Die Erschütterungen sind noch bis an den Polarkreis zu messen. Eine Station in der schwedischen Stadt Kalix schlägt in der Nacht des 26. September 2022 aus, sendet eine Warnung. Es ist kurz nach 2 Uhr. Noch ahnt niemand, dass gerade einer der größten Angriffe auf die Energieversorgung stattgefunden hat. In rund 80 Meter Tiefe, mitten in der Ostsee, südöstlich der dänischen Insel Bornholm.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Kurz darauf aber sind die Sicherheitsbehörden bereits im Alarmmodus. Denn schnell ist klar: Die Messungen gehen nicht auf ein Erdbeben zurück. Es ist eine Explosion auf dem Meeresgrund. Nato-Verbände schicken Kampfjets in den Luftraum über der Ostsee, das dänische Militär richtet eine Sperrzone in dem Gebiet ein. Denn ein kilometerlanger Geysir versprüht Methan, auf der Meeresoberfläche brodelt ein gigantischer Strudel.

Der Journalist Bojan Pancevski vom „Wall Street Journal“ hat in seinem Buch die Stunden nach dem Anschlag rekonstruiert. Am Mittwoch, gut vier Jahre später, startet vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg einer der bedeutendsten Sabotage-Prozesse in der Geschichte der Bundesrepublik. Angeklagt ist Serhii K., ein ukrainischer Offizier.

Auch interessant

Taucher, Segler, Sprengstoffexperten: Amateure können den Anschlag nicht verüben

Was in der Septembernacht explodiert, ist ein Sprengsatz, den Taucher in geheimer Mission in der Tiefe der Ostsee am Beton der Nord-Stream-Pipeline befestigten und per Fernzünder detonieren ließen. Die beiden Stränge der Pipeline brechen auf, tonnenweise Gas strömt aus. Die Pipelines verbinden Russland mit Deutschland und erreichen bei Lubmin nahe Greifswald die deutsche Ostsee-Küste. Als das ukrainische Kommando die Leitungen mutmaßlich sprengt, war die Pipeline offiziell außer Betrieb.

Haftprüfung Bundesgerichtshof zu Nord-Stream
Spezialkräfte der Polizei führen den Beschuldigten Serhii K. zum Haftrichter. Ein staatlich gesteuerter Anschlag?© Uli Deck/dpa | Uli Deck

Es ist zu diesem Zeitpunkt ein gutes halbes Jahr her, dass Russlands Militär den völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Ukraine eskaliert. Schon der Bau des zweiten Leitungsstrangs 2015 war umstritten. Die Pipeline ist längst ein Politikum. Mit dem Anschlag aber wird sie zum Schauplatz des Krieges in der Ukraine.

Der Generalbundesanwalt sieht in dem Ukrainer Serhii K. einen „Mittäter eines Kriegsverbrechens“. Nach Beginn des russischen Angriffskrieges Ende Februar 2022 entwickelten K. und weitere Militärangehörige „im Auftrag staatlicher Stellen in der Ukraine“ den Plan, die Erdgasleitungen zu zerstören, heißt es beim Bundesanwalt. Das Ziel: die Lieferung von russischem Gas nach Europa dauerhaft zu unterbinden – und Russlands Finanzierung des Krieges zu schwächen. Das russische Unternehmen Gazprom ist zu 100 Prozent Eigentümer der Nord Stream 2 AG.

Auch interessant

Ermittler identifizieren eine 15 Meter lange Yacht, die „Andromeda“

Nach dem Anschlag kursieren schnell Gerüchte über die Täter. Russlands Autokrat Wladimir Putin spricht vom „internationalen Terrorismus“. Ein Journalist mutmaßt mit seinen Quellen, dass die USA hinter der Attacke stecken. Deutsche Ermittler recherchieren über mehrere Jahre den Fall. Sie identifizieren eine Firma, mit der eine 15 Meter lange Yacht gemietet wurde, die „Andromeda“ – das Boot, mit dem die Täter losgefahren sein sollen. Die Kriminalisten entdeckten Spuren von Sprengstoff und Fingerabdrücke. Techniker untersuchen die Stelle der Detonation, rekonstruieren die Tat.

Mittlerweile sind mehrere Personen im Visier deutscher Ermittler, einen weiteren Beschuldigten konnten Polizisten in Kroatien festnehmen. Derzeit wartet der Generalbundesanwalt auf die Auslieferung nach Deutschland.

Der Prozess in Hamburg erregt international Aufmerksamkeit, viele Journalisten sind vor Ort, darunter Fernsehteams aus der Ukraine. Doch von einem anderen Ort dürfe man genauso in den Gerichtssaal blicken: in Berlin, im Kanzleramt.

Gaspreise und Waffenlieferungen: Kanzler Friedrich Merz steht doppelt unter Druck.
Gaspreise und Waffenlieferungen: Kanzler Friedrich Merz steht doppelt unter Druck.© AFP | Tobias Schwarz

„Die AfD treibt mit dem Thema die Regierung vor sich her“

Bundeskanzler Friedrich Merz steht unter Druck. Seine CDU steht mittlerweile bundesweit deutlich unter 20 Prozent, die AfD bei fast 30. Bei den Wahlen zuletzt hat die extrem rechte Partei vor allem mit einem Thema gegen die Bundesregierung agitiert: den hohen Energiekosten. Und: AfD-Politiker plädieren für den Wiederaufbau der Nord-Stream-Pipeline.

Im Mai wurde im Bundestag über einen Antrag der AfD-Fraktion debattiert, der einen Untersuchungsausschuss zum Angriff auf die Nord-Stream-Pipelines einsetzen will. Die anderen Fraktionen lehnten dies ab. Laut AfD-Politiker Markus Frohnmaier bestehe die Regierung in der Außenpolitik aus „Dienern fremder Interessen“. Die AfD werde diese nationale Selbsterniedrigung, die die CDU in Deutschland zu verantworten habe, beenden. 

Auch interessant

Die Pipeline ist zur AfD-Munition gegen den Kanzler gewachsen. Der Prozess dürfte die Aufmerksamkeit auf das Thema nach oben schrauben – und genau das will man nach Recherchen dieser Redaktion in Regierungskreisen nicht.

Politikwissenschaftler und Militärexperte Gustav Gressel sagt im Gespräch mit unserer Redaktion: „Die AfD treibt mit dem Thema die Regierung vor sich her, ohne selbst tragfähige Lösungen anzubieten.“ Die scheinbar verlockenden günstigen Gaspreise mit dem Wiederaufbau der Pipeline seien „eine Illusion“. Putin werde Gas nicht unter dem Marktpreis verkaufen. „Mit dem Wiederbetrieb der Gasleitungen in der Ostsee macht sich Deutschland zudem erneut erpressbar gegenüber einem autokratischen Regime in Moskau. Diese naive Russland-Politik ist schon einmal gescheitert“, hebt Gressel hervor.

Auch interessant

Die Kritik an den Waffenlieferungen an die Ukraine wächst

Damit nicht genug. Eine zweite Front baut sich vor Merz auf. In den Umfragen der vergangenen Jahre geht die Zustimmung für die Unterstützung der Ukraine zurück. Zwar befürwortet immer noch ein großer Teil der Menschen in Deutschland die Waffenlieferungen in Richtung Kiew. Doch die Zahl der Befragten, die skeptisch und kritisch sind, wächst.

Merz aber will fest an der Seite der Ukraine stehen. Deutschlands Sicherheit, das ist die Linie der Regierung, werde vor Kiew verteidigt. Auch hier wird der Prozess in Hamburg jedoch zum Risiko: Kommt heraus, dass höchste staatliche Stellen in der Ukraine den Anschlag auf Nord Stream befohlen hatten oder mitgeplant haben, dann muss der Kanzler reagieren. Dann wächst der Druck der Ukraine-Kritiker auf Merz.

Was wusste der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj von den Anschlagsplänen?
Was wusste der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj von den Anschlagsplänen?© dpa | Kay Nietfeld

Festnahme in Rimini. Und bei Dreharbeiten für Hollywood

Und genau diese Gewissheit wächst unter den Strafverfolgern: Der Angriff auf die Pipeline soll keine geheime Mission einzelner Entschlossener gewesen sein. Im Gegenteil: Der Generalbundesanwalt zählt mehrere Berufstaucher, einen Skipper und einen Sprengstoffexperten zur Gruppe der Attentäter. Anführer K. soll Elitesoldat in der Ukraine gewesen sein, die Täter nutzten offenbar ein Gemisch der militärischen Sprengstoffe Hexogen und Oktogen. In abgehörten Telefonaten im Gefängnis sprach der Beschuldigte K. laut Medienberichten davon, dass der Anschlag „eine offizielle militärische Operation war“.

255097_569_255097_cover.jpg
Ukraine-Krieg: Zweifel an Russlands Siegesmeldung zu Kostjantyniwka
Im Krisenmodus
 

Nach Recherchen mehrerer Redaktionen soll der Drahtzieher des Anschlags ein ehemaliger ukrainischer Geheimdienstoffizier sein. Der damalige ukrainische Armeechef soll die Mission abgesegnet haben. Beide bestreiten die Vorwürfe. Ob der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj von den Anschlagsplänen wusste, ist unklar.

Den Angeklagten Serhii K. erwischten die Ermittler übrigens, als er mit seiner Familie gerade Italien-Urlaub im Ferienparadies Rimini machte. Den zweiten Beschuldigten nahmen Polizisten in Kroatien fest. Vladimir Z. war dorthin offenbar gereist, um als Berater bei einem Hollywood-Film über den Anschlag auf die Pipeline mitzuwirken. Nicht alles spricht also dafür, dass die Täter Profis waren.