Polizei ein Exemplar des Hitlerbuches „Mein Kampf“. Der Mann, der offenbar auch Drogenprobleme hat, kam in die Psychiatrie. Am Sonntag organisierten Angehörige des verstorbenen Kampfsportprofis Pengo Bossio Wangi in Trappes einen Bürgermarsch. Sie stellten sich gegen eine frühere Behauptung des Le-Pen-Adjutanten Jordan Bardella, Trappes gleiche wegen der Präsenz von Islamisten immer mehr der afghanischen Hauptstadt Kabul.
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Am Samstag waren im ganzen Land je nach Polizei und Organisatoren zwischen 410.000 und 800.000 Demonstrierende teilweise bei strömendem Regen auf die Straße gegangen. Sie forderten mehr Mittel für die Schulen und Universitäten, aber auch höhere Mindestlöhne und Gehälter.
Schüler und Gelbwesten in Frankreich planen neue Proteste
Gegen Ende der Umzüge kam es in einzelnen Großstädten zu Zusammenstößen mit der Polizei. Im Unterschied zum verheerenden Vorwochenende waren siebenmal mehr Ordnungshütern – 70.000 an der Zahl – in Aktion. Trotz 1300 Festnahmen und der Plünderung eines Schmuckladens und eines Supermarktes bezeichnete der sichtlich erleichterte Innenminister Laurent Nuñez den Tagesablauf als „insgesamt ruhig“.
Der Rückgang der viel kritisierten Krawallgewalt unterstreicht noch die stark bleibende Beteiligung an den Demos. Am kommenden Samstag werden die Gymnasiasten und die Gelbwesten zum Ende der Herbstferien erneut demonstrieren; für den Donnerstag danach planen die Gewerkschaften einen Generalstreik gegen „das teure Leben“. Die Staatsführung bleibt damit unter massivem Druck. Anzubieten hat sie angesichts der leeren Staatskasse aber kaum etwas.












