Der Anruf kam fast 24 Jahre zu spät. Eine Stimme aus dem New Yorker Gerichtsmedizinischen Institut meldete sich bei der Familie von Ryan Fitzgerald. Es gab Neuigkeiten über den 26-Jährigen, der als Devisenhändler im World Trade Center gearbeitet hatte und seit dem Morgen des 11. September 2001 als vermisst galt: Ein winziges Knochenfragment, bereits 2002 geborgen, hatte endlich einen Namen. DNA-Analysen bestätigten: Es gehörte Ryan.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Für seine Schwestern Elizabeth und Caroline Parks war damit nichts vorbei. „Es fühlte sich an, als wäre der 11. September erst gestern gewesen“, sagte Elizabeth später. Die vergangenen 24 Jahre seien so gewesen, „als hätte unser Leben pausiert“. Caroline formulierte es anders: Für ihre Eltern bedeute selbst dieses kleine Fragment, den Sohn „ein Stück weit nach Hause“ zu holen. Ein Vierteljahrhundert nach den Terroranschlägen von al-Qaida kehrt „9/11” damit in einer Körperlichkeit zurück, die keine Gedenkfeier bannen kann.
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Ryan Fitzgerald wurde im August 2025 als 1651. Opfer des World Trade Centers identifiziert. Gleichzeitig bekamen die Überreste von Barbara Keating aus Kalifornien und einer weiteren Frau einen Namen. Keatings Fragmente hatten seit 2001 auf ihre Identifizierung gewartet.
25 Jahre nach 9/11: Eine der verstörendsten Zahlen
Und die Suche geht weiter. Erst am 24. August 2026 gelang New York ein weiterer Durchbruch: Eine bislang unbekannte Frau wurde als 1654. Opfer identifiziert – erstmals bei 9/11 mithilfe forensischer genetischer Genealogie, bei der DNA-Spuren mit genealogischer Recherche verbunden werden. Noch immer bleiben damit rund 1100 der 2753 Menschen, die in New York starben, ohne identifizierte sterbliche Überreste. Fast 40 Prozent.
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Das ist eine der verstörendsten Zahlen dieses 25. Jahrestages. Mehr als tausend Familien besitzen bis heute keinen eindeutig zugeordneten Teil eines Körpers, den sie beisetzen könnten.
Die Ursache liegt in der ungeheuren Gewalt der Einstürze. Stahl, Beton, Glas, Flugzeugteile und menschliche Körper wurden zertrümmert und verbrannt. Hitze, Wasser und Chemikalien griffen genetisches Material an. Viele Fragmente waren für die DNA-Technik des Jahres 2001 schlicht zu klein oder zu stark beschädigt. Insgesamt wurden mehr als 21.000 menschliche Überreste geborgen. Tausende konnten lange niemandem zugeordnet werden.
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Deshalb ist die Identifizierung der Toten bis heute eines der größten forensischen Langzeitprojekte der USA. Angehörige werden weiter um Vergleichsproben gebeten. Alte Knochen- und Gewebefragmente werden immer wieder untersucht, weil Verfahren inzwischen genetische Signale lesen können, an denen Labore vor zehn oder zwanzig Jahren noch scheiterten. „Fast 25 Jahre nach der Katastrophe ist unser Versprechen, die Vermissten zu identifizieren, so stark wie je zuvor“, sagte New Yorks oberster Gerichtsmediziner Jason Graham. Jeder neue Name sei ein Beweis dafür, was Wissenschaft selbst nach Jahrzehnten noch leisten könne.
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Die nicht identifizierten und nicht abgeholten Überreste lagern ausgerechnet dort, wo die Menschen starben: unter dem World-Trade-Center-Komplex, auf dem Felsgrund von Ground Zero, in einem vom Gerichtsmedizinischen Institut kontrollierten Depot. Oben rauschen die Wasserfälle des Memorials in die Grundrisse der Zwillingstürme. Unten wird weiter nach Namen gesucht.

Der Angriff auf New York dauerte 102 Minuten. Um 8.46 Uhr schlug American-Airlines-Flug 11 in den Nordturm ein, um 9.03 Uhr United 175 in den Südturm. Um 9.59 Uhr stürzte der Südturm zusammen, um 10.28 Uhr der Nordturm.
Neue Dokumente zeichnen ein beunruhigendes Bild
Seine medizinische Geschichte dauert 25 Jahre danach weiter an. Mehr als 143.000 Menschen waren Ende März 2026 im staatlichen World Trade Center Health Program registriert. Im August meldete das Programm, dass inzwischen mehr als 100.000 Mitglieder mit anerkannten 9/11-bedingten Erkrankungen leben. Behandelt werden Feuerwehrleute, Polizisten und Helfer ebenso wie Überlebende, Anwohner, Beschäftigte und Menschen, die als Kinder im verseuchten Lower Manhattan lebten. Auch Betroffene der Flugzeugabstürze am Pentagon in Washington und in Shanksville/Pennsylvania werden hier betreut.

Und gerade zum Jahrestag bekommt diese Geschichte eine neue Schärfe. Mehr als 170.000 Seiten bislang nicht öffentlich zugänglicher Akten zeigen, wie problematisch die damaligen Beschwichtigungen zur Luftqualität waren. Noch Monate nach den Anschlägen fanden Behörden Asbest und andere Schadstoffe. Trotzdem versicherte der damalige Bürgermeister Michael Bloomberg im Februar 2002: „Jeder Test sagt, dass die Luftqualität innerhalb akzeptabler Grenzen liegt.“ Die neuen Dokumente zeichnen ein deutlich beunruhigenderes Bild.
Eine zweite Opfergeschichte
Der Staub enthielt pulverisierten Beton, Glasfasern, Metalle, Asbest und Verbrennungsprodukte. Heute gehören chronische Atemwegs- und Verdauungserkrankungen, psychische Traumata und zahlreiche Krebsarten zum anerkannten Krankheitsspektrum.
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So hat der Anschlag längst eine zweite Opfergeschichte hervorgebracht: jene der Menschen, die Ground Zero lebend verließen – und Jahre oder Jahrzehnte später krank wurden.
Vielleicht lässt sich deshalb kaum eindringlicher vermessen, wie wenig der 11. September tatsächlich Vergangenheit ist. Das World Trade Center Health Program wurde vom US-Kongress bis 2090 autorisiert und alimentiert. Der Anschlag dauerte 102 Minuten, seine Nachgeschichte womöglich ein Jahrhundert.











