Ganz am Ende, als die Richterin die Verhandlung schließt und die Zuschauer aus dem Saal strömen, steht Serhii K. vor seiner Anklagebank. Er trägt einen grauen Anzug, ein weißes Hemd und Krawatte, sein Kopf ist kahl rasiert. Er blickt durch die Glasscheibe, hinüber zu seinen Anwälten, die extra aus der Ukraine angereist sind. Serhii K. lächelt, er hält seine Hand vor die Brust, streckt drei Finger aus, formt symbolisch einen Dreizack. Es ist das ukrainische Staatswappen.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Serhii K., 50 Jahre alt, hat die vergangenen Stunden ruhig auf seinem Platz gesessen, sein Blick war konzentriert und ernst. Manchmal nickte er, wenn seine Anwälte ihre Reden vorlasen, oft schaute er nur starr vor sich auf den Tisch. Eine Übersetzerin sprach die Worte seiner Verteidiger in ein Mikrofon, K. hörte sie über Kopfhörer.

In Hamburg verhandelt der Bundesanwalt einen der größten Sabotage-Prozesse

Nord Stream Bombing Trial Begins In Hamburg
Der Generalbundesanwalt wirft Serhii K. (M.) Kriegsverbrechen vor.© Getty Images | Pool

Jetzt aber, in diesem letzten Moment des Tages, scheint es, als hätte Serhii K. Tränen in den Augen. Als löse sich die Strenge aus seinem Blick. Er schaut zu seinen Begleitern hinter der Glasscheibe und salutiert, mit der Hand an der Stirn. Wie der ukrainische Elitesoldat, der er einst war.

In Hamburg hat einer der größten Justizfälle in der jüngsten Geschichte des Gerichts begonnen. Dutzende Journalistenteams sind angereist, aus Dänemark, Frankreich, den USA und Großbritannien. Aus Russland hat sich eine Nachrichtenagentur angemeldet, und natürlich sind auch ukrainische Medien nach Hamburg gereist.

Auch interessant

Der Generalbundesanwalt wirft Serhii K. vor, der Anführer eines Kommandos gewesen zu sein, das im September 2022 die Nord-Stream-Pipeline auf dem Boden der Ostsee mit insgesamt sechs Sprengladungen in die Luft jagte. Die Strafverfolger legen K. Kriegsverbrechen zur Last – ausgerechnet einem Staatsangehörigen des Landes, das seit fast fünf Jahren völkerrechtswidrig von Russland angegriffen wird. Es ist ein politisch brisanter Prozess.

Die Täter, so trägt es der Bundesanwalt in seiner Anklageschrift vor, organisierten eine Yacht, deponierten militärischen Sprengstoff an Bord, fuhren in geheimer Mission bis zu einem Punkt südlich der dänischen Insel Bornholm. Taucher platzierten in 70 bis 80 Meter Meerestiefe die Sprengsätze an den Röhren der Gasleitung, die von Russland bis an die Küste von Mecklenburg-Vorpommern führt. In der Nacht vom 26. September 2022 zündeten die Täter die Ladung per Fernzünder. Die Erschütterung maßen noch seismografische Stationen nahe dem Polarkreis.

Nord-Stream-Pipeline: Ein Kommando aus Tauchern und Sprengstoffexperten rückte an

Nord-Stream-2-Gasleck
Nach dem Anschlag sprudelt das Gas in der Ostsee.© -/Danish Defence Command/dpa | -

Auch interessant

Serhii K. war zum Zeitpunkt der Tat noch Soldat der ukrainischen Armee. Laut Bundesanwalt soll er nicht allein gehandelt haben, mit an seiner Seite: Profitaucher, Sprengstoffexperten, Segler. Doch vor Gericht steht nur K., weitere Angeklagte haben die Ermittler identifiziert, aber nur einer ist noch festgenommen und derzeit in Kroatien in Auslieferungshaft.

Der Prozess birgt auch deshalb politischen Sprengstoff, weil laut Ermittlern die ukrainischen staatlichen Stellen in die Planung des Angriffs auf die Energieversorgung in der Ostsee beteiligt waren – ausgerechnet das Land, das die Bundesregierung mit Panzern, Munition und Milliardenhilfen im Kampf gegen Russland unterstützt, greift nun die deutsche Infrastruktur an.

Finanziert der Energiekonzern Russlands Angriffskrieg in der Ukraine?

Die Nord-Stream-Leitungen gehören einem russischen Staatskonzern. Als der Krieg in der Ukraine im Februar 2022 eskalierte, stellte Russland die Gaslieferungen über die Pipeline nach und nach ein. Dennoch sei Serhii K. bewusst gewesen, so sagt es die Anklage, dass die Leitungen kein legitimes Kriegsziel im Kampf gegen Russland darstellen würden. Die Pipeline sei kein militärisches Ziel.

Es ist eine der Schlüsselfragen, die der Prozess in den kommenden Monaten klären muss. Denn die Verteidigung von Serhii K. hebt hervor, dass die Gasleitungen durchaus als Kriegsziel gewertet werden können. Denn Russland finanziere mit Geld aus Gaslieferungen Waffen und Munition für die Front in der Ukraine. Der Energiekonzern sei sogar an der Produktion von Waffen beteiligt, hebt K.s Anwalt Nicola Canestrini hervor.

Auch interessant

Prozess wegen Anschlag auf Nord Stream-Pipelines
Unterstützer der Ukraine stehen vor dem Prozessbeginn am Eingang des Hanseatischen Oberlandesgerichts.© Markus Scholz/dpa | Markus Scholz

Die Nord-Stream-Pipeline sei zudem ein politisches Druckmittel des Kremls, um sich gegen die europäischen Sanktionen zur Wehr zu setzen. Nach dem Motto: Wenn ihr uns sanktioniert, stoppen wir die Lieferungen.

Noch etwas betonen die Anwälte des ukrainischen Angeklagten. Ihr Mandant stecke in einem Dilemma. Als früherer Angehöriger des Militärs gelte für ihn die Schweigepflicht. Sein Befehlshaber habe nicht erlaubt, dass er sich äußere. Wenn K. also ein Alibi habe, dürfe er es nicht mitteilen, etwa wenn er parallel in einer anderen Militäroperation eingebunden gewesen wäre, sagt sein Anwalt. „Er muss sich mit verbundenen Händen verteidigen.“

Nach Informationen unserer Redaktion kann ihn jedoch ein Detail in Bedrängnis bringen. In der Anklageschrift sind Telefongespräche mit seiner Frau angeführt, die Strafverfolger während der Untersuchungshaft in Italien geheim mitgeschnitten hatten. Darin soll K. gesagt haben, dass die Sprengung „eine offizielle militärische Operation“ gewesen sei. Er und seine Leute sollten nicht als „verrückte Militärmänner“ dargestellt werden.

In der Ukraine feiern die Menschen den Angeklagten als Nationalhelden

Prozess wegen Anschlag auf Nord Stream-Pipelines
Die Anwälte von Serhii K. fordern die Einstellung des Verfahrens. Sie sagen, ihr Mandant könne sich nicht verteidigen, weil er nicht aussagen dürfe.© Markus Scholz/dpa | Markus Scholz

Auch interessant

Reicht dieses Beweismittel? Und können die verdeckten Aufnahmen im Prozess überhaupt verwertet werden? Daran äußerten die Anwälte Zweifel. Und sie hoben hervor, dass auch Fingerabdrücke und Zeugenaussagen fehlten, die K. weiter belasten. Der Generalbundesanwalt nahm zum Prozessauftakt zu Details der Beweismittel nicht Stellung.

Die Pipeline in der Ostsee ist auf einer Länge von mehr als 100 Metern zerrissen. Niemand starb bei diesem Anschlag, aber der Sachschaden ist enorm. Die wirkliche Brisanz aber speist sich in der politischen Dimension des Prozesses in Hamburg.

Draußen, vor dem Gerichtsgebäude, demonstrieren zum Auftakt ein paar Dutzend Menschen. Um ihre Schultern hängen ukrainische Fahnen in Blau und Gelb, in ihren Händen halten sie Plakate mit zerstörten ukrainischen Städten.

Drinnen, im Gerichtssaal, sieht der Generalbundesanwalt in Serhii K. einen Kriegsverbrecher. In der Ukraine, so berichtet es sein Anwalt Ilja Nowikow gegenüber unserer Redaktion, sehen viele Menschen in K. keinen Verbrecher, sondern vor allem einen Nationalhelden.