Seit einigen Wochen schläft Liliya Chertenko mit ihrer Tochter Valeria jede Nacht im Korridor in ihrer Wohnung in Kiew. „Eine Shahed-Drohne ist in einem Nachbarhaus eingeschlagen, das hat mir große Angst gemacht.“ Der Korridor schützt nicht vor einem Volltreffer, aber vor umherfliegenden Glassplittern, sollte eines der Fenster von einer Druckwelle zerstört werden. Valeria ist erst neun. Sie kann sich kaum an eine Zeit ohne Krieg erinnern, sagt Liliya: „Eine Frau ist in erster Linie Mutter, und als Mutter kann ich sagen, dass meine Hauptaufgabe, meine größte Sorge, meinem Kind gilt.“
Die Nationale Universität für Technologie und Design der Ukraine ist ein in die Jahre gekommener Funktionsbau aus der Sowjetzeit und beinahe einhundert Jahre alt. Im Gang, der zu Liliyas Arbeitsstätte führt, leuchten patriotische Gemälde an den Wänden. „Ich denke, jeder Mensch findet seine eigene Rolle und kann auf seine Weise zu diesem Krieg und zum Kampf gegen den Feind beitragen“, sagt die 49-Jährige, die hier als außerordentliche Professorin am Lehrstuhl für Modetechnologie beschäftigt ist.
Starke Frauen in der Ukraine
Als die russische Invasion im Februar 2022 über die Ukraine hereinbricht, fliehen viele Frauen mit ihren Kindern ins Ausland. Andere bleiben. Der Krieg prägt ihren Alltag und hat ihre Lebenswirklichkeit dramatisch verändert. Nichts ist mehr wie vorher. Sieben Frauen erzählen in unserer Serie, was der Krieg mit ihnen gemacht hat – und wie sie die Rolle von Frauen sehen.
Mit Handwerk gegen die Folgen des Krieges
Im Krieg in der Ukraine haben bereits zehntausende Soldaten Gliedmaßen verloren. Überall im Land gibt es neue Reha-Zentren und Prothesenwerkstätten. Liliya Chertenko stellt Schuhe für Soldaten her, denen nur ein Teil ihrer Füße amputiert oder weggesprengt wurde. Es sei eine private Initiative, mit der sie versuche, „durch die Entwicklung und Produktion orthopädischer Schuhe Menschen in Not zu helfen“.
Die Herstellung orthopädischer Schuhe ist ein Handwerk, das zunehmend im Schatten steht. Es gibt nur noch wenige junge Menschen in der Ukraine, die ein Interesse an einer entsprechenden Ausbildung haben. Die letzte spezialisierte Fakultät wurde vor acht Jahren geschlossen. Schuhdesign ist aber immer noch gefragt.
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In einem kleinen Raum am Ende des Ganges stehen in den Regalen und auf dem Boden eine wilde Auswahl von Schuhen und Stiefeln, die Design-Studierende in den vergangenen Jahren entworfen haben. Slipper mit Gesichtern, Schuhe mit Flügeln, federgeschmückte Stiefel, andere mit dem ukrainischen Dreizack, High Heels mit Handgranaten als Absätze. Einige der Schuhe sehen äußerlich gewöhnlich aus, es sind aber Spezialanfertigungen für Menschen mit diabetischen Füßen oder eben für jene, denen der Krieg Teile ihrer Füße genommen hat.
Maßarbeit für Menschen mit Kriegsverletzungen
In einer Ecke steht ein 3D-Scanner. Damit misst Liliya die Füße von Verwundeten aus. Ein anderes Gerät ist eine Platte, auf der die Verwundeten gehen, sodass gemessen werden kann, wie sie laufen. Die Ergebnisse gibt Liliya in den Computer ein, ein 3D-Drucker entwirft dann die Modelle für die Schuhe. Sie zeigt Videos, auf denen Soldaten zu sehen sind, denen sie geholfen hat. „Einer ist mit einer partiellen Amputation zu uns gekommen. Er wollte weiterkämpfen, aber er ist in seinen Stiefeln immer gerutscht. Meine Stiefel waren die ersten, die ihm gepasst haben.“

Liliya forscht auch an Stiefeln für Soldaten an der Front. „Da brauchen sie Schuhwerk für extreme Situationen.“ Oft kommen die Männer und Frauen eine Woche und länger nicht aus ihren Stiefeln heraus. „Der Geruch ist dann fürchterlich, manchmal werden die Füße beschädigt.“ Sie hat jetzt einen Soldaten mit Stiefeln aus Hanf ausgestattet, die deutlich angenehmer sind. „Er war sehr dankbar.“
Gemeinsam stärker als der Krieg
Leider, sagt Liliya, würde ihre Arbeit anders als die Prothetik vom ukrainischen Staat kaum gefördert. Unterstützung erhält sie aus dem Ausland, ein deutscher Orthopädieschuhmacher gibt Trainingskurse und spendet Material. „Jedes Projekt, an dem ich arbeite, erfordert die Hilfe mehrerer anderer Menschen. Es sind sowohl Frauen als auch Männer.“ Ein Einzelner könne nicht viel erreichen. „Weder eine Frau noch ein Mann. Doch gemeinsam sind wir stark.“
Aktuelle News zum Ukraine-Krieg
Es gibt manchmal Tage, in denen Alina Maksymenko von der Angst überwältigt wird. Vor zwei Wochen ist eine Drohne in ihren Häuserblock eingeschlagen, gerade einmal zwei Stockwerke über ihrer Wohnung. Sie hat sich schützend über ihren zwölfjährigen Sohn geworfen, der Origami mag und die Schrecken des Krieges eigentlich gut verarbeitet. „Es ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Es gibt Momente der Verzweiflung. Aber wir kämpfen und glauben an eine bessere Zukunft.“





