Mindestens einmal im Monat gehe ich zum Russischen Haus in Berlin. Es ist ein Satz, den man heute erklären muss. Denn die größte russische Kultureinrichtung im Ausland steht seit dem Überfall auf die Ukraine zu Recht in der Kritik: Sie wird vom russischen Staat betrieben und ist wegen ihrer Nähe zur Kreml-Propaganda umstritten. Auch ich halte diese Kritik für berechtigt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Und trotzdem gehe ich hin, weil es dort etwas gibt, was deutschlandweit einmalig ist: Mnogoknig. Eine russischsprachige Buchhandlung. Ihr Name bedeutet übersetzt „viele Bücher“ und sie gehört zu einer russischen Buchhandelskette mit Sitz in Lettland. Im Russischen Haus wurde sie 2023 eröffnet. Der Buchladen richtet sich an die russischsprachige Diaspora in Deutschland – und deren Größe ist beachtlich. Allein in Berlin leben Schätzungen zufolge rund 300.000 Menschen, deren Muttersprache Russisch ist. Dennoch gab es in der Hauptstadt jahrzehntelang keine richtige russische Buchhandlung.

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Russische Buchhandlung: Auch die Biografie von Nawalny steht im Regal

Russisch ist meine Muttersprache, trotzdem betrete ich diese Buchhandlung jedes Mal mit einem gemischten Gefühl. Einerseits ist da das Wissen um den Ort, an dem ich mich befinde. Andererseits ist da die Freude über etwas, das in Berlin lange gefehlt hat: ein Raum, in dem russische Literatur und Kultur selbstverständlich präsent sind.

Und das Sortiment ist beeindruckend. Da stehen unzählige Bände von Tolstoi, Bulgakow, Puschkin und Dostojewski. Es gibt Krimis, Ratgeber, Kunstbände und Kinderbücher. Gleichzeitig stehen dort Bücher, die sich kritisch mit der russischen Staatsführung auseinandersetzen: Anne Applebaums „Der Gulag“ etwa oder die Autobiografie des ermordeten russischen Oppositionellen Alexej Nawalny kann man ebenfalls finden.

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Alina Juravel ist Redakteurin im Ressort Leben der FUNKE-Tageszeitungen.

Doch die Widersprüche sind unübersehbar. Eine Zeit lang stand in einem Regal eine ganze Reihe von Büchern des Schriftstellers Sachar Prilepin, einem Unterstützer des russischen Kriegs gegen die Ukraine. Die EU setzte ihn 2022 auf ihre Sanktionsliste. Bei meinem letzten Besuch konnte ich seine Werke nicht mehr finden, was aber nicht heißt, dass es sie da nicht weiter gibt. Auch sowjetische Nostalgie findet sich im Sortiment wieder, etwa in Jurij Poljakows „Sowjetische Kindheit“, das die Sowjetunion glorifiziert.

Im Russischen Haus trifft man nicht nur Russen

Im Mnogoknig trifft man längst nicht nur Russen, sondern auch Ukrainer, Litauer oder Belarussen – Frauen und Männer, Rentner, Teenager und Familien. Manche suchen ein Buch für sich oder ihre Eltern, andere möchten einfach Literatur in der Sprache lesen, mit der sie aufgewachsen sind. Was sie verbindet, ist weniger ihre Herkunft als die russische Sprache und die Sehnsucht nach Büchern, die auf Deutsch oft nicht erhältlich sind.

Ich glaube fest daran, dass russische Literatur einen Platz in Deutschland haben darf. Das bedeutet aber nicht, gegenüber Einrichtungen wie dem Russischen Haus unkritisch zu sein oder sich ihren politischen Verflechtungen mit dem russischen Staat zu verschließen. Im Gegenteil: Gerade dort, wo Kultur und Politik so eng miteinander verwoben sind, braucht es einen wachen, kritischen Blick.