Nach wenigen Minuten unterbricht Dmytro Barinow das Gespräch. Draußen ertönt Geschützfeuer. Die Luftabwehr am nahe gelegenen Hafen von Odessa ist wieder im Einsatz. Barinow schaut auf sein Telefon, winkt ab. „Das sind Shahed-Drohnen. Keine Gefahr. Wir sind hier im Erdgeschoss, da kann nichts passieren.“ Dann spricht der Präsident des ukrainischen Hafenverbands Ukrport weiter über die zunehmend dramatische Lage im Schwarzen Meer. Sie hat verheerende Folgen für die ukrainische Wirtschaft, könnte eine weltweite Nahrungsmittelkrise auslösen und die Nato vor ein ernstes strategisches Problem stellen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine zielte von Beginn an auch auf die wirtschaftlichen Lebensadern des überfallenen Landes ab – mit weitreichenden Folgen für die globale Getreideversorgung. Besonders betroffen sind die ukrainischen Häfen, über die der Großteil der Exporte abgewickelt wird. Bereits mit der russischen Besetzung der Krim 2014 verlor die Ukraine die Kontrolle über fünf ihrer damals 18 Häfen. Dennoch wurden in den verbliebenen 13 Häfen vor Beginn der groß angelegten Invasion im Februar 2022 jährlich rund 160 Millionen Tonnen Güter umgeschlagen.

Agrarprodukte machen 60 Prozent der gesamten ukrainischen Exporte aus. Nach Angaben des ukrainischen Landwirtschaftsministeriums werden weltweit mehr als 400 Millionen Menschen, vor allem im Nahen Osten, in Nordafrika, aber auch anderen Regionen, mit ukrainischem Getreide versorgt. Die Ukraine gehört zu den wichtigsten Kornkammern der Welt. Als Russland nach Beginn der Invasion die ukrainischen Häfen vollständig blockierte, schossen die globalen Getreidepreise in die Höhe. Erst ein von den Vereinten Nationen und der Türkei vermitteltes Abkommen beruhigte die Märkte.

Russlands Krieg gegen die Ukraine gefährdet nun auch den Seeweg über das Schwarze Meer

Später gelang es der Ukraine, die russische Marine mithilfe von Über- und Unterwasserdrohnen im Schwarzen Meer zurückzudrängen und einen Schifffahrtskorridor für ihre Exporte zu sichern. Doch inzwischen ist dieser Seeweg gefährdeter denn je.

Ukraine Krieg / Odessa schwarzes Meer / Seeblockade / Frachtschiff
Dmytro Barinow, Präsident des ukrainischen Hafenverbands Ukrport.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Häfen wie Mariupol, Berdjansk oder Skadowsk sind russisch besetzt. Die Häfen von Cherson und Mykolajiw können wegen ihrer Nähe zur Front nicht betrieben werden. „Gegenwärtig können wir sechs Häfen kontrollieren und betreiben“, erklärt Ukrport-Präsident Barinow. Es sind die drei Tiefseehäfen im Großraum Odessa sowie drei Donauhäfen, die nur von kleineren Schiffen angelaufen werden können.

Seit Anfang 2026 stehen die ukrainischen Häfen jedoch wieder verstärkt unter russischem Beschuss. Dmytro Pletentschuk, Sprecher der ukrainischen Marine, erklärt den Grund: „Ende vergangenen Jahres hat der russische Diktator erneut verkündet, eine Seeblockade gegen die Ukraine zu errichten.“ Allein im Januar werden die Häfen daraufhin jeden zweiten Tag mit ballistischen Raketen angegriffen. Die Geschosse zerstören Hafenanlagen, beschädigen vor Anker liegende Schiffe und behindern den Betrieb erheblich. „Bei jedem Luftalarm müssen sämtliche Beschäftigten ihre Arbeit einstellen und einen dafür vorgesehenen Schutzraum aufsuchen“, erläutert Barinow.

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Russische Raketen treffen einen Maisfrachter im Schwarzen Meer

Mitte des Jahres eskaliert Russland die Angriffe weiter: Nun geraten auch Handelsschiffe auf hoher See ins Visier. Am 19. Juli treffen russische Geschosse den Maisfrachter „Golden Leo“, der von Tschornomorsk in Richtung Rumänien unterwegs ist. Neun Menschen sterben, darunter syrische und indische Besatzungsmitglieder sowie ein ukrainischer Lotse.

Nahezu zeitgleich beginnen die ukrainischen Streitkräfte mit der Operation „Molochka“, bei der sie Schiffe der russischen Schattenflotte im Asowschen und Schwarzen Meer angreifen. „Die Russen hatten schon immer Probleme mit strategischem Denken“, spottet Marinesprecher Pletentschuk. „Als sie mit den Angriffen auf unsere Schiffe begannen, haben sie offenbar vergessen, dass sie dort ebenfalls Schiffe haben.“ Seinen Angaben zufolge hat die Ukraine bislang mehr als 100 russische Schiffe außer Gefecht gesetzt. Russland wiederum habe etwa 60 Schiffe getroffen, die ukrainische Häfen angelaufen haben oder von dort ausgelaufen sind.

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Dmytro Pletentschuk, Sprecher der ukrainischen Marine.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Reeder und Schiffsbesatzungen weigern sich zunehmend, ukrainische Häfen anzulaufen

Die Folgen der Eskalation sind verheerend. Reedereien und Schiffsbesatzungen weigern sich zunehmend, ukrainische Häfen anzulaufen. Zwischen Juli und September dieses Jahres wurden dort laut Barinow nur noch fünf Prozent der Getreidemenge des entsprechenden Vorjahreszeitraums verladen. Auch die russischen Exporte brechen ein. „Die Reeder weigern sich, Noworossijsk und andere russische Häfen anzulaufen.“

Ein Ausweichen auf den Landweg ist kaum möglich. Um die Ladung eines Schiffes mit einer Kapazität von 100.000 Tonnen zu transportieren, wären 5000 Lastwagen nötig, rechnet Barinow vor. „Das sind 5000 Fahrer, 5000 Dokumentensätze, 5000 Grenzabfertigungen.“ Hinzu kommt, dass Russland in diesem Jahr begonnen hat, auch Straßen zu den Grenzübergängen nach Moldau und Polen zu bombardieren. Die Eisenbahninfrastruktur steht ebenfalls unter heftigem Beschuss.

Russische Angriffe vor der rumänischen und bulgarischen Küste

Seit Anfang Oktober verschärft Russland die Eskalation weiter. Handelsschiffe werden nun auch vor der Küste Rumäniens und Bulgariens angegriffen. Mit der „Sea Destiny“ trifft es sogar ein Schiff in rumänischen Hoheitsgewässern. Andere Schiffe werden in den ausschließlichen Wirtschaftszonen der beiden Nato-Staaten attackiert. Bei den verschiedenen Angriffen sterben mindestens 23 Seeleute oder gelten als vermisst. Allerdings ist nicht in allen Fällen eine russische Verantwortung zweifelsfrei nachgewiesen.

Für die Nato stellen die Angriffe ein strategisches Problem dar. Das Bündnis muss seine Mitgliedstaaten und die Schifffahrt schützen, zugleich aber eine militärische Eskalation vermeiden. Bulgarien hat bereits offiziell um die Stationierung von Kampfflugzeugen und Drohnenabwehrsystemen gebeten. Nato-Generalsekretär Mark Rutte kündigte an, man werde „unsere Abschreckungs- und Verteidigungsposition bei Bedarf anpassen“.

Millionen Menschen droht Nahrungsmittelknappheit

Für die ukrainische Landwirtschaft ist die faktische Seeblockade ein Desaster. Sollte sie bis zum Ende des Wirtschaftsjahres anhalten, „könnte die Ukraine Exporterlöse in Höhe von mehr als zehn Milliarden Dollar verlieren“, warnt Landwirtschaftsminister Taras Vysotskyi gegenüber unserer Redaktion. Die sofortige Wiederherstellung der Exportwege und der Schutz der Häfen seien entscheidend, „um den finanziellen Zusammenbruch der ukrainischen Landwirte und einen Anstieg der globalen Lebensmittelpreise zu verhindern“.

Auch Ukrport-Präsident Dmytro Barinow fordert internationalen Schutz. „Bitte unternehmen Sie etwas, um die Lage unter Kontrolle zu bringen.“ Zugleich warnt er vor einer drohenden Nahrungsmittelkrise. Steigende Getreidepreise seien insbesondere für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen ein Problem. Millionen Menschen drohe Lebensmittelknappheit. Barinow befürchtet zudem, dass die Getreidevorräte im Nahen Osten, in Nordafrika und der Türkei allmählich zur Neige gehen.

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„Ich glaube, dass der November für die ganze Welt ein entscheidender Monat sein wird.“