Nach dem Beitragsstabilisierungsgesetz müssen Arztpraxen mit weniger Geld auskommen. Im Interview warnt Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, davor, dass Patienten in Einzelfällen keinen Termin bekommen könnten – und erklärt, was sich aus seiner Sicht im Gesundheitssystem ändern muss.

Herr Reinhardt, Privatpatienten bekommen häufig schneller einen Facharzttermin als gesetzlich Versicherte. Verstehen Sie den Frust eines Kassenpatienten, der wochenlang auf einen Termin wartet, während der Privatpatient neben ihm früher drankommt?

Klaus Reinhardt: Wenn man tatsächlich länger warten muss, verstehe ich den Frust. Allerdings gilt das nicht überall. In Haus- und Kinderarztpraxen gibt es kaum Unterschiede. Bei uns in der Praxis bekommt jeder Mensch mit Beschwerden unabhängig vom Versicherungsstatus noch am selben Tag einen Termin. Bei Fachärzten sieht es teilweise anders aus. Das hat auch mit dem Vergütungssystem zu tun.

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Was ist das Problem bei der Vergütung?

Wenn ein Fall pauschal vergütet wird, unabhängig vom tatsächlichen Aufwand, braucht eine Praxis eine Mischkalkulation. Ein älterer Mensch mit vier chronischen Erkrankungen und elf Medikamenten macht erheblich mehr Arbeit als jemand mit einem harmlosen Infekt. Für beide gibt es aber zunächst dieselbe Pauschale. Noch gravierender: Für Fachärzte greift ab einer gewissen Zahl von Patienten eine Budgetierung, also eine Deckelung der Vergütung. Der Aufwand für Personal und Behandlungskosten ist da, wird aber nicht mehr vergütet.

Was muss sich ändern?

Wir bezahlen Fälle – und dann bekommen wir Fälle. Wir brauchen stattdessen ein Honorarsystem, das eine koordinierte, ganzheitliche Versorgung mit sinnvoller Patientensteuerung fördert.

Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz ist beschlossen. Was wird ein Patient davon im kommenden Jahr in der Arztpraxis merken?

Die mit diesem Gesetz verbundenen Einschnitte werden für alle Beteiligten spürbar sein. Ärzte haben den Anspruch, für kranke Menschen da zu sein. Das wird unter den neuen Bedingungen schwieriger werden. Es entstehen zusätzliche Belastungen für die Praxen. Wenn Mittel für Personal und offene Sprechstunden wegfallen, wird es schwieriger, Termine vorzuhalten. 

Die KBV rechnet damit, dass 2027 rund 46 Millionen bisher erbrachte Behandlungsfälle nicht mehr finanziert werden. Werden Ärzte Patienten abweisen müssen?

Ärzte werden stärker hinschauen müssen, wer die Versorgung im Krankheitsfall vordringlich benötigt. Jenseits dessen führt ein System, in dem Behandlungsfälle in dieser Dimension nicht mehr bezahlt werden, zu Einschränkungen. Das fängt bei Leistungen an, die nicht unmittelbar zur medizinischen Versorgung gehören – etwa Unterstützung bei Anträgen für eine Schwerbehinderung, Pflegeleistungen oder Hilfsmittel. Besonders schwierig finde ich, dass die geplanten Sparmaßnahmen auch Leistungen der Krankheitsvorbeugung und Früherkennung betreffen.

Sie setzen auf eine stärkere Primärversorgung. Könnte das die Wartezeiten tatsächlich verkürzen?

Davon bin ich fest überzeugt. Wir haben 9,7 Arzt-Patienten-Kontakte pro Jahr und liegen damit europaweit ganz weit oben. Gleichzeitig haben wir rund 220 stationäre Fälle je 1000 Einwohner – eine der höchsten Krankenhausbehandlungszahlen weltweit. Das sind auch Folgen unseres völlig ungeregelten Zugangs zu Gesundheitsleistungen.

Was läuft falsch?

Medizin ist heute so komplex und arbeitsteilig, dass Patienten häufig gar nicht beurteilen können, wo sie mit ihren Beschwerden am besten aufgehoben sind. Es geht bei der Primärversorgung nicht darum, Arztbesuche zu verhindern. Es geht darum, Menschen zum richtigen Zeitpunkt an die richtige Stelle zu bringen und unnötige Kontakte zu vermeiden.

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Wie könnte das aussehen?

Die Menschen müssen erleben, dass es am besten für sie läuft, wenn sie zuerst in die Hausarztpraxis gehen und im Bedarfsfall von dort aus eine Weiterleitung organisiert wird. Außerhalb der Öffnungszeiten der Praxen muss der Erstkontakt über die einheitliche Telefonnummer 116117 organisiert werden. Wer sich dem entzieht, muss erleben, dass es einen Malus für ihn gibt.

Wie hoch könnte so ein Malus sein?

Es geht nicht zuerst ums Geld. Wer sich nicht an sinnvolle Spielregeln hält, sollte erleben, dass er im Zweifel länger wartet als jemand, der genauso krank ist, aber die Spielregeln eingehalten hat. Am Ende kann auch die Frage nach finanziellen Mechanismen stehen. Voraussetzung ist aber immer, dass die angebotenen Strukturen funktionieren und einen niedrigschwelligen, qualifizierten Zugang ermöglichen.

Was muss Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) dafür in das geplante Primärversorgungsgesetz schreiben?

Es braucht ein pragmatisches System, das Hausärzte, Fachärzte und Kliniken miteinander verbindet und unnötige Bürokratie vermeidet. Dazu gehören auch Ersteinschätzungen, die digital oder telemedizinisch unterstützt werden können. Wichtig ist aber, dass Ersteinschätzungssysteme nicht den unmittelbaren Zugang der Menschen zu ihrer Hausärztin beziehungsweise ihrem Hausarzt erschweren.

Auf dem Land ist die Versorgung besonders schwierig. Die AfD macht den Ärztemangel auch in Sachsen-Anhalt zum Wahlkampfthema. Trifft sie damit einen realen Frust der Menschen?

Es ist tatsächlich in manchen Regionen schwieriger geworden, einen Arzt zu finden. Gleichzeitig gibt es dort häufig Ärzte, die weit über ihre Belastungsgrenze hinaus arbeiten und bei den Menschen sehr beliebt sind. Ärzte und Patienten in diesen Regionen haben sinnvolle und realistische Lösungsansätze verdient. Verunsicherung und politische Instrumentalisierung machen es nicht besser, sondern schlimmer, egal aus welcher politischen Richtung sie kommen.

Deutschland ist gleichzeitig zunehmend auf ausländische Ärzte angewiesen. Wie abhängig sind wir?

In bestimmten Strukturen sehr. In Krankenhäusern, in Rehabilitationskliniken aber auch in der ambulanten Versorgung, gerade im ländlichen Raum, arbeiten viele ausländische Kolleginnen und Kollegen. Sie werden dringend gebraucht. Es gibt auch viele hoch qualifizierte ausländische Ärztinnen und Ärzte in Spitzenpositionen. Als globale Wissenschaft verbindet die Medizin Fachleute auf der ganzen Welt. Es ist gut, wenn wir über Grenzen hinweg voneinander profitieren.

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Die AfD sagt: Medizinstudenten statt Importärzte. Kann Deutschland seinen Ärztemangel aus eigener Kraft lösen?

Von solchen plakativen Zuspitzungen halte ich nichts. Wir brauchen ausreichend Studienplätze, und wir sollten auch Ärztinnen und Ärzten aus dem Ausland die Möglichkeit geben, in Deutschland tätig zu werden. Ebenso wichtig ist es, Strukturen zu schaffen, die es uns ermöglichen, in einer älter werdenden Gesellschaft mit begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen eine Patientenversorgung auf hohem Niveau zu sichern. Dabei werden wir den neuen Gesundheitsminister unterstützen.

Gleichzeitig arbeiten Tausende ausgebildete Ärzte außerhalb der unmittelbaren Patientenversorgung, zum Beispiel in der Pharmawirtschaft oder bei Behörden. Können wir uns das noch leisten?

Diese Menschen werden dort offensichtlich gebraucht. Sonst gäbe es diese Arbeitsplätze und Arbeitgeber nicht. Wir müssen uns aber fragen, warum manche nach dem Studium nicht kurativ tätig sein wollen. Ein Teil ist sicherlich frustriert von den Arbeitsbedingungen in Kliniken und Praxen.

Was würde Ärzte zurück in die Versorgung bringen?

Eine wesentliche Antwort ist Entbürokratisierung. In den Krankenhäusern sind Ärztinnen und Ärzte durchschnittlich drei bis vier Stunden täglich mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt. In den Praxen werden jährlich über 50 Millionen Arbeitsstunden für Bürokratie aufgewendet. Wir haben dem Bundesgesundheitsministerium zahlreiche konkrete Vorschläge für den Bürokratieabbau unterbreitet und drängen auf ein umfassendes Bürokratieentlastungsgesetz für das Gesundheitswesen. Am Ende muss mehr Zeit für Patienten bleiben.

Müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass ein guter Arzt 50 oder 60 Stunden pro Woche arbeitet?

Definitiv. Das ist auch kein Zeichen für einen guten Arzt. Die jüngere Generation sagt zu Recht: Ab einem bestimmten Punkt bin ich nicht mehr nur Arzt, sondern auch Privatmensch. Ich muss auf mich achten und ausreichend Ruhephasen haben, damit ich wieder leistungsfähig bin. Das steht inzwischen sogar im Genfer Gelöbnis des Weltärztebundes.

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AOK-Chefin Carola Reimann hat den Ärzten vorgeworfen, die elektronische Patientenakte (ePA) auszubremsen. Hat sie damit recht?

Nein. Die Ärzteschaft bremst die ePA nicht aus. Sie ist allerdings sehr holprig eingeführt worden. Noch immer ist sie im Wesentlichen eine Ansammlung von Dokumenten, häufig PDFs. Künftige Versionen sollen stärker in Richtung strukturierter Daten gehen und eine Volltextsuche ermöglichen. Das wird die Anwendung verbessern.

Was muss noch passieren, damit die ePA im Praxisalltag wirklich hilft?

Sie muss nutzerorientiert und praxistauglich sein. Ein echter Meilenstein für die Patientensicherheit ist die elektronische Medikationsliste in der ePA. Es ist ein wirklicher Fortschritt, dass sie demnächst durch den elektronischen Medikationsplan ergänzt wird und Ärzte in der ePA eine verlässliche Gesamtübersicht über die aktuelle Medikation der Patienten erhalten. Deshalb ist allerdings auch die zügige Einführung des elektronischen Betäubungsmittelrezepts wichtig. Wir brauchen diese Daten zwingend, um potenziell lebensgefährliche Wechselwirkungen im Alltag auszuschließen.

Was fehlt aus Ihrer Sicht noch, damit diese Informationen im Praxisalltag tatsächlich sinnvoll zusammenlaufen?

Zugleich müssen die weiteren Schritte des geplanten Digitalgesetzes – wie die eÜberweisung – nahtlos ineinandergreifen, um den Datenaustausch zwischen Haus- und Fachärzten im Rahmen des geplanten Primärversorgungssystems zu standardisieren. All das funktioniert aber nur unter einer Bedingung: Die Telematikinfrastruktur muss absolut stabil laufen. Jeder Ausfall stört die Abläufe in den Praxen. Umständliche Menüs und zu viele Klicks kosten wertvolle Behandlungszeit. Nicht zuletzt muss auch die Pflege der Akte durch Ärztinnen und Ärzte angemessen honoriert werden. Die Krankenkassen sollten offensiv über die ePA und den Umgang mit ihr informieren, damit auch die Patientinnen und Patienten sie stärker nutzen und sie im Versorgungsalltag ein selbstverständliches Werkzeug wird.

Die Koalition will strengere Regeln bei der Krankschreibung. Ist die Arztpraxis der richtige Ort, um ein arbeitsmarktpolitisches Problem zu lösen?

Nein. Die Arbeitsmoral der Deutschen wird nicht in den Arztpraxen entschieden.

Was wäre ein sinnvollerer Ansatz, wenn die Politik den Krankenstand tatsächlich senken will?

Natürlich kann man über die Rahmenbedingungen sprechen – etwa Karenztage. Der Krankenstand hängt aber auch stark vom Betriebsklima, von Wertschätzung, Arbeitsbedingungen und der Möglichkeit zur Mitgestaltung ab. Eine AU am ersten Tag wird daran nichts ändern.

Zur Person

Klaus Reinhardt ist seit 2019 Präsident der Bundesärztekammer. Der 66-jährige Facharzt für Allgemeinmedizin arbeitet weiterhin als niedergelassener Hausarzt in Bielefeld. Medizin studierte Reinhardt in Padua, Italien, wo er 1990 sein Staatsexamen machte. Auch sein jüngster Sohn ist Arzt und befindet sich in der Weiterbildung zum Facharzt für Gastroenterologie.

Und wie sollte die AU ab dem ersten Krankheitstag ausgestaltet werden?

Wenn die Politik an diesem Plan unbedingt festhalten will, sollte jedenfalls eine telefonische Krankschreibung bei Patienten, die in der Arztpraxis bekannt sind, möglich bleiben. Die telefonische Krankschreibung macht nur rund 1,2 Prozent aller AU-Tage aus und hält Menschen mit harmlosen Infekten aus den Praxen heraus. Gerade deshalb sollte sie bleiben. Auch Videosprechstunden können dabei helfen. Wir nutzen sie schon heute, gerade bei Patienten, die wir kennen. Einen völlig unbekannten Patienten würde ich dagegen weder telefonisch noch per Video einfach krankschreiben.

Deutschland liegt bei Prävention international weit hinten. Wo liegt das Problem?

Eine Arztpraxis ist durchaus ein Ort der Prävention, etwa bei Früherkennung, Risikobewertung und der Unterstützung der Patienten bei Lebensstilveränderungen. Aber wenn jemand mit 35 Jahren Diabetes und einen BMI von 35 hat, gelingt eine grundlegende Lebensstiländerung in der normalen kurativen Versorgung nur selten. Wir brauchen deshalb einen viel breiteren Ansatz, der das gesamte Lebensumfeld einbezieht. Wir müssen bessere Ernährung, mehr Bewegung und mehr Gesundheitskompetenz umfassend fördern.

Reicht es, etwa Zucker oder Tabak stärker zu besteuern?

Allein reicht das nicht, aber das sind wichtige und überfällige Maßnahmen als Teil eines Gesamtkonzeptes. Zu einer umfassenden Präventionsstrategie gehört eben auch die Steuerpolitik.

Schon jetzt ist absehbar, dass durch Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung bei Kindern und Jugendlichen eine riesige Welle von Diabetikern auf uns zurollt.

Klaus Reinhardt
Ärztepräsident Klaus Reinhardt

Was sollte mit den zusätzlichen Einnahmen passieren?

Wichtig ist natürlich, die Einnahmen daraus auch für Public-Health-Maßnahmen einzusetzen. Mit diesen Public-Health-Maßnahmen müssen wir im Kampf gegen die großen Volkskrankheiten wie Diabetes früh ansetzen. Schon jetzt ist absehbar, dass durch Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung bei Kindern und Jugendlichen eine riesige Welle von Diabetikern auf uns zurollt. Wir müssen Prävention endlich als Investition in die Gesundheit verstehen, die sich in mehrfacher Hinsicht auszahlen wird.

Und der Schlaf? Sollte der Hausarzt danach genauso selbstverständlich fragen wie nach Rauchen oder Alkohol?

Ein vernünftiges Anamnesegespräch umfasst auch die Frage nach dem Schlaf. Schlafhygiene, regelmäßige Schlafzeiten und die Frage nach psychischer Belastung gehören dazu. Die Schlafmedizin selbst ist inzwischen sehr gut entwickelt.

Sie kennen das Gesundheitssystem seit Jahrzehnten. Was ist der größte Unsinn, an den wir uns inzwischen gewöhnt haben?

Die völlig ungeregelte Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen. Wenn Menschen nachts um 3 Uhr mit einer Bagatellerkrankung in einer Klinikambulanz auftauchen, obwohl sie problemlos auch am nächsten Tag in eine Praxis hätten gehen können, gehört das für mich zu den unsinnigsten Entwicklungen.

Wenn Sie heute noch einmal 25 wären: Würden Sie wieder Arzt werden wollen?

Auf jeden Fall. Ich gehe immer noch montags in die Praxis, trotz vieler berufspolitischer Verpflichtungen. Das sind Stunden, die ich sehr genieße. Ich habe mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten zu tun. Manche vertrauen sich mir seit Jahrzehnten an. Wenn es gelingt, einem Menschen aus einer schwierigen Situation herauszuhelfen, ist das zutiefst erfüllend und es wird einem mit besonderer Wertschätzung gedankt. Das war meine Motivation, Arzt zu werden – und die ist bis heute da.