Eric Merle ist nicht eben guter Dinge. „Es schmerzt, all diese Reben auszureißen“, sagt der stämmige Bordeaux-Winzer. „Vor allem, wenn ich daran denke, dass ich sie vor 40 Jahren eigenhändig gepflanzt habe.“

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Von seinem Château de Viens nördlich von Bordeaux mit den zwei schmucken Türmchen schaut der 62-Jährige über die säuberlich ausgerichteten Rebzeilen und sagt dann leise: „Une catastrophe.“

Schuld sind Trockenheit und Hitze. Frankreich erlebte in diesem Jahr den heißesten Sommer seit Beginn der Messungen im Jahr 1900. Laut staatlichem Wetterdienst Météo France herrschte an 53 Tagen eine Hitzewelle, so oft wie nie zuvor. Zudem seien 40 Prozent weniger Regen als üblich gefallen.

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Diese Bedingungen bescheren dem Weinland Frankreich gerade die kleinste Ernte seit 1957. Laut ersten Schätzungen des Agrarstatistikamtes Agreste sinkt die Traubenmenge in Frankreich im Fünfjahresvergleich um 28 Prozent. Betroffen sind neben dem Bordeaux-Wein das Burgund, das Elsass und sogar das Cognac-Gebiet. Viele Weinbauern melden derzeit Konkurs an; andere roden ihre Rebberge teilweise oder ganz.

Französischer Weinbauer gibt auf: „Im Oktober kommt der Bagger“

Eric Merle erzählt, wie er mit 18 Jahren aus der armen Agrarregion Lot nach Bordeaux gekommen war, wo damals der Weinbau boomte. Er lernte den Winzerberuf; dann übernahm der junge Familienvater in den Côtes de Bourg sein Château – ein „coup de coeur“, Liebe auf den ersten Blick. Merle baute den Weinberg von 10 auf 30 Hektar aus. Er fabrizierte mit Malbec-Trauben einen korrekten Roten; 1990 gewann er damit einen Preis.

Derzeit fährt Merle die Ernte ein. Es ist seine letzte. „Im Oktober kommt der Bagger“, sagt er so sachlich wie möglich. Dann werden die Schaufelzähne die Pflanzen, die Holzpflöcke, die Drähte und die Wurzeln ausreißen. „Ich habe dafür keine Verwendung mehr“, meint der Winzer, um bitter anzufügen: „Die Leute wollen keinen Rotwein mehr trinken? Okay, dann mach ich halt keinen Wein mehr.“

Erntehelfer pflücken Kiwis in Chalosse, einer Region im Südwesten Frankreichs, und füllen sie in Holzkisten.
Ein Erntehelfer pflückt Kiwis in Chalosse, einer Region im Südwesten Frankreichs. Einige Winzer sind auf den Anbau der Früchte umgestiegen. © picture alliance / Hans Lucas | Véronique Tournier

Rotwein-Konsum in Frankreich sinkt

Laut dem Branchenverband der Bordeaux-Weine (Civb) hat der Konsum von Rotwein aus dem berühmten Weingebiet seit 1975 um 58 Prozent abgenommen. „Früher gab man in Frankreich sogar den Kindern einen verwässerten Roten zum Mittagessen. Heute bieten die Bars in Paris mehr und mehr alkoholfreien Wein an“, sagt Merle verzweifelt. „Verstehen Sie? Traubensaft!“

Der Weinbauer bedauert, dass er nicht begonnen hat, Weißen und Rosé zu produzieren. Er lieferte lieber seinen Roten nach China. Ab 2019 wurde er ein Opfer geopolitischer Spannungen. Merle merkte: „Die Chinesen kaufen heute ihren Wein lieber in Argentinien, Chile, Neuseeland oder Australien.“

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Französischer Staat zahlt Prämie für Stilllegung

Jetzt hat der passionierte Weinbauer, wie er sich selbst nennt, genug. Er rodet seine Reben. Der Staat zahlt ihm 4000 Euro pro stillgelegtem Hektar. So versucht die Regierung in Paris, die Überproduktion an Rotwein zu stoppen. Merle hat sich eine Zeit lang überlegt, Obstbäume zu pflanzen. „Doch die brauchen zu viel Wasser. Sie überleben Dürren wie in diesem Sommer nicht.“

Merle hat drei Kinder, aber keines möchte das Gut übernehmen. „Ich habe ihnen davon abgeraten“, bekennt er. Bisher vergeblich versuchte er, sein Château zu verkaufen – wie Hunderte anderer Bordeaux-Winzer. Es gibt keine Käufer.

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Weinbauer Eric Merle fährt in diesem Jahr seine letzte Ernte ein. © Privat | Privat

Nur die Grands Crus, also die Spitzenweine, im Médoc, bei Saint-Emilion, Pomerol oder Sauternes hielten sich gut, sagt Merle. Sie litten weniger unter dem schwindenden Konsum von Rotwein in Frankreich und auf der ganzen Welt; und ihr Wein werde sogar noch besser, wenn die Zahl der Sonnentage zunehme.

Aber die Spitzenweine machen selbst im Bordeaux-Weingebiet nicht einmal fünf Prozent der Produktion aus. „Wir Kleinproduzenten haben nicht die Mittel, mit einem Mal einen AOC-Wein zu schaffen, der nicht mehr fünf, sondern 50 Euro wert ist“, bekennt Merle. Günstigen Wein herzustellen, rechne sich aber nur, wenn auch das Volumen stimme. „Und heute ist die Nachfrage nach einfachen, aber ehrlichen Weinen nicht mehr hoch genug.“

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US-Zölle erschweren Export des Weins in die USA

Aber nicht alle geben auf. Zehn Kilometer südöstlich von Merles Gut liegt das Weingut von Cécile de Taffin. Die 42-jährige Winzerin sagt mit bestimmter Stimme: „Wir bleiben.“ Ihr Château heißt nicht von ungefähr „L’Insoumise“, auf Deutsch „die Unbeugsame“.

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Cécile de Taffin möchte nicht aufgeben. Die Winzerin diversifiziert ihr Angebot.© Privat | Privat

Das Ehepaar Taffin produziert einen Bordeaux supérieur, eine Qualitätsstufe über dem einfachen Bordeaux, für 7,50 bis 10 Euro die Flasche. Darunter ist auch ein Weißer und ein Rosé. Einen bedeutenden Teil exportierte das Winzerpaar in die USA – bis ihr Zwischenhändler wegen Trumps Zolltarifen 2025 das Handtuch warf.

Winzer setzen auf Kiwis oder Oliven als Alternative

„Das zwingt uns, die Produktion zu senken“, sagt Cécile de Taffin. „Wir roden bis im Oktober sieben unserer 25 Hektar.“ Für das frei werdende Land haben die Taffins eine überraschende Lösung gefunden, die sich auch in anderen Weinbergen durchsetzt: Sie bauen Kiwis an.

Nicht genug damit: Cécile de Taffin, eine ausgebildete Önologin, entwickelt den Weintourismus und organisiert Führungen. Den vielen ausländischen Besuchern, darunter viele Deutsche, erzählt sie, andere Bordeaux-Winzer pflanzten Nüsse, Salbei oder Oliven; einer habe auf Legehennen umgestellt und erziele mit den Eiern höhere Margen als zuletzt mit dem Rebbau.

„Ich verstehe schon, für einen stolzen Bordeaux-Winzer ist das Umsatteln zu hart“, räumt die Winzerin ein. „Aber wer überleben will, muss pragmatisch sein und diversifizieren. Sonst haben wir Kleinwinzer keine Zukunft.“