Die Drohne fliegt über eine Stadt in Trümmern. Unter ihr ausgebrannte Häuser, zerstörte Dächer, leere Straßen. Sie bleibt über einem Gebäude stehen und wirft ihre Ladung ab.
Auf einem Monitor in einem kleinen Raum irgendwo in Kramatorsk verfolgen zwei ukrainische Soldaten den Flug. Die Bilder zeigen einen Krieg, der anders aussieht, als Moskau ihn beschreibt. Denn die Drohne bringt Nachschub zu ukrainischen Soldaten in Kostjantyniwka – fast drei Monate, nachdem Russland die Eroberung der strategisch wichtigen Stadt in der Region Donezk verkündet hat.
Nicht nur hier klaffen die russischen Erfolgsmeldungen und die Lage an der Front auseinander. Im Nordosten ist den Ukrainern mit der Operation „Vivaldi“ zuletzt sogar ein überraschender operativer Erfolg gelungen. Die russischen Kriegsziele für dieses Jahr sind damit in weite Ferne gerückt.
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Kramatorsk hat sich seit unserem letzten Besuch im Frühjahr verändert. Die Stadt wird zur Festung. Stacheldraht und Betonpyramiden säumen die Straßen. Vielerorts sind russische Gleitbomben eingeschlagen. Vor wenigen Tagen explodierte eine von ihnen in einem Wohnviertel und zerstörte die Johannes-der-Täufer-Kirche. Am 8. Oktober sind bei russischen Angriffen auf zwei Linienbusse in der Stadt mindestens 30 Menschen getötet worden. Kleine Kamikaze-Drohnen sind immer wieder zu hören.
Kramatorsk und das benachbarte Slowjansk bilden das Herz des ukrainischen Festungsgürtels in der Region Donezk. Rund ein Fünftel der Region befindet sich noch in ukrainischer Hand.

Viele Gebäude in Kramatorsk sind durch russische Gleitbomben schwer beschädigt.
Für die russische Armee ist die Eroberung dieser Region eines der wichtigsten Kriegsziele. In diesem Jahr sollte der Durchbruch auf drei Achsen gelingen: Von Lyman im Nordosten und Dobropillja im Südwesten wollten die Russen die ukrainischen Verbände in die Zange nehmen. Gleichzeitig griffen sie über Kostjantyniwka südlich von Kramatorsk an.
Bislang ist dieser Plan nicht aufgegangen.
Drohnenkommando versorgt Frontsoldaten mit Nachschub
Schon Anfang Juli verkündete Moskau die vollständige Eroberung Kostjantyniwkas. Ende September sitzt in Kramatorsk ein junger ukrainischer Offizier mit dem Funknamen „Hordyi“ vor einem Monitor und sagt: „Im Moment sind unsere Leute überall in Kostjantyniwka.“
Hordyi kommandiert einen Drohnentrupp der 28. Separaten Mechanisierten Brigade. Seine Männer haben sich in einem unscheinbaren Haus in einer Seitenstraße eingerichtet. Von hier aus versorgen sie die Soldaten an der Front. „Wir liefern hauptsächlich Nachschub an unsere Leute, die härteste Arbeit leisten, damit sie ihre Stellungen halten können.“

„Hordyi“ verfolgt auf einem Bildschirm den Flug einer Versorgungsdrohne.
Auf dem Bildschirm ist Kostjantyniwka zu sehen. Die Drohne nähert sich einer ukrainischen Position und wirft Versorgungsgüter ab. Jeder dieser Flüge ist ein Risiko. „Die Bedingungen dort sind sehr schwierig“, sagt Hordyi. „Natürlich schießt der Feind unzählige unserer Drohnen ab. Aber wir halten durch und versuchen alles, um ihrem Druck standzuhalten.“
Seine Angaben lassen sich im Einzelnen nicht überprüfen. Doch auch Analysten des US-amerikanischen Institute for the Study of War widersprechen der russischen Darstellung, Kostjantyniwka sei vollständig erobert.
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„Der Feind ist da, er kommt rein, aber unsere Leute sind auch da“
An einer anderen ukrainischen Stellung in Kramatorsk beschreibt ein weiterer Offizier die Lage ähnlich. Sein Funkname ist „Vudi“, er ist stellvertretender Kompaniechef des 39. Separaten Drohnen-Bataillons: „Der Feind ist da, er kommt rein, aber unsere Leute sind auch da.“
Vudis Einheit greift mit Mittelstreckendrohnen russische Nachschublinien an. Landroboter bringen Munition und Versorgungsgüter zu ukrainischen Soldaten. Vudi glaubt, dass die Russen den Versuch aufgegeben haben, Kostjantyniwka frontal vollständig einzunehmen. Stattdessen versuchten sie nun, die Stadt zu umgehen und mit kleinen Infiltrationstrupps in das nördlich gelegene Druschkiwka vorzudringen. „Wir halten den Feind aber auch da auf.“

Der für die Ukraine womöglich bedeutendere Erfolg dieses Jahres liegt weiter nördlich. Dort läuft die Operation „Vivaldi“. Nahe Lyman hatten russische Truppen Brückenköpfe in einem von Flüssen und Wasserläufen durchzogenen Gebiet errichtet. „Die Bedrohung bestand darin, dass sie die Logistik der Hauptgruppe der ukrainischen Verteidigungskräfte und ihre wichtigsten Nachschubwege hätten abschneiden können“, sagt Major Dmytro Rohoziuk.
Wir treffen ihn Ende September in einem ausgebombten Schulgebäude in Isjum. Rohoziuk kommandiert die 60. Separate Mechanisierte Brigade. Sie gehört zum 3. Armeekorps und hatte entscheidenden Anteil an „Vivaldi“. Seine Brigade sollte zunächst den russischen Vormarsch stoppen und damit die Voraussetzungen für einen ukrainischen Gegenangriff schaffen: „Wir fingen den Hauptangriff des Feindes ab, der darauf abzielte, Lyman einzunehmen, Swjatohirsk zu erreichen und in Richtung der Straße Charkiw-Slowjansk vorzurücken.“

Major Dmytro Rohoziuk. Seine Brigade hatte einen entscheidenden Anteil an Operation „Vivaldi“.
Anfang September hatte der russische Präsident Wladimir Putin bereits die Eroberung von Swjatohirsk verkündet. Auch diese Meldung entsprach nicht der Lage vor Ort.
Ukraine täuscht russische Truppen mit geheimer Gegenoffensive
Dass die Ukraine dort längst eine größere Gegenoperation vorbereitete, blieb monatelang geheim. „Vivaldi“ hatte bereits im Frühjahr begonnen, doch erst Anfang September drangen erste Informationen nach außen. „In der Kriegskunst ist es wichtig, verdeckte Angriffe durchzuführen, die der Feind nicht erwartet, und ihn zu täuschen“, sagt Rohoziuk. Das gelang.

Bis zum Abschluss der dritten Phase von „Vivaldi“ eroberten die ukrainischen Streitkräfte nach eigenen Angaben mehr als 170 Quadratkilometer zurück. Der russischen 20. Gardearmee habe man „einen verheerenden Schlag versetzt und die Kampffähigkeit der meisten ihrer Einheiten beeinträchtigt“, sagt Rohoziuk.
Unabhängig überprüfen lässt sich das Ausmaß der russischen Verluste nicht. Rohoziuk erwartet jedoch Folgen weit über diesen Frontabschnitt hinaus. Nach Abschluss der Operation werde sie „erhebliche operative Konsequenzen für die erfolgreiche Verteidigung des gesamten Ballungsraums der Region Donezk haben“. Zudem zwinge „Vivaldi“ die Russen, Kräfte aus anderen Frontabschnitten abzuziehen.
Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert
Ukrainer testen neue Taktiken mit Robotern und Drohnen
Bemerkenswert ist dabei nicht allein der Geländegewinn. Es ist die Art, wie die Ukrainer vorgegangen sind. „Sie haben neue Taktiken und einen neuen Kampf der verbundenen Waffen ausprobiert“, sagt der österreichische Militärexperte Gustav Gressel.
Bewaffnete Landroboter sollen mit großen Drohnen hinter den russischen Linien abgesetzt worden sein. Elektronische Kriegsführung und Aufklärungsdrohnen halfen, lokal die Kontrolle über den Luftraum unmittelbar über dem Schlachtfeld zu gewinnen. Erst danach rückten klassische mechanisierte Verbände vor. „Die Operation ist ein hervorragendes Beispiel für das Verständnis moderner kombinierter Waffensysteme“, sagt Rohoziuk.
Gressel hält die wiederkehrenden russischen Falschmeldungen deshalb für gefährlich. Nicht nur, weil sie ein verzerrtes Bild des Kriegsverlaufs zeichnen. Sollte Putin selbst an die vermeintlichen Erfolge seiner Armee glauben, sagt Gressel, könnte das bei künftigen Friedensverhandlungen zu einem „kritischen Punkt“ werden – wer an Erfolge glaubt, die es nicht gibt, ist nicht bereit zu Konzessionen.







