Liebe Leserin, lieber Leser,

kennen Sie die „Bär oder Mann im Wald“-Frage? Sie verbreitet sich seit mehr als zwei Jahren in den sozialen Medien. Dort wird sie Frauen gestellt. Der genaue Wortlaut: „Würdest du lieber allein im Wald einem Mann oder einem Bären begegnen?“ Die meisten befragten Frauen wählen den Bären. Sie finden ihn schlicht berechenbarer, denn seine Absicht sei klar: Er wolle fressen und müsse töten. Ein Mann sei hingegen unberechenbar. Er könne die Frau vor dem Tod quälen, missbrauchen, vergewaltigen. Ein Bär, so argumentierten Frauen, kenne keinen Sadismus. Obendrein werde überlebenden Opfern von Bärenangriffen sofort geglaubt, während Opfern von männlicher Gewalt misstraut werde. Sie müssten sich Fragen gefallen lassen wie: „Was hattest du an?“ Oder: „Warum warst du eigentlich ganz allein im Wald, noch dazu in der Nacht?“

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In Sibirien ist der Bär inzwischen eine reelle Gefahr

Inzwischen ist die Bär-Mann-Frage ein festes rhetorisches Werkzeug, wenn es um häusliche Gewalt, Missbrauch, Sexismus und auch Gleichberechtigung geht. Ich finde die Frage ziemlich konstruiert, denn die Wahrscheinlichkeit, von einem Bären angegriffen zu werden, ist nicht groß genug, um sich wirklich eine Vorstellung von der Gefahr zu machen.

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Birgitta Stauber, Textchefin© Montage | FMG/Reto Klar/FFS

In der sibirischen Region Tuwa ist es anders. Dort sind in den vergangenen Wochen 20 Menschen von Bären angegriffen und getötet worden. So beschreibt es unser Russland-Korrespondent Jo Angerer. Und zwar nicht, weil die Menschen irgendwo einsam im Wald  herumliefen und Bären, die eigentlich menschenscheu sind, provozieren. Sondern weil die Bären den Menschen auf die Pelle rücken. Sie finden in den vom Klimawandel ausgetrockneten Wäldern zu wenig Nahrung, hinzu kommen verheerende Waldbrände. Und sie werden in den Nationalparks gefüttert; nun wollen sie mehr und dringen gar in Häuser ein. Es würde mich interessieren, wie dort die Beantwortung der Frage unter den Frauen ausfallen würde.

Was die Anwältin Christina Clemm regelmäßig vor Gericht erlebt

Klar ist: Frauen können Bären leichter aus dem Weg gehen als Männern. Wie reell die Gefahr ist, die im öffentlichen und privaten Raum von Männern ausgeht, zeigt die Kriminalstatistik von 2025: Die Fallzahlen im Bereich Sexualdelikte stiegen um 2,8 Prozent auf mehr als 131.000. Mehr als 14.000 Opfer starben. Was diese Zahlen im Einzelnen für die Betroffenen bedeuten, erlebt Christina Clemm jeden Tag. Sie ist Anwältin und vertritt seit 30 Jahren Opfer von häuslicher Gewalt, Sexismus und Rassismus. Auch Collien Fernandes zählte zu ihren Mandantinnen.

Porträt Rechtsanwältin Christina Clemm
Anwältin Christina Clemm vertritt seit 30 Jahren Opfer von Gewalt und Rassismus. Foto: Florian Boillot / FUNKE Foto Services© FUNKE Foto Services | Florian Boillot

Die diffuse Angst der Frauen sei durchaus berechtigt. Und die Angst, nicht ernst genommen zu werden vor Gericht, erst recht. „Antifeminismus“, sagt sie im Interview, das Aino Akay und ich mit ihr führten, „ist der Kitt bis in die Mitte der Gesellschaft.“ Es sei kein Wunder, dass Frauen, die vergewaltigt wurden, Angst vor der Verhandlung haben. Dass sie lieber schweigen, statt sich rechtfertigen zu müssen, warum sie sich nicht gewehrt haben, wenn mehrere Männer über sie in einem Kellerloch herfallen. Dass ihnen selbst dann eine Mitschuld unterstellt wird, wenn sie nachweislich sediert waren.

Gisèle Pelicot – das Interview zeigt, wie stark diese Frau ist

So erging es der Französin Gisèle Pelicot. Sie wurde von ihrem Mann über Jahre hinweg betäubt und anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten. Der Prozess war monströs. Pelicot ertrug es, dass die Videoaufnahmen gezeigt wurden, während sie und die angeklagten Männer in einem Raum waren. Sie wollte damit erreichen, dass sich die Männer schämen und nicht sie. „Die Scham muss die Seite wechseln“: Damit erreichte sie eine enorme Öffentlichkeit. Es gab Proteste in Frankreich gegen Männergewalt und Frauenhass, auch die FUNKE Mediengruppe berichtete ausführlich. „Durch Gisèle Pelicot haben wir gelernt, dass ganz durchschnittliche Männer schreckliche Taten begehen“, sagt Christina Clemm.

Brigitte Award 2026 Berlin FUNKE Mediengruppe
Mit dem Brigitte Award 2026: Gisèle Pelicot.© Brigitte Award via Getty Images | Franziska Krug

Für ihren Mut bekam Pelicot nun den Brigitte-Award verliehen. Die Frauenzeitung, die auch zur FUNKE Mediengruppe gehört, zeichnet Frauen aus, die durch ihre Zivilcourage und Persönlichkeit vorbildlich auf die Gesellschaft einwirken. „Frauen müssen ihr Schweigen brechen“, erklärte Pelicot im Interview, das Brigitte mit ihr führte, ihre Mission.

Nun können Sie sagen, lieber (männlicher) Leser, was geht das mich an. Ich bin friedlich, ich liebe meine Partnerin, niemals würde ich Gewalt anwenden, und ich respektiere Frauen so, wie ich Männer im Job und in der Gesellschaft respektiere. Geht es nach Christina Clemm, dann liegt die Verantwortung allerdings bei Ihnen wie bei allen Männern. Denn auch das erlebt die Anwältin oft: Mitwisser unter Männern gibt es viele. Aktiv gegen Frauenhass und Gewalt werden die wenigsten.

Gender Health Gap: In der Medizin werden Männer immer noch besser versorgt

Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) ärgert sich über den Umgang mit Frauen in Deutschland, vor allem, wenn sie in Spitzenämtern sind. Sie müssten sich immer noch mehr beweisen als Männer, der Weg zu einem Spitzenposten sei „dreimal so anstrengend“, sagte sie im Interview, das Julia Emmrich und Theresa Martus mit ihr führten. Als Forschungsministerin kritisiert sie besonders den sogenannten Gender Health Gap, also das Versorgungsgefälle in der Medizin, das zwischen den Geschlechtern immer noch üblich ist.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die Auswirkungen sind krass. Hausarzt oder Hausärztin schicken Frauen bei unspezifischen Beschwerden wie Bauch- und Brustschmerzen oder Müdigkeit häufiger weg mit der Bemerkung, das sei psychosomatisch, während Männer eine umfassende Untersuchung bekommen. Und auch in der Forschung wirkt sich der Gender Health Gap aus. Genau hier setzt „Studien wirken“ an, eine Initiative der FUNKE Mediengruppe. Ziel ist, dass biologische und soziale Unterschiede zwischen den Geschlechtern von Anfang an in klinischen Studien mitgedacht werden.

Dorothee Bär
Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU).© picture alliance / SZ Photo | Friedrich Bungert

Bei einer Konferenz in dieser Woche in Berlin brachte die Initiative 300 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Forschung, Medizin, Industrie und Patientenorganisationen zusammen. Auch Marlene Assmann-Khoueiry war dabei. Bei ihr wurde während der Schwangerschaft ein Hirntumor festgestellt. Überlebensaussichten gab es kaum. Durch Zufall konnte sie an einer Studie teilnehmen, die ihr Leben rettete. „Ohne diese Studie wäre ich wahrscheinlich im Frühling 2019 gestorben und hätte ein Baby hinterlassen“, berichtet sie auf dem Kongress.

Studien erklären, kritisch einordnen und vor allem zugänglich machen: Das sei das Anliegen der Initiative, erklärte Julia Becker, Verlegerin und Aufsichtsratsvorsitzende der FUNKE Mediengruppe. „Wir möchten Brücken bauen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.“ Lesen Sie, wie meine Kollegin Alina Juravel die Konferenz erlebte. Und die bewegende Geschichte von Marlene Assmann-Khoueiry finden Sie hier.

Der Krankenstand steigt: Wird es jetzt schon Zeit für die nächste Impfung?

Bleiben wir bei der Gesundheit: Die Grippesaison steht vor der Tür, und nicht nur die. Experten erwarten auch einen Anstieg bei den Corona-Zahlen. Hinzu kommen das RSV-Virus und die typischen Erkältungskrankheiten. Maik Henschke hat zusammengefasst, welche Impfungen es gibt, wann sie idealerweise verabreicht werden sollten und wer besonders gefährdet ist. Ich habe mir einen Termin beim Hausarzt gemacht, aber auch viele Betriebsärzte impfen, und inzwischen auch die Apotheken.

Passen Sie auf Ihre Gesundheit auf und kommen Sie gut durch diese Herbstwoche!

Es grüßt Sie herzlich

Ihre Birgitta Stauber