Geschlagen von ihren Partnern, vergewaltigt nach einer Party, gedemütigt und ausgebeutet: Anwältin Christina Clemm vertritt seit 30 Jahren Opfer von häuslicher Gewalt, Rassismus und Frauenhass. Auch Collien Fernandes war unter ihren Mandantinnen. In ihrem Buch mit dem doppeldeutigen Titel „Ein ungehaltenes Plädoyer“ beschreibt sie die blinden Flecken des Rechtsstaats. Getrieben ist sie von der Wut, dass Betroffenen vor Gericht nach wie vor misstraut wird.

Christina Clemm, Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, wenn Sie berichten, wie Frauen betitelt werden und was sie erlebt haben. Wie halten Sie das aus, täglich damit konfrontiert zu werden?

Erstaunlicherweise wird es mit den Jahren nicht besser. Das überrascht mich selbst ein wenig, weil ich glaube, wirklich schon fast alles an Brutalität und Leid gesehen zu haben. Aber man stumpft nicht ab, was ja auch gut ist. Ich spreche mit meinen Kolleginnen intensiv darüber, was wir erleben, ich mache ab und zu Supervision. Und ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad, setze mich oft auf eine Bank, und manchmal weine ich auch ein wenig. Auf der anderen Seite ist dieser Beruf aber großartig, denn ich kann oft einen winzigen Teil dazu beitragen, das Leben Betroffener ein wenig besser zu machen.

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Gisèle Pelicot, Collien Fernandes, nun die Studentin an der Eliteuniversität Cornell in den USA, die Opfer einer Massenvergewaltigung geworden sein soll: Was lernen wir aus öffentlich diskutierten Fällen von sexualisierter Gewalt?

Bei Pelicot haben wir vor allem gelernt, dass nicht die anderen, sondern ganz durchschnittliche Männer schreckliche Taten begehen. Das Einzige, was sie zusammengebracht hat, war, dass sie in einem Umkreis von ungefähr 50 Kilometern um Mazan herum lebten und offensichtlich gern die Möglichkeit ergriffen, eine betäubte Frau zu vergewaltigen. Das muss man verstehen. Man muss auch daraus lernen, dass es häufig andere Menschen gibt, die Täter schützen. Das zeigt aktuell auch der Fall an der Eliteuniversität Cornell: Da gab es 50 Männer neben den Beschuldigten, die in einem Chat mitverfolgt haben, dass gerade möglicherweise sexualisierte Gewalt ausgeübt wird, und nicht eingeschritten sind. Niemand schrieb auch nur, dass es nicht in Ordnung sei, geschweige denn jemand leistete Hilfe.

Klare Antworten fordert Christina Clemm, Fachanwältin für Familien- und Strafrecht, im Gespräch mit FUNKE. Viele Mechanismen hielten Betroffene sexueller Gewalt weiterhin klein. Besonders vermisst sie das Engagement von Männern: „Es gibt viel zu wenig Männer, die sich selbst gegen geschlechtsbezogene Gewalt einsetzen.“

Haben Sie das Gefühl, dass sich durch Fälle wie diese etwas verändert bei den Betroffenen?

Früher haben wir in den Vergewaltigungsverfahren eigentlich immer die Öffentlichkeit ausgeschlossen, wenn die Betroffenen selbst ausgesagt haben. Das ist jetzt anders. Es gibt immer mehr, die sagen: Nein, das soll die Öffentlichkeit ruhig hören, ich schäme mich nicht mehr. Betroffene wehren sich, die ewigen Opfer zu sein. Gleichzeitig muss man aber sagen: Die Scham hat noch nicht die Seite gewechselt. Es kommen immer noch sehr schnell Gegenargumente. Warum hat sie den denn nicht früher verlassen? Die hat sich den doch ausgesucht, war leichtsinnig, naiv. Ganz viele Narrative, die sofort aufkommen. Es gibt immer starke Kräfte, die sich umgehend anstellen, die Verletzten zu beschämen. Und das gelingt ihnen häufig auch.

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Auch im Fall Cornell versucht man jetzt, der Frau zu sagen, sie habe das ja mitgemacht.

So einen Fall habe ich auch erlebt. Es ging um eine junge Abiturientin, die betrunken war. Ihr wurden Drogen gegeben, als sie bewusstlos war, wurde sie vergewaltigt, bis heute hat sie eine Amnesie. Zunächst entschied ein Gericht, man könne nicht sicher davon ausgehen, dass sie nicht zugestimmt habe. Ja? Also da sagt eine Frau zu einem ihr bis dato fremden Mann: „Also wenn ich kein Bewusstsein mehr habe, dann mach‘ mit mir, was du willst. Find ich super.“ Das ist abwegig. Ich habe eine  junge Frau vertreten, die mit mehreren ebenfalls jungen Männern im Keller war. Dann wollte einer Sex mit ihr, sie war geschockt, paralysiert, hatte Angst, hat ein wenig geweint. „Nein“ hat sie nicht gesagt. Sie hat die sexuellen Handlungen von sieben Männern über sich ergehen lassen. Im Einstellungsbescheid hieß es, die Beschuldigten hätten nicht erkennen können, dass sie gegen ihren Willen handelten. Nein? Dürfen Männer ignorant sein? Ich kenne keine, die sagt: „Klar, finde ich super, sieben Männer, die mit mir auf einer dreckigen Matratze im Keller Geschlechtsverkehr haben.“

„Nur Ja heißt Ja“: Warum dieser Grundsatz wenig ändert und doch wichtig ist

Justizministerin Stefanie Hubig setzt sich für den Konsensgrundsatz „Nur Ja heißt Ja“ ein. Brauchen wir das wirklich?

Ich habe jahrelang gedacht, „Nein heißt Nein“ reicht. In der Praxis erleben wir aber, dass es häufig heißt: Der entgegenstehende Wille sei nicht erkennbar. Wenn die Rechtsprechung nicht in der Lage ist, etwas zu erkennen, brauchen wir offenbar die andere Regelung: „Ja heißt Ja.“ Aber auch das ist nicht der große Wurf. Weil wir selbstverständlich und richtigerweise keine Beweislastumkehr haben. Es wird weiterhin so sein, dass die Verletzten aussagen müssen, dass sie erklären müssen, wie sie sich verhalten haben. Es wird ein wenig verändern, aber am Ende wird „Ja heißt ja“ nicht die sexualisierte Gewalt insgesamt bekämpfen.

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Sie fordern, dass die Gesellschaft Verantwortung übernehmen soll. Aber in Zeiten, in denen Rechtspopulismus zur Volksmeinung wird, angesichts einer islamistischen Rückwärtsbewegung: Sind wir davon nicht weiter entfernt denn je?

Es stimmt. Seit einiger Zeit gibt es einen unglaublichen Backlash. In ihren antifeministischen Bestrebungen sind sich Rechtsextreme, Islamisten und andere sehr strenge Religionsgruppen einig. Das ist leider auch der Kitt bis in die Mitte der Gesellschaft. In meinem Buch schreibe ich deshalb auch nicht nur über Frauenhass, sondern auch über Rassismus und Queerfeindlichkeit. Denn wenn wir diese gespaltene Gesellschaft wieder zusammenbringen wollen, müssen wir gemeinsam die Menschenverachtung bekämpfen. Eigentlich gibt es viel Solidarität. Das hat sich etwa zu Beginn der Pandemie gezeigt, als 2015 sehr viele Menschen kamen, die vor dem Bürgerkrieg in Syrien fliehen mussten, zu Beginn des Ukraine-Kriegs 2022. Aber rasant wirken menschenverachtende Gegenkräfte. Ich glaube, wir müssen diese  Keime der Solidarität stärken und mehr darüber berichten – nicht diesen Hass andauernd wiederholen und damit normalisieren.

Gewalt gegen Frauen: Es reicht als Mann nicht, dagegen zu sein

Die Schauspielerin Collien Fernandes hat ihren Ex-Mann Christian Ulmen angezeigt und eine breite Debatte über sexualisierte Gewalt im Internet ausgelöst. (Archivbild)
Die Schauspielerin Collien Fernandes hat ihren Ex-Mann Christian Ulmen angezeigt und eine breite Debatte über sexualisierte Gewalt im Internet ausgelöst. (Archivbild)© dpa | Sebastian Christoph Gollnow

Warum fällt es Männern so schwer, über Frauenhass und Gewalt zu sprechen, ohne sich persönlich angegriffen zu fühlen?

Das kann ich nicht einfach beantworten. Vielleicht ist es besser zu fragen: Wie kann man Männer einbinden, sich endlich gegen Frauenverachtung einzusetzen? Wir müssen über Männlichkeitsbilder sprechen. Es reicht nicht als Mann, selbst nicht gewalttätig zu sein. Sondern man sollte schon mal die eigenen Privilegien hinterfragen und sich selbst dafür verantwortlich zeigen, dass es keine geschlechtsbezogene Gewalt mehr gibt.

Die Verantwortung liegt also bei den Männern.

Ich finde es nicht hinnehmbar, dass sich Männer nicht zuständig fühlen. Wie können sie die Zahlen, wie viele Frauen von Gewalt betroffen sind, lesen und trotzdem untätig bleiben? Warum sprechen sie nicht mit ihren Kumpels darüber: „Hast du das auch gehört? Kann das denn sein, dass so viel Gewalt von Männern ausgeht? Wie können wir das verändern?“ Dass ein Mann sagt: „Ich bin erschrocken, beeindruckt, es schmerzt mich, ich will das Problem gesellschaftlich bekämpfen“ – das hört man viel zu selten.

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Justizministerin Hubig will Täter bei den Mietkosten stärker in die Pflicht nehmen. Die Fußfessel soll nächstes Jahr kommen, dazu ein erweiterter Schutz für Angehörige und Kinder. Ist es nicht mal Zeit, die viel gescholtene Bundesregierung zu loben?

Man kann Justizministerin Hubig loben. Sie hat großartige Gesetzentwürfe vorgelegt. Ich bezweifle nur, dass die alle durchgehen. Auf der anderen Seite muss man sagen: Das Justizministerium kann Gesetze vorlegen, hat aber kein Geld zu vergeben. Wenn wir geschlechtsbezogene, queerfeindliche oder auch rassistische Gewalt bekämpfen wollen, brauchen wir viel mehr Prävention. Wir müssen die Gerichte und die Ermittlungsbehörden besser ausstatten. Doch bei feministischen und antirassistischen Projekten wird das Geld gekürzt. Prävention bedeutet, für Gleichstellung zu sorgen, das Gegenteil geschieht gerade. Nehmen wir beispielsweise die Kürzung des Unterhaltsvorschusses für Alleinerziehende. Dies wird dazu führen, dass sich einige gewaltbetroffene Frauen noch mehr gezwungen sehen, bei dem Gewalttäter zu bleiben, da sie nicht wissen, wie sie mit ihren Kindern nicht in Armut geraten.

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Der gesunde Menschenverstand sagt: Wer schlägt, hat sein Sorgerecht verwirkt. Doch Richter und Richterinnen entscheiden oft im Sinne der Männer. Woher kommt die Empathie mit dem gewalttätigen Vater?

Es gibt seit Langem eine massive Lobbyarbeit der Väterrechtler. Das klingt erst mal ganz nett: Väter sollen auch Rechte haben, klar. Dann heißt es, das Schlimmste, was einem Kind passieren könne, sei ein Kontaktabbruch zum Vater. Vielen gewaltbetroffenen Frauen wird unterstellt, sie würden die Beziehung zwischen den Kindern und ihren Vätern zerstören, die Kinder manipulieren. Sie  sollen nicht schlecht über die Väter reden, sie darin bestärken, ihn sehen zu wollen. Manchmal sage ich im Gericht: Was soll sie denn tun? Mit blauem Auge, gebrochenem Kiefer im Frauenhaus sitzend sagen: „Aber euer Papa ist toll, mit dem hat das nichts zu tun?“ Nein, Kinder brauchen Sicherheit, Offenheit und Aufarbeitung.

„Love Bombing“, Kontrollwahn, Isolation: Das können frühe Signale sein

Gibt es für Frauen, die in eine Partnerschaft gehen, Red Flags, also Frühsignale?

Ich bin ja nicht Dr. Sommer. Aber aus meinem Erfahrungsschatz kann ich sagen: Gewalttätige Männer sind zu Beginn der Beziehung häufig ganz besonders großartig. Wir nennen das „Love Bombing“. Eine Mandantin hat mal gesagt: „Er hat mir die Wünsche von den Augen abgelesen, bevor ich sie überhaupt hatte.“ Schnell entsteht eine emotionale Abhängigkeit – und dann kommen Erniedrigungen. Auf einmal ist nicht mehr richtig, wie sie lacht, wie sie isst, die Frisur, die Kleidung sollen geändert werden. Eine absolute Red Flag ist auch Isolation. Wenn Frauen so vereinnahmt werden, wenn die Männer immer überall dazukommen wollen, schlecht über die Herkunftsfamilie reden, die Beziehungen zu Freunden und Freundinnen kontrollieren.

Wenn Sie sich eine Veränderung wünschen könnten, welche wäre das?

Dass man endlich nicht mehr die Opfer der Gewalt mitschuldig macht und diejenigen benennt, die schuld sind – nämlich die Täter.

Christina Clemm: Ein ungehaltenes Plädoyer

Hanser, 288 Seiten, 24 Euro