Den Moment, den sie später mit Superlativen überschütten, den sie mit „historisch“ und „unglaublich“ verzieren werden – diesen Augenblick drohen Ulrich Siegmund, Alice Weidel und Tino Chrupalla fast zu verpassen. Die drei AfD-Größen laufen durch den dunklen Gang der Messehalle 2 in Magdeburg, links und rechts hinter hochgezogenen Wänden schimmern die Lichter der TV-Studios durch. Gleich müssen sie vor Kameras und Mikrofonen Dutzende Interviews führen. Jetzt aber ist noch alles ungewiss, alles leise.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Es ist 18 Uhr, nur noch wenige Sekunden, dann leuchten die ersten Ergebnisse der Wahl in Sachsen-Anhalt auf. Siegmund, Weidel und Chrupalla suchen schnell einen Fernsehbildschirm. Um sie herum etliche Fotografen, auch einer von unserer Redaktion.

Der blaue Balken der AfD wandert auf den TV-Grafiken bis weit über die 40 Prozent. Der Jubel der drei bricht mit der Stille in der Messehalle. Sie umarmen sich, lachen. Sie zeigen sich geschlossen, als Team. Dieses Bild wollen sie demonstrieren: „Wir, die AfD, stehen zusammen.“ Es ist ja auch einfach, in einem Moment des totalen Siegeszugs.

Ulrich Siegmund erzielt Rekord. Aber kann er auch regieren?

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Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, holt einen Rekordwert, selbst für eine ohnehin starke AfD im Osten. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik könnte eine rechtsradikale Partei eine Landesregierung anführen. Ulrich Siegmund, das erkennen auch seine Gegner in CDU oder SPD an, ist der Mann der Stunde.

Wahl in Sachsen-Anhalt
Der Moment des Sieges: Alice Weidel, Ulrich Siegmund und Tino Chrupalla feiern in der Messehalle in Magdeburg (v. l.). © imago

Hätte es noch besser laufen können? Viele AfD-Politiker sagen an diesem Tag zu dieser Frage: „Mir fällt nichts ein.“ Alice Weidel, neben Tino Chrupalla Bundesvorsitzende der AfD, nennt Siegmund an diesem Abend „ein Geschenk des Himmels“. Er solle nun eine Regierung in Magdeburg führen, die erste AfD-Machtbasis Deutschlands. „Ich bin so stolz auf euch“, ruft sie den AfD-Anhängern später auf der Bühne der Wahlparty entgegen.

„Von hier weiter“: Die AfD-Spitze ist berauscht vom Wahlsieg in Sachsen-Anhalt

Siegmund und Weidel haben an dem Wahlabend eine Losung ausgegeben: Das, was in Sachsen-Anhalt begonnen habe, soll nur der Anfang sein. „Von hier geht es weiter“, heißt es in einem Wahlkampfsong der Partei. Und AfD-Chef Chrupalla verspricht es von der Bühne: Die AfD werde bald im Bund regieren. Ulrich Siegmund löst Kanzler-Euphorie in der Rechtsaußen-Partei aus.

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Doch je größer die Lobeshymnen, je weiter der blaue AfD-Balken auf den Monitoren an diesem Abend steigt, wächst auch eine andere Frage: Wie stark ist der neue starke Mann in der AfD? Der „Spiegel“ nannte Ulrich Siegmund den „gefährlichsten Mann Deutschlands“ – aber wird er am Ende sogar Parteichefin Weidel gefährlich?

Führungsrolle von Siegmund? Für Alice Weidel „vorstellbar“

Am Vormittag nach dem Wahlsieg ist Ulrich Siegmund dort, wo ihn manche in der AfD bald gern öfter sehen: in Berlin. In der Hauptstadt, in der Bundespolitik. Hier in der Bundespressekonferenz sitzt Siegmund Seite an Seite mit Weidel und Chrupalla. Wieder Lob von Weidel. Wieder Angriff mit Turbolader aus dem Magdeburger Wahlabend. „Wir nehmen den Regierungsauftrag ernst. Nicht nur in Sachsen-Anhalt“, sagt Weidel. CDU und CSU würden „nie mehr wieder eine Bundestagswahl“ gewinnen.

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Siegmund sitzt erst zurückgelehnt im Stuhl auf dem Podium, wirkt orientierungslos und selbstbewusst zugleich. Und er zeigt sich loyal gegenüber Weidel. Er brauche eine Bundeskanzlerin Alice Weidel in Berlin, „damit wir hier Seite an Seite Geschichte schreiben, damit auch die völlig verrückten und irren politischen Entscheidungen hier in Berlin endlich rückabgewickelt werden“, sagt Siegmund. Weidel lächelt verzückt, tuschelt und scherzt mit Chrupalla. Der Siegmund-Sog trägt auch sie nach vorne.

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Fest steht aber auch: Alice Weidel hat jetzt eine Konkurrenz. Sie ist nicht mehr die alleinige Ikone der Rechten. Sie selbst sagt im Gespräch mit unserer Redaktion: „Mein Ziel als Bundessprecherin der AfD ist immer gewesen, verschiedene Führungspersonen in der Partei aufzubauen. Und Ulrich Siegmund gehört sicherlich dazu.“ Und dann: „Dass ich mir für Ulrich Siegmund langfristig und nach getaner Arbeit vor Ort in Sachsen-Anhalt auch eine Führungsrolle im Bund vorstellen kann, ist völlig klar.“

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Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt - AfD
Jetzt gemeinsam auf der Bühne, bald parteiinterne Konkurrenz: Chrupalla, Siegmund und Weidel (v. l.) in der Bundespressekonferenz. © Bernd von Jutrczenka/dpa | Bernd von Jutrczenka

Der Nahbare, der Heimattreue – es ist ja auch dieses Bild, das Siegmund inszeniert

„Langfristig“ und „nach getaner Arbeit“, hebt Weidel hervor. Der Druck der Bundesspitze ist groß: Siegmund soll sich auf Sachsen-Anhalt konzentrieren, auf jeden Fall regieren. Die AfD will ihre Chance nutzen, nachdem sie in 13 Jahren Parteigeschichte nur in der Opposition gelandet ist. Noch ist unklar, ob Ulrich Siegmund eine Regierungsbildung gelingt. Er braucht die CDU – oder Wagenknechts BSW.

Ein AfD-Funktionär sagt an diesem Abend: „Landet die AfD in Sachsen-Anhalt doch wieder in der Opposition, sehen wir Ulrich Siegmund schnell in der Bundespolitik.“ Nach einem solchen Triumph gebe man sich nicht mehr mit dem Fraktionschef eines kleinen Landesverbandes ab.

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Es gibt aber auch andere Stimmen in der Partei. Siegmund sei in Sachsen-Anhalt verwurzelt, zeige keine Interessen, nach Berlin zu wechseln, habe in Magdeburg seine politische und in Tangermünde seine private Heimat.

Der Nahbare, der Heimattreue – es ist ja auch dieses Bild, das Ulrich Siegmund und sein Team an Streamern im Wahlkampf bis zum Klischee choreografieren. Mit Erfolg. Siegmund war auf Dorffesten, knatterte mit der DDR-Simson über ostdeutsche Landstraßen, grillte, knuddelte, umarmte, klatschte ein, wo und wen er traf. Man kann auch sagen: Er perfektioniert all das, was Alice Weidel nicht kann. Nicht will. Einen langen Wahlkampf-Sommer trat die AfD-Chefin nur zweimal vor Ort in Sachsen-Anhalt auf.

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Warum eskaliert unser Gespräch, Herr Tillschneider? (Abbruch nach knapp 50 Minuten)
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Siegmund perfektioniert das, was Weidel nicht kann. Nicht will

Denn in der AfD gibt es längst prominente Mitglieder, die sich an der mauen Präsenz ihrer Chefin in den Wahlkämpfen ärgern. Alice Weidel scheut Auftritte auf Marktplätzen oder Stadtfesten. Auch aus Sicherheitsgründen, überall begleitet sie ein Tross Personenschützer. Aber eine Partei, die „das Volk“ sein will, muss sich eben dort zeigen.

Und noch etwas hat Ulrich Siegmund in diesem Wahlkampf aus Sicht der AfD vorbildhaft demonstriert: Er verkörperte das lächelnde Gesicht einer radikalen Partei. Er strahlte Optimismus aus. Das ist neu bei der AfD, deren Politiker vor allem mit Regierungsschelte, Hetze und Ressentiments auffallen. Siegmund setzte auf positive Bilder, verspricht eine „Vision 2026“.

Und: Siegmunds Reden und Interviews lebten von Emotionen, nicht von Inhalten. „Geschichte schreiben“ und „die Zukunft zurückholen“ – das will er. Nur wie? Das sagt er selten öffentlich. Bloß keine Angriffsfläche liefern. Keinen Kratzer in die Gute-Laune-Show bringen. Kritiker der AfD nennen das die „Strategie der Verharmlosung“.

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„Nie wieder ist jetzt!“: Zahlreiche Menschen demonstrieren in Magdeburg am Tag vor der Wahl gegen den wachsenden Rechtsextremismus.
„Nie wieder ist jetzt!“: Zahlreiche Menschen demonstrieren in Magdeburg am Tag vor der Wahl gegen den wachsenden Rechtsextremismus. © AFP | JOHN MACDOUGALL

Dieses Ziel verfolgt auch Alice Weidel. Bundesweit aber ging diese Strategie nur bedingt auf. Immer wieder werden Verbindungen der AfD in die extrem rechte Szene bekannt. Grabenkämpfe zwischen Radikalen und etwas weniger Radikalen zermürben einzelne Landesverbände. Extremist Björn Höcke spielt seinen Einfluss aus Thüringen in der Bundespartei aus. Die Folge: Die AfD proklamiert gern den „Volkswillen“, erreicht hohe Zustimmung auch in Westdeutschland, erreicht aber eben gerade laut Umfragen keine Mehrheitsmeinung. Im Gegenteil: Viele lehnen die AfD ab, gerade aufgrund der Radikalität.

Bringt Siegmund nun das richtige Rezept mit? Funktioniert seine „Vision 2026“ auch für den Bund? Manche Funktionäre in der AfD sagen, dass das „Phänomen Siegmund“ in Sachsen-Anhalt passe – aber nicht in Hessen oder Niedersachsen. Manche Forderungen seien zu „krass“, sagt einer, hätten lieber nicht ins Wahlprogramm gehört.

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Extreme Rechte prägen das Umfeld von Ulrich Siegmung

Dass Siegmunds AfD „kulturfremde Fachkräfte“ in der Medizin ablehnt. Dass sie „weniger Hitler“ und „mehr Bismarck“ im Geschichtsunterricht fordert und die Schulpflicht am besten abschaffen will. Im Wahlkampf ging der AfD-Schatzmeister einen Jungen mit einem Baseballschläger an. Polizisten führten Durchsuchungen bei zwei Landtagskandidaten wegen des Verdachts auf Fortführung der völkischen und verbotenen Vereinigung „Artgemeinschaft“ durch. So viel lächeln konnte Ulrich Siegmund gar nicht, um diese Schlagzeilen zu kaschieren.

Die AfD hat sich auch unter Alice Weidel radikalisiert. Gegen das rassistische Konzept der „Remigration“ als AfD-Programmatik wehrt sie sich nicht mehr, im Gegenteil. Oft gibt Weidel die promovierte Wirtschaftsexpertin, öfter aber ventiliert sie die Wut, gibt die islamfeindliche Populistin. Bundespartei und Landesverband Sachsen-Anhalt ziehen hier an einem Strang. Die Strategie: eine Doppeladressierung, das Lächeln für die politische Mitte, die Remigration für den rechten Rand.

Simsonausfahrt mit Spitzenkandidat AFD Siegmund
Gute-Laune-Wahlkampf und Ostalgie: Ulrich Siegmund knattert auf seiner Simson durch Sachsen-Anhalt.© Matthias Bein/dpa | Matthias Bein

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Muss am Ende ein anderer in der AfD-Spitze weichen?

Alice Weidel galt in der AfD in den vergangenen Jahren und Monaten als unangefochten. Ihre Macht in der Partei wuchs mit den Erfolgen bei den Wahlen. Sie hat sich mit einem Netzwerk an Getreuen und kalkulierter Personalpolitik durchgesetzt in einer Männerpartei, die weder Grabenkämpfe noch Schlammschlachten scheut. Sie, die lesbische Frau mit Familie in der Schweiz, passt wenig zur Programmatik der AfD. Und doch braucht die Partei sie. Das wissen selbst ihre Kritiker.

Nun hört man auch aus dem mächtigen Unterstützernetzwerk um Weidel viel Respekt für Ulrich Siegmunds Wahlkampf, sieht eine Rolle für ihn auch in der Bundespolitik. Welche, das ist allerdings noch offen. 2029 wählt Deutschland den nächsten Bundestag. Dass Alice Weidel noch einmal Kanzlerkandidatin der AfD wird, daran gibt es bisher keine ernsthaften Zweifel in der AfD.

„Bis 2029 ist es noch lange hin“, sagt ein AfD-Mann auf der Party in Sachsen-Anhalt, kurz nachdem Siegmund, Weidel und Chrupalla mit Applaus die Bühne verlassen haben. Alice Weidel, das ist intern längst bekannt, will bis dahin die Doppelspitze der AfD auflösen. Und den Laden allein führen. Chrupalla muss mehr und mehr um seine Führungsrolle in der Partei bangen. Vielleicht ersetzt Wahlsieger Siegmund am Ende nicht Alice Weidel an der Bundesspitze der AfD. Sondern jemand anders.