Angefangen hat alles in Elena Gaidamachas Kindheit. Aufgewachsen mit dem Anbau und Haltbarmachen eigener Lebensmittel, entwickelte sie gemeinsam mit Julius Fritsche die Vision für das Botanica: ein veganes Restaurant in Magdeburg, das zeigt, dass pflanzliche Küche ohne Ersatzprodukte auskommt. Regionale Zutaten, Fermentation, internationale Einflüsse – daraus entstehen, wie sie sagen, „überraschende Geschmackserlebnisse“ und eine Gastronomie, „die Menschen verbindet“. Julius bringt die Haltung dahinter auf den Punkt: „Vorurteile baut man nicht durch Belehrung ab, sondern durch Geschmack.“ Es gehe nicht darum, selbst vegan zu leben, sondern einen Ort zu schaffen, an dem andere diese Küche ausprobieren können.
Lieben Sie gut recherchierte Geschichten, spannende Interviews und Reportagen?
Textchefin Birgitta Stauber sucht sie in ihrem Newsletter „Das Beste am Sonntag“ für Sie aus, eingebettet in ein persönliches Editorial. Kostenlos abonnieren können Sie den Newsletter hier.
Doch jetzt gerät die Mission von Elena und Julius ins Wanken. Die AfD holt bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, laut dem vorläufigen amtlichen Endergebnis, fast 44 Prozent – ein haushoher Sieg. Zwar hat die Partei die absolute Mehrheit verpasst, aber eine Regierung ohne die AfD ist unwahrscheinlich. Für die beiden Gastronomen fühlt es sich an, wie ein „Schlag ins Gesicht“. Schon vor der Wahl hatten die Umfragewerte Elena und Julius mit Sorge erfüllt. Der Hang zu rechtspopulistischen oder extremen Positionen signalisiere eine zunehmende Isolation, sagten sie. Sie befürchteten, dass dadurch „das gesellschaftliche Klima kälter wird und Vielfalt eher als Bedrohung denn als Chance wahrgenommen wird“. Für Unternehmen, die auf internationale Zusammenarbeit, ausländische Mitarbeiter und ein weltoffenes Publikum angewiesen seien, erzeuge das eine große Unsicherheit. Wie es jetzt nach der Wahl weitergeht, ist also ungewiss.
Hintergründe zur Wahl in Sachsen-Anhalt – für Sie recherchiert
Fachkräftemangel und Unsicherheit prägen Magdeburgs Gastronomie
Zu ihrem Standort sagen sie: Sachsen-Anhalt habe eine „unglaublich reiche Landwirtschafts- und Kulturlandschaft“, vor der Haustür wachsen fantastische Produkte, im Süden wird Wein angebaut. Magdeburg sei „eine Stadt im Wandel“ mit „Raum zum Gestalten, tolle Nachbarschaften und Menschen, die echte, ehrliche Konzepte zu schätzen wissen“. Gleichzeitig benennen sie die Härte des Geschäfts: geringere Kaufkraft als in Berlin oder Hamburg, viel Überzeugungsarbeit für Naturweine und pflanzliche Küche, und ein Fachkräftemangel, der tiefer sitzt als anderswo. „Eine große Herausforderung ist bei uns längst nicht nur der reine Fachkräftemangel“, sagen sie, „es ist das Finden von Menschen, die unsere Werte teilen.“ Wenn Bewerberinnen und Bewerber im Gespräch offen sagten, dass sie wegen der politischen Lage keine langfristige Zusage geben könnten, zeige das laut Elena und Julius, „wie tief die Verunsicherung sitzt“.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Schon vor der Wahl hatten Elena und Julius klar benannt, was für sie auf dem Spiel steht. Persönlich gehe es um „unser Heimatgefühl und die Frage, in was für einer Gesellschaft wir leben möchten“. Für Elena, als Frau mit Migrationshintergrund, und für Botaniaca als Team, das Vielfalt lebt, stünden persönliche Sicherheit, Akzeptanz und Zugehörigkeit auf dem Spiel. Unternehmerisch gehe es um die Attraktivität des Standorts für Fachkräfte, Studierende und Investoren – „wenn das Klima ausgrenzend wird, leiden darunter Gastronomie, Handel und die gesamte lokale Wirtschaft.“
Auch interessant
Bürokratie, Fachkräftemangel und fehlende Netzwerke bremsen Gastronomen
In Sachsen-Anhalt sehen Elena und Julius drei „Baustellen“. Erstens: Bürokratie und starre Hürden für Kleinstbetriebe. Ob Förderprogramme, Genehmigungsverfahren oder steuerliche Regelungen – viele Prozesse seien „sehr träge“ und wirkten, „als wären sie für Großkonzerne statt für kleine, inhabergeführte Gastronomie- und Eventkonzepte gemacht“. Der administrative Aufwand nehme Zeit weg, die sie lieber in Kulinarik, Gästebetreuung und kreative Konzepte stecken würden. Zweitens: Fachkräfte und Wertschätzung in der Gastronomie – es bleibe schwierig, qualifiziertes und motiviertes Personal zu finden und zu halten, auch weil das Image der Branche „nach wie vor stark unter alten Mustern leidet“. Drittens: fehlende Netzwerke und Sichtbarkeit für regionale, nachhaltige Ansätze. Sachsen-Anhalt habe fantastische regionale Erzeuger und handwerkliche Betriebe, es fehle aber oft an struktureller Unterstützung, um diese Netzwerke zwischen Landwirtschaft, Handwerk und Gastronomie gezielt zu stärken.
Daraus leiten sie drei Wünsche an die nächste Landesregierung ab: weniger Zettelwirtschaft und schnellere digitale Verwaltungsprozesse, gezielte Förderung von Betrieben, die auf regionale Wertschöpfung, faire Arbeitsbedingungen, Chancengleichheit und Vielfalt setzen, und ein Standort-Marketing, das Sachsen-Anhalt „mutig und attraktiv als Standort für kreative, moderne Dienstleistungs- und Gastronomiekonzepte“ positioniert.

Wunsch nach mehr Weltoffenheit und Investitionen in Sachsen-Anhalt
Ganz persönlich formulieren sie es anders. Da sei ihre größte Baustelle die Planungssicherheit und das gesellschaftliche Klima: „Als Mensch, der hier lebt und arbeitet, wünsche ich mir ein gesellschaftliches Umfeld, das weltoffener, zukunftsgewandter und mutiger ist.“ Manchmal spüre man in der Region „eine gewisse Veränderungsscheu oder Zögerlichkeit“, wenn es darum gehe, neue Wege zu gehen. Ihr persönlicher Wunsch an die nächste Regierung: Investitionen in Bildung, Kultur, moderne Infrastruktur und soziale Gerechtigkeit. Ein „lebendiges, weltoffenes Sachsen-Anhalt“ ziehe Menschen an, halte junge Talente im Land und schaffe ein Umfeld, „in dem man nicht nur gerne arbeitet, sondern von Herzen gerne lebt“.
Dass sie zu diesen Themen nur eingeschränkt vergleichen können, räumen sie auch ein: Sie hätten nie in einem anderen Bundesland gelebt oder ein Unternehmen geführt. Sie könnten also „nur aus unserer ganz eigenen Perspektive sprechen – als Botanica und als Menschen, die hier verwurzelt sind“.
Auch interessant
Wahl in Sachsen-Anhalt: Verunsicherung bei Menschen mit Migrationsgeschichte
Auf die Frage, ob sie Sachsen-Anhalt verlassen würden, sollte die AfD an einer Regierung beteiligt sein, hatten Julius und Elena schon vor der Wahl vorsichtig geantwortet: Magdeburg sei ihre Heimat, sie wollten das Feld nicht kampflos räumen – aber sollte die persönliche Sicherheit oder die wirtschaftliche Existenz ihres Teams akut gefährdet sein, müssten sie eine Standortverlagerung „ernsthaft in Erwägung ziehen“.
Jetzt, nach der Wahl, ist aus der abstrakten Sorge etwas Konkretes geworden. „Es macht uns wütend, zu sehen, dass eine Politik der Ausgrenzung und Hetze in unserer Heimat so viel Zuspruch findet“, sagen Elena und Julius. Enttäuscht seien sie darüber, dass die Ängste von Menschen mit Migrationsgeschichte, von Kleinstbetrieben und von allen, die sich ein offenes Sachsen-Anhalt wünschen, von so vielen Wählerinnen und Wählern offenbar ignoriert wurden. „Wir spüren die Verunsicherung in unserem eigenen Team“, sagen Elena und Julius. „Wir spüren die Frage: Gehören wir hier überhaupt noch hin?“
Ihre Antwort fällt trotzig aus: „Verdammt nochmal, ja.“ Zurückziehen wollen sie sich nicht. Das Botanica solle bleiben, was es immer sein sollte – ein Ort, an dem Toleranz und Weltoffenheit keine leeren Worte sind, sondern täglich gelebt werden. An diesem Morgen richten sich Elena und Julius damit nicht nur an ihre Gäste, sondern an alle, denen es ähnlich geht: „Ihr seid nicht allein. Wir stehen zusammen, wir halten dagegen und wir kochen weiter für das Magdeburg, an das wir glauben.“










