Klimaanlage gegen Saunahitze, es steht 0:1. Der Saal im Zentrum Jerusalems ist so vollgepackt, dass jedes noch so gute Kühlgerät schlappmachen muss. Nur die Hälfte der Leute hat einen Sitzplatz, der Rest steht – und blockiert die Sicht. „Hey du, beweg dich“, ruft ständig jemand, „wir sehen hier doch gar nichts.“

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Vorne auf der Bühne steht der Star der Stunde: Gadi Eisenkot. Der 66-Jährige will neuer Regierungschef werden und die lange Ära Netanjahu beenden. Und alle Umfragen geben ihm dafür richtig gute Chancen.
„Das Erste, was ich als Regierungschef tun werde, ist, eine staatliche Untersuchungskommission zum 7. Oktober einzusetzen!“, verspricht Eisenkot, und die Menge klatscht begeistert.
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Israel: Gadi Eisenkot will die Wende einleiten
Es sagt viel über den Zustand Israels aus, dass man dafür bejubelt wird, das schwerste Massaker der Geschichte des Staates Israel aufklären zu wollen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Der Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 ging auch mit einem Versagen des Militärs, der Geheimdienste und der politischen Führung einher. Doch Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat eine unabhängige Aufklärung bis heute stur verweigert.
Gadi Eisenkot will die Wende einleiten. Dafür hat der frühere Generalstabschef eine neue Partei gegründet. Parteinamen sind selten originell, das ist ein globales Gesetz, und es gilt auch in Israel. Hier pflegt man eine Vorliebe für Adverbien. Eine Liste hieß „Vorwärts“, eine andere heißt „Zusammen“ – und jetzt gibt es eben „Geradeaus“ – die Partei von Gadi Eisenkot.
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Neuer Parteigründer setzt auf Ehrlichkeit statt große Versprechen
In diesem Fall ist die Namenswahl aber überaus stimmig. Denn als „gerade“ und „authentisch“ wird auch der Parteigründer selbst von seinen langjährigen Wegbegleitern beschrieben. Der Mann mit dem Teddybär-Lächeln macht keine großen Versprechungen, die er nicht halten kann.
Nach dem großmauligen Netanjahu, der selbst in seiner eigenen Partei als unzuverlässiger Taktiker bekannt ist, scheint das genau das zu sein, wonach sich viele in Israel sehnen. Eisenkot schafft, was lange Zeit unerreichbar erschien: Seine Partei hat die ewige Nummer eins, die Likud-Partei von Netanjahu, in den Umfragen überholt.
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Wahlkampf in Israel: Eisenkot gilt als „Anti-Netanjahu“
Auf die Frage, wen von den beiden sie für besser geeignet halten, Israels Regierungschef zu sein, sagen 38 Prozent Netanjahu – und 49 Prozent Eisenkot. Das ergab eine aktuelle Umfrage der Zeitung „Maariv“. Eisenkot gelingt ein schwieriges Kunststück: Seine Fans sehen ihn als starke Führungsfigur – und zugleich auch als einen wie du und ich. Das liegt auch an einer geschickten Kampagne. Eisenkot zeigt sich immer wieder selbst als 19‑jähriger Soldat der Golani-Brigade. Er war ein einfacher Kämpfer, Netanjahu hingegen gehörte einer Eliteeinheit an – wenn er nicht gerade in den USA an der Eliteuni studierte.
Nicht ohne Grund wird Eisenkot oft als „Anti-Netanjahu“ beschrieben. Hier Netanjahu, Sohn von Einwanderern aus Europa, der Vater Universitätsprofessor. Da Eisenkot, Sohn marokkanischer Immigranten, der im südisraelischen Eilat aufwuchs. Während Netanjahus Söhne im Krieg im Gazastreifen nicht als Reservisten einrückten, verlor Eisenkot an der Front seinen 25-jährigen Sohn Gal und zwei Neffen. Auf dem Begräbnis seines Sohnes versprach er ihm in seiner Grabrede, dass er alles tun werde, um dieses große Opfer an den Staat Israel zu würdigen.
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Eisenkot fordert Wehrpflicht für Ultraorthodoxe und arabische Israelis
Auch heute Abend, im überfüllten Vereinssaal im Zentrum von Westjerusalem, erwähnt Eisenkot diesen Verlust. „Es war ein hoher Preis, den wir als Gesellschaft und auch wir in meiner Familie bezahlt haben“, sagt er über den längsten Krieg in der Geschichte Israels. Was den Umgang mit der Hamas, der Hisbollah und dem Iran betrifft, trennt Eisenkot und Netanjahu nicht viel. „Erst muss die Hamas entwaffnet sein, dann ziehen wir uns aus Gaza zurück“, sagt er. Genauso hatte das auch Netanjahu formuliert. Im zweiten Libanonkrieg entwarf er eine Strategie der völligen Zerstörung schiitischer Dörfer. Diese Doktrin sollte später Einzug in die allgemeine Frontstrategie der israelischen Armee finden – auch im Gazakrieg.
Eisenkot ist durch und durch Militarist. Für Israels Schulen wünscht er sich, dass junge Menschen dort lernen, „den Ethos der Armee anzuerkennen“. Sein Lieblingsthema sind die rund 90.000 Ultraorthodoxen, die den Wehrdienst verweigern. Eisenkot will dem ein Ende setzen: Er fordert, dass alle jungen Israelis entweder Wehrdienst oder Zivildienst leisten – auch die israelischen Araber, die ein Fünftel der Bevölkerung ausmachen.

Fehlendes Charisma
In Israel heißt es immer wieder, Eisenkot fehle es an Charisma. In der Geschichte des Landes waren es aber oft diese vermeintlich charismalosen Politiker, die am meisten bewegten – etwa Yitzchak Rabin. Eisenkot selbst ist eher kein Politiker, der eine politische Lösung mit den Palästinensern herbeiführen wird. „In 66 Jahren habe ich nie das Wort ‚Palästinenserstaat‘ verwendet“, sagt er. Zugleich stellt er klar, dass eine Annexion des Westjordanlandes „gefährlich“ für Israel wäre. Was also, wenn weder „zwei Staaten“ noch ein Staat? Eisenkot legt sich nicht fest.
Im Jerusalemer Saal gibt es einen Zuhörer, den all diese vage Offenheit stutzig macht. „Woher soll ich wissen, ob Sie nicht erst recht wieder mit Netanjahu koalieren?“, fragt einer. Eisenkot, schon verschwitzt und müde, wird plötzlich wach: „Netanjahu ist der Ministerpräsident des 7. Oktober“, sagt er scharf. „Er ist ungeeignet für jede öffentliche Funktion.“











