Ihr Gesicht kennen inzwischen Menschen auf der ganzen Welt: Fast zehn Jahre lang wurde Gisèle Pelicot von ihrem Mann und mehr als 70 weiteren Männern vergewaltigt. Der Prozess gegen die Verbrecher fand öffentlich statt – sie selbst hatte darauf bestanden, das machte sie weltberühmt. Ende 2024 wurden 51 Täter verurteilt, seither hat Gisèle Pelicot Queen Camilla und den spanischen Premierminister getroffen, ist in Talkshows und auf Festivals aufgetreten. Das Buch, das sie über ihr Leben schrieb („Eine Hymne an das Leben“, Piper), wurde ein internationaler Bestseller.
Die Zeitschrift Brigitte, die wie diese Redaktion zur FUNKE Mediengruppe gehört, hat Gisèle Pelicot am Donnerstag (8. Oktober) in Berlin den Ehrenpreis der Brigitte Awards verliehen. Im Interview mit Brigitte-Redakteurin Ariane Heimbach erzählt die 73-Jährige vom Prozess, ihrer Sicht auf die Täter und dem Kampf zurück ins Leben.
Frau Pelicot, im Herbst vor zwei Jahren befanden Sie sich mitten im Prozess gegen 51 Männer, die Sie vergewaltigt haben. An welches Gefühl aus diesen Tagen erinnern Sie sich heute noch besonders?
Gisèle Pelicot: Es gibt zwei Dinge, die mich besonders aufgewühlt haben. Einmal, diesen ganzen Individuen zu begegnen, deren Gesichter ich nicht kannte. Ich sah zum ersten Mal meine Angreifer. Die einzigen Personen, die ich schon kannte, waren Monsieur Pelicot und ein Nachbar aus Mazan. Es war sehr belastend für mich, ihnen gegenüberzustehen und ihren Blicken standzuhalten. Doch was mich am meisten beeindruckt hat, war die Begleitung und Unterstützung von all den Frauen, die mir Tausende Briefe geschrieben haben, die jeden Tag zum Prozess gekommen sind und draußen vor dem Gerichtsgebäude standen, um mich zu ermutigen. Es gab also sowohl das Düstere als auch das Helle durch die Solidarität der Frauen. Das war magisch, dieser Kontrast zwischen Schatten und Licht.


