Er ist ein Mann der Extreme: Kein Politiker hat Israel länger regiert als Benjamin Netanjahu. Unter keinem Regierungschef hat Israels Militär so lange Krieg geführt wie unter dem 75-Jährigen. Und kein Mann spaltet die Menschen in Israel so sehr wie der Rechtskonservative. Seine Fans bejubeln ihn als „König Bibi“. Seine Gegner sehen in ihm einen Kriminellen, der nur an seinen eigenen Vorteil denkt – und einen ganzen Staat dafür opfert.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Benjamin Netanjahu war der erste israelische Regierungschef, der nicht in Europa, sondern bereits im neuen Staat Israel geboren ist. Er kam im Oktober 1949 in Tel Aviv auf die Welt. Seine politische Ideologie saugte er schon als Kleinkind zuhause auf: Vater Benzion Netanjahu war ein strammer Konservativer, der zuerst eine politische Laufbahn begann und später als Professor für jüdische Geschichte wirkte. Seine politischen Positionen soll er stets vor sich hergetragen haben: Gegen jede Zugeständnisse an die Palästinenser, für ein Groß-Israel, dessen Grenzen vom Mittelmeer bis zum Jordanfluss reichen. Der Einfluss seines Vaters auf seinen Sohn Benjamin könne nicht überschätzt werden, sagen Vertraute Netanjahus.
Benjamin Netanjahu: Geboren in Israel, aufgewachsen in den USA
Den überwiegenden Teil seiner Kindheit und Jugend verbrachte Benjamin Netanjahu in den USA, wo sein Vater beruflich zu tun hatte. Auch sein Architekturstudium absolvierte der junge Netanjahu in den USA – und brauchte dafür anstatt der üblichen vier nur zweieinhalb Jahre. Zwischendurch absolvierte er in Israel den Militärdienst. Er gehörte der Eliteeinheit Sayeret Matkal an, die für heikle Missionen wie etwa Geiselbefreiungen zuständig war.
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Sein Studium unterbrach er für Kriegseinsätze. Im Jahr 1967, als der Sechs-Tage-Krieg ausbrach, flog er nachhause, um sich bei seiner Eliteeinheit zu melden. Er war Teil jener Operation, die das von Israel kontrollierte Gebiet schlagartig vergrößerte: Nun waren auch das Westjordanland, Gaza, der Sinai und Ostjerusalem unter israelischer Kontrolle.
Benjamin Netanjahu: Sein Bruder kam bei einer Geiselbefreiungsmission ums Leben
Der Beginn von Netanjahus politischem Engagement fällt mit einem tragischen persönlichen Verlust zusammen: Sein Bruder Yoni kam bei einer heiklen Geiselbefreiungsmission in Uganda ums Leben – palästinensische Terroristen hatten ein Flugzeug der Air France entführt. Yoni wurde wegen seines Mutes als Volksheld gefeiert. Von nun an wirkte Benjamin Netanjahu im Namen seines Bruders weiter: Er gründete das „Yonatan Netanyahu Anti-Terror-Institut“ und tourte als Experte für Terrorbekämpfung durch die Welt.
Schon früh wusste Netanjahu sich in Szene zu setzen und rhetorisch zu brillieren. Er war erst 28 Jahre alt, als er bereits als Experte in US-Talkshows eingeladen wurde, wo er seine Thesen zur Zukunft des Nahen Ostens präsentierte. So fiel er auch dem konservativen Politiker Moshe Ahrens auf – der ihn umgehend zu seinem Stellvertreter als israelischer Botschafter in Washington machte.

Länger als „Mr. Secruity“ war noch keiner Regierungschef in Israel
Es war der Beginn einer steilen politischen Karriere. Im Jahr 1984 wurde Netanjahu zu Israels Botschafter bei den Vereinten Nationen ernannt. Vier Jahre später wurde er für die konservative Likud-Partei ins Parlament gewählt und erhielt prompt das Amt des stellvertretenden Außenministers.
Als Ministerpräsident Jitzchak Rabin Anfang der 1990er-Jahre den Friedensprozess mit den Palästinensern einleitete, stellte sich Netanjahu an die Spitze der Gegenproteste. Rabin wurde ermordet, sein Nachfolger Shimon Peres wurde dem palästinensischen Terror nicht Herr – und Netanjahu schaffte es als selbsterklärter „Mr. Security“ zum ersten Mal ins Amt des Ministerpräsidenten. Heute ist es bereits das siebte Mal, dass Netanjahu die Position innehat. Mit insgesamt 17 Jahren Amtszeit ist er der am längsten dienende Regierungschef. In seiner Ära wurde der umstrittene Siedlungsbau im Westjordanland massiv vorangetrieben.
Der 7. Oktober 2023 änderte alles
Zu seinen Errungenschaften gehört, dass er Israel in eine Zeit des wirtschaftlichen Booms geführt hat. Auch die Normalisierung der Beziehungen mit mehreren arabischen Staaten fällt unter seine Amtsperiode. Lange Zeit konnte er seinen Titel „Mr. Security“ auch rechtfertigen: Die Israelis erlebten fast zwei Jahrzehnte relativer Sicherheit. Doch mit dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 änderte sich alles. Israel wurde in einen Krieg gestürzt, der phasenweise sieben Fronten umfasste. Netanjahu muss sich vorwerfen lassen, es auch nach 21 Monaten nicht geschafft zu haben, die Geiseln aus Gaza zu befreien.
Auch im Vorfeld des 7. Oktober trifft Netanjahu Verantwortung: Er hatte sich dafür eingesetzt, die Hamas mit Milliarden Dollar aus Katar zu stärken. Bis heute hat der Premier sich nicht dazu bekannt, dass das eine Fehleinschätzung seinerseits war.
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Donald Trump spricht von Hexenjagd gegen Netanjahu
Schon vor dem 7. Oktober zog Netanjahu in Israel viel Kritik auf sich – auch aus den konservativen Reihen. Hunderttausende Israelis gingen monatelang in wütenden Protesten auf die Straße, um gegen die umstrittene Justizreform Netanjahus zu demonstrieren. Die Reform hätte der Regeierung deutlich mehr Macht verliehen – zu Lasten der Justiz. Netanjahu sieht sich freilich selbst einem umfangreichen Korruptionsprozess der Strafjustiz gegenüber. Ihm drohen jahrelange Haftstrafen.
Das hat er mit Donald Trump gemeinsam, den er am Montag treffen wird. Der US-Präsident stärkte seinem Freund Netanjahu kürzlich den Rücken, als er Israels Justiz aufrief, die „Hexenjagd“ gegen den Regierungschef aufzugeben. Auf dem heutigen Treffen liegen durchaus große Hoffnungen. Womöglich könnte der Austausch der Grundstein für eine Feuerpause mit der Hamas und der Freilassung weiterer Geiseln sein. Trump jedenfalls kündigte bereits an, dass er einen „Deal“ in dieser Woche erwarte. Ob Netanjahu aber darauf eingeht, ist ungewiss. Die Forderungen der Hamas für eine Waffenruhe nannte er inakzeptabel.






