Im „Samowar Hof“, der sich im ersten Stock des Russischen Hauses befindet, ist am Dienstagabend von der großen Politik zunächst nichts zu spüren. Im Restaurant klappern die Löffel gegen die Teller, aus glänzenden Samowaren steigt Dampf auf. Auf den Tischen stehen Pelmeni und Blinis, daneben Schalen mit Borschtsch, dem kräftig roten Rote-Bete-Eintopf.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Das Lokal ist gut besucht. Frauen sitzen beisammen, Familien mit Kindern haben Platz genommen, ein Mann im Anzug arbeitet an seinem Laptop. Manche Gäste blicken auf ihre Handys, andere unterhalten sich laut. Im Foyer des riesigen Gebäudes toben Kinder, die gerade von einem Malworkshop kommen. Es ist ein Abend wie viele andere im Russischen Haus, das mitten in der Friedrichstraße steht.

Russisches Haus / Friedrichstraße
Das Russische Haus ist das weltweit größte ausländische Kulturinstitut Russlands und befindet sich in der Friedrichstraße in Berlin.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Doch nur wenige Kilometer weiter läuft zu diesem Zeitpunkt eine Pressekonferenz, die für eben dieses Haus weitreichende Folgen haben könnte. Außenminister Johann Wadephul (CDU) und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) treten am Dienstagabend vor die Kameras und verkünden, dass die Bundesregierung Russland für den versuchten Anschlag mit einer Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig/Halle am 4. August verantwortlich macht.

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Russisches Haus in Berlin: Mitarbeiter machen sich Sorgen um Jobs

Nach Angaben Dobrindts sprechen polizeiliche Ermittlungen, Tatmuster und nachrichtendienstliche Erkenntnisse für eine russische Verantwortung. Die Bundesregierung kündigt Konsequenzen an: Das russische Generalkonsulat in Bonn soll zum 18. September schließen. Die Einreisekontrollen für russische Staatsangehörige sollen verschärft werden, Deutschland will weitere EU-Sanktionen gegen russische Verantwortliche durchsetzen – und den Vertrag über das besagte Russische Haus in Berlin kündigen.

Russisches Haus
Das Russische Haus beherbergt auch ein Restaurant, in dem russische Spezialitäten angeboten werden.© Privat | Privat

Im Russischen Haus selbst deutet zunächst nichts darauf hin, dass diese Nachricht bereits angekommen ist. Dann beginnen die ersten Gäste zu tuscheln. „Hast du schon gehört, die wollen es nun wirklich dicht machen“, raunt es auf Russisch von einem Tisch. Eine Mitarbeiterin des Restaurants, die nicht namentlich genannt werden möchte, schüttelt den Kopf. „Wann hört es endlich auf?“, fragt sie genervt. Dass die Bundesregierung nun tatsächlich Ernst machen wolle, könne sie nicht verstehen.

Gerüchte über eine mögliche Schließung habe es zwar schon häufiger gegeben, sagt die Frau. „Aber das überrascht mich jetzt wirklich.“ Vor allem um ihre berufliche Zukunft mache sie sich Sorgen. „Ich arbeite gerne hier. Ich weiß nicht, ob und wann ich dann den Job hier los bin.“

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Unmut über Entscheidung: „Wir fühlen uns langsam echt diskriminiert“

Auch im Erdgeschoss des Gebäudes verbreitet sich die Nachricht schnell. Neben der Bibliothek sitzen mehrere junge Frauen und unterhalten sich auf Russisch. „Die können es doch nicht wirklich zumachen, oder?“, fragt eine blonde Frau. Die andere zuckt nur mit den Schultern und tippt weiter auf ihrem Handy. „Warten wir es ab“, sagt sie kühl.

Wenige Meter weiter verabschieden sich gerade Eltern mit ihren Kindern von den Mitarbeitern des Hauses. Eine junge Mutter, die namentlich nicht genannt werden möchte, äußert ihren Unmut. „Wir fühlen uns langsam echt diskriminiert. Wenn das Russische Haus geschlossen wird, dann ist es eine Schande“, sagt sie und verschwindet schnellen Schrittes mit ihrer Tochter an der Hand aus der Tür.

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BSW setzt sich gegen Schließung vom russischen Kulturzentrum ein

Nur wenige Minuten nachdem Wadephul und Dobrindt ihre Pressekonferenz beendet haben, verteilen zwei Männer im Foyer des Gebäudes bunte Flyer. „Deine Unterschrift gegen kulturelle Barbarei: Russisches Haus erhalten“, steht darauf. Geworben wird für eine Petition des BSW-Landesverbands Berlin. Bis zum Dienstagabend haben nach Angaben der Initiatoren bereits rund 7000 Menschen unterschrieben.

Flyer
Nur wenige Minuten nachdem Wadephul und Dobrindt ihre Pressekonferenz beendet haben, verteilen Besucher im Foyer des Russischen Hauses dieses Flyer.© Privat | Privat

„Wir müssen für unser Haus kämpfen“, sagt Constantin Pivovarov, der nach eigenen Angaben bereits mehrere Kulturveranstaltungen im Russischen Haus organisiert hat. Er wirbt auch für eine Demonstration, die am kommenden Freitag in der Friedrichstraße stattfinden soll. „Wir hoffen, dass viele Menschen kommen und sich gemeinsam mit uns für das Russische Haus einsetzen“, sagt er.

Von Zustimmung zu den Vorwürfen der Bundesregierung ist an diesem Abend im Russischen Haus nichts zu spüren. Keiner der Gesprächspartner teilt die Ansicht der Bundesregierung, Russland stecke hinter dem Drohnenvorfall in Leipzig. Ein älterer Besucher reagiert empört: „Wo sind denn die Beweise, von der die Regierung in Deutschland immer so gerne spricht?“, fragt er. Die Vorwürfe von Dobrindt und Wadephul hält er für haarsträubend.

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Ist das russische Haus nur Tarnung für Spione?

Das Russische Haus ist seit Jahren umstritten. Der sieben Stockwerke hohe Betonklotz steht seit 1984 in der Friedrichstraße. Damals war er das größte sowjetische Auslandskulturinstitut. Betrieben wird es von Rossotrudnitschestwo, der staatlichen Agentur für kulturelle Zusammenarbeit. Sie untersteht dem Außenministerium in Moskau. In dem Gebäude gibt es Ausstellungsräume, Konzertsaal, Kino, Buchladen und eine Filiale der russischen Post. Das Programm umfasst Weltkriegsgedenken, Filmvorführungen oder Kurse für Russisch, Ballett und Zeichnen.

Das Russische Haus in Berlin
Das Russische Haus steht seit Jahren wegen Spionageverdachts, Kreml-Propaganda und verdeckter Geheimdienstaktivitäten in starker Kritik.© Privat | Privat

In einer Einschätzung des französischen Innenministeriums hieß es allerdings unlängst, das Haus werde von russischen Geheimdiensten zur Tarnung genutzt. Ähnliche Vorwürfe hatte es auch schon in der Vergangenheit gegeben. Mehrere Politiker forderten die Schließung des Kulturzentrums, das selbst entgegnete, es sei „eine ausschließlich kulturelle Einrichtung“.

Wann das Russische Haus tatsächlich schließen muss, ist noch nicht bekannt. Denn eine Kündigung des Vertrags beendet nicht unmittelbar den Betrieb. Das Abkommen, das die Tätigkeit des Russischen Hauses regelt, stammt aus dem Jahr 2011 und kann alle fünf Jahre einseitig gekündigt werden. Nach offiziellen Angaben wäre der nächstmögliche Kündigungstermin am 7. Juni 2027.